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Die Tränen der tapferen Anja Beranek

Ein Sturz beendete das vermeintliche Traumrennen der Fürtherin - 21.07.2014 09:44 Uhr

Da war sie noch die Überraschung des Rennens: Mit Tränen in den Augen und einem Lächeln flog Anja Beranek den Solarer Berg hinauf. © Mark Johnston


Rachel Joyce hörte nur ein lautes „Bäng“. Und dann war sie alleine. So alleine, wie man bei 3482 Triathleten und 615 Staffelfahrern auf einer 85-Kilometer-Runde sein kann. Alleine war sie wegen eines Staffelfahrers, der hinter der Britin seine Linie verlassen hatte und Anja Beranek brutal aus einem Rennen riss, das sehr wahrscheinlich zum schönsten ihrer Karriere geworden wäre.

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Kurz bevor Mirinda Carfrae, die in Roth ein weiteres Mal bewies, die derzeit beste Langdistanztriathletin der Welt zu sein, ins Stadion einlief, rief die Fürtherin an. „Mich hat ein Staffelfahrer umgemäht.“ Anja Beranek klang gefasst, erstaunlich gefasst. Seit „der Niederlage von Kona“, so nennt sie das, hatte sie sich auf dieses Rennen vorbereitet. Sie ist in Bamberg geboren, wohnt in Nürnberg, startet für Erlangen, fühlt sich rechtschaffen als Bürgerin der Metropolregion. Roth hätte ihr Rennen werden sollen und dann wurde es durch einen vielleicht unerfahrenen, sicher aber anstandslosen Staffelfahrer beendet. „Und dann“, sagte Anja Beranek empört, „ist er einfach weitergefahren.“

Anja Beranek auch. Denn ihre Geschichte war mit dem Unfall nicht beendet. Sie, die nach „einem relativ schlechten Schwimmen“ und 80 Kilometern im Sattel überraschend souverän die Führung übernommen hatte, saß auf der Straße, überprüfte ihr Rad, sah sich ihre Schürfwunden an, stellte fest, dass nichts gebrochen war und stieg wieder auf ihre Zeitfahrmaschine. Noch vor Greding hatte sie wieder zu Rachel Joyce aufgeschlossen und dabei den Staffelfahrer überholt. Als sie an ihm vorbeifuhr, behauptete der, dass sie doch in ihn reingefahren sei. Anja Beranek sagte: „Du spinnst wohl.“ Und ließ ihn stehen.

Was ist wirklich passiert?

An der ersten steilen Rampe den Kalvarienberg hinauf aber musste sie feststellen, dass der Zwischenfall doch nicht glimpflich abgelaufen war. Das Schaltauge war verbogen. Und als sie abstieg, musste sie sehen, dass der Carbonrahmen angebrochen war, ebenso ihr Helm und ihr Radschuh. 20 Kilometer hatte sie noch einmal beweisen dürfen, in welch famoser Form sie angetreten war. Trotzdem endete ihr Traum von einer Zeit unter neun Stunden und vielleicht einem Platz auf dem Treppchen nach 120 Kilometern. Genauso wie auf Hawaii im Oktober 2013. Da war sie selbst ausgestiegen. Diesmal konnte sie nichts dafür.

Dass sie alleine am Straßenrand sitzenbleiben musste; dass ihr niemand geholfen hatte; dass mehrere Marshalls tatenlos an ihr vorbeifuhren und dass die Frauenspitze nicht geschützt wurde, das hatte sie geärgert. Zumindest sagte sie das. Anzuhören war ihr der Ärger nicht. Sie, deren Motto lautet: „hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitermachen“, hatte ihr Krönchen wieder gerichtet. Roth ist ihr Heimrennen. Das Nest wollte sie nicht beschmutzen, dazu ist ihr der Challenge zu wichtig.

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Bei der Pressekonferenz sollte sich dann zeigen, dass es ohnehin schwierig werden wird, den genauen Unfallhergang zu ermitteln. Kathrin Walchshöfer, die Renndirektorin, berichtete von Gesprächen mit Anja Beranek und mit dem Fahrer des Motorrads, der die ersten Frauen hatte begleiten sollen, aber laut eigener Aussage zum Zeitpunkt des Unfalls, vorausgefahren war, um einen Autofahrer anzuweisen, die Straße freizumachen. Daraufhin meldete sich Caroline Steffen, die Anja Beranek im letzten Moment hatte ausweichen können – und widersprach resolut. Ein US-amerikanischer Fotograf, der die Szene vom Rücksitz eines weiteren Motorads verfolgt haben will, berichtete von „einem Überlappen der Vorderräder“.

Zurück bleibt eine „total traurige“ Triathletin. „Ein dreiviertel Jahr habe ich für diesen Tag gearbeitet. Als ich nach Solar hinaufgefahren bin, hatte ich Tränen in den Augen.“ Eine Pause am Telefon. „Später noch einmal.“

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SEBASTIAN BÖHM (Nürnberger Nachrichten)

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