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Junge: "Eigentlich bin ich deplatziert im Basketballgeschäft"

Der neue Trainer im Interview über das Potenzial, den FCB und Bamberg - 21.06.2014 05:57 Uhr

Große Pläne: Ralph Junge will die Nürnberger für Basketball begeistern. © Sportfoto Zink / WoZi


Herr Junge, haben Sie schon einmal vom 1. FC Nürnberg gehört?

Ralph Junge: Na ja, als gescheiter Fußballfan weiß man natürlich auch über den 1. FC Nürnberg Bescheid. Ich komme aber aus München und ich muss gestehen, dass mein Herz eher für den FC Bayern schlägt.

Schon immer oder sind Sie einer dieser Erfolgs-Bayern-Fans?

Junge: Nein, kein Erfolgsfan, ich bin mit dem FC Bayern groß geworden. Als ich sieben, acht Jahre alt war, hat dieser Verein alle Titel auf der Welt gewonnen – da ist mir nichts anderes übriggeblieben. Aber wenn man in Bayern lebt, dann interessiert man sich natürlich auch für den FCN.

Dann können Sie sich vielleicht auch vorstellen, warum die Zahl der Leser eines Interviews mit einem angesehenen Basketballtrainer wahrscheinlich steigt, wenn man es mit einer Frage nach dem Club beginnt?

Junge: Das kann ich mir vorstellen, ja. Aber das gilt ja für fast jede deutsche Stadt. Fußball ist die Nummer eins, das muss man akzeptieren.

Auch wenn der Vergleich unzulässig ist: In Ehingen hatten Sie dieses Problem doch wahrscheinlich nicht?

Junge: Ehingen ist eigentlich eine Handball-Stadt und Fußball ist auch dort ein lokales Thema. Mit dem Basketball mussten wir uns da erst etablieren. Das war auch ein Prozess.

Haben Sie sich schon einmal Gedanken gemacht, wie Sie diesen Prozess in Nürnberg in Gang setzen wollen?

Junge: Ich denke, dass das Potenzial im Großraum Nürnberg riesig ist; sind wir erfolgreich und spielen attraktiven Basketball, entfacht sich die Begeisterung von ganz alleine.

Es kommt vor allem darauf an, wie man den Großraum definiert. In Nürnberg gibt es einen Sportbürgermeister, der Nürnbergern empfiehlt, zum Basketball nach Bamberg zu fahren.

Junge: Na ja, da glaube ich, dass sich die Nürnberger Basketball schon lieber in Nürnberg anschauen.

Aber Sie sind doch sicher auch schon an der Frage verzweifelt, wie man einer großen, an Fußball interessierten Öffentlichkeit vermittelt, dass Basketball spektakulär, rasant und ästhetisch ist?

Junge: Ich denke, dass durch das Engagement des FC Bayern schon viel passiert ist. Die erste Liga hat sich allgemein unglaublich entwickelt. Das Medieninteresse und die Aufmerksamkeit ist schon eine ganz andere geworden. Trotzdem ist Fußball die Nummer eins, daran wird sich und soll sich auch gar nichts ändern. Aber ich bin guter Dinge, dass wir hier eine Fankultur für Basketball etablieren können.

Wie kam es denn, dass Sie als kleiner, großer Fußballfan in München Basketballer geworden sind?

Junge: Das war Zufall, wie so oft im Leben. Ich habe auch mal Fußball gespielt, Leichtathletik gemacht, Tennis gespielt. Irgendwann haben die Ärzte zu einem großen Klassenkameraden von mir gesagt, dass es ihm nicht schaden würde, wenn er mal zum Basketball ginge. Alleine hat er sich nicht getraut, also bin ich mit. Nach dem zweiten Mal ist er nicht mehr hingegangen und ich bin geblieben. Als Spieler habe ich es dann nicht geschafft.

Nicht geschafft? Sie haben immerhin in der zweiten Liga gespielt.

Junge: Es nicht geschafft, mit Basketball Geld zu verdienen. Als junger Kerl träumt man natürlich davon, dass man mal erste Liga spielt. Dass ich mir „rechtzeitig“ die Kniescheibe gebrochen habe, hat mir die Erkenntnis vereinfacht, dass ich es dahin wohl doch nicht schaffe.

Was war der Spieler Ralph Junge für ein Typ?

Junge: Es gab sicherlich schnellere oder athletischere Spieler. Ich war ein ganz guter Werfer und ich glaube, ich habe das Spiel einigermaßen kapiert.

Sie haben in Evansville, Indiana, am College gespielt. Was haben Sie aus diesem Jahr mitgenommen?

Junge: Viel fürs Leben. Für einen Basketballer waren das paradiesische Zustände, damals habe ich in Deutschland in der Woche dreimal zwei Stunden trainiert, danach war das erledigt. In den USA konnten wir Tag und Nacht trainieren. Ein sensationelles Jahr, auch für meine persönliche Entwicklung. Damals gab es kein Internet, kein Skype, Telefonieren hat zwei Mark die Minute gekostet. Da war man wirklich ein Jahr weg.

Wenn Sie heute ein 19-Jähriger fragt, ob er aufs College in die USA gehen soll, was antworten Sie dann? In Deutschland gibt es nicht wenige, die behaupten, dass Basketballer am College zu sehr auf eine Rolle reduziert werden.

Junge: Aber das ist doch in Deutschland nicht anders. Es gibt nun einmal nur wenige Deutsche, die das Potenzial haben, mit Basketball so viel Geld zu verdienen, dass sie auf eine Ausbildung verzichten können. Wenn einer im Basketball 3000 Euro verdient, vielleicht sogar 5000, dann ist das nicht sein Leben. Da ist es sinnvoller, er geht in die USA, spielt danach noch zwei, drei Jahre Bundesliga und geht danach ins Berufsleben. In seiner Lebensplanung ist das vielleicht der bessere Weg.

So nüchtern betrachten Sie das?

Junge: Damit ist vielleicht nicht jeder Bundesliga-Manager einverstanden, wenn man das laut sagt, aber für den Menschen ist es vielleicht der bessere Weg. Und was den Sport betrifft: Niels Giffey und Elias Harris haben sich in den USA hervorragend entwickelt, Tibor Pleiß entwickelt sich in Europa hervorragend. Da gibt es keine Musterlösung.

Aber ist nicht gerade das Dilemma, dass lediglich diejenigen von Basketball leben können, die bereit sind, alles dafür zu opfern?

Junge: Ja und nein. Wir haben in Ehingen an der Urpring-Schule eine spannende Erfahrung gemacht. Bisher haben alle Schüler, die am Basketballprogramm teilgenommen haben, ihr Abitur gemacht. Die sportliche Belastung war dabei völlig egal. Die sind eher während der Sommerpause in der Schule schlechter geworden, wenn sie im Kopf auf Chill-Modus gestellt haben. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Jugendlichen heutzutage nicht überfordert sind, die sind eher unterfordert. Es geht nur darum, dass man sie richtig fördert.

Fühlen Sie sich mit dieser menschenfreundlichen Einstellung im mitunter ziemlich hässlichen Basketballgeschäft nicht manchmal deplatziert?

Junge: Das ist eine berechtige Frage, die ich eigentlich mit Ja beantworten muss. Das ist vielleicht genau der Grund, warum ich kein Angebot aus der Bundesliga angenommen habe. Vielleicht bin ich da manchmal auch zu sehr Idealist. Wir wollten in Ehingen auch immer Erfolg haben, aber ich behaupte, dass wir das auf einem anständigen Niveau gemacht haben. Natürlich haben auch wir in der zweiten Liga Spieler ausgetauscht. Aber gerade die amerikanischen Spieler haben da eine andere Mentalität. In der NBA wird nicht gefragt, ob man zu einem anderen Verein will, sondern das wird bestimmt.

Ihr neuer Klub ist dafür ein gutes und zugleich ein schlechtes Beispiel. Hier wurden viele Spieler ausgetauscht, andererseits aber stets auch Entscheidungen aus einer ungewöhnlichen Menschlichkeit heraus getroffen. Wie beurteilen Sie die letzten Jahre in Nürnberg?

Junge: Puh, das ist knifflig. Wir haben natürlich auch ein wenig geschmunzelt, weil da immer auch ein bisschen Geld verbrannt worden ist. Natürlich muss man in Nürnberg andere Gehälter zahlen als in Ehingen. Aber es geht auch immer darum, einen Weg zu finden, eine Identität zu entwickeln, aber natürlich auch einen professionellen Anspruch leben. Trotzdem muss es fair ablaufen. In Ehingen war eine unserer Stärken, dass wir eine Mannschaft haben. Das geht eben nur, wenn man eine gewisse Loyalität hat.

Kann man das eins zu eins auf Nürnberg übertragen?

Junge: Jein, in Urspring hatten wir viele Jugendspieler und dadurch eine ganz andere Verantwortung. Wenn wir einen Spieler von 14 Jahren geholt haben, hatte der die Garantie, dass er bis zum Abitur bleiben darf, auch wenn er sich verletzt. Das war eine Selbstverständlichkeit. In einer Profimannschaft ist das eine ganz andere Situation, wenn sich da einer verletzt, dann muss ich einen Ersatz holen. Man sollte sich dabei aber trotzdem seinen Anstand bewahren.

Im Finale um die deutsche Meisterschaft standen sich zwei Teams und zwei Trainer gegenüber, die den Anstand nicht immer gewahrt haben. Geht das ab einem gewissen Niveau nicht anders? Und: Wie groß ist die Gefahr, dass Sie irgendwann Ihre Anständigkeit verlieren?

Junge: Die erste Frage kann man vielleicht mit Pep Guardiola als Beispiel beantworten, der überall ein sehr positives Image hat. Ich glaube auch, dass es für jeden Vorgesetzten, im Sport oder in der Wirtschaft, wichtig ist, dass er authentisch ist. Jeder muss seinen eigenen Stil finden und, so viel zur zweiten Frage, ich hoffe, dass ich meinem Stil treu bleibe.

Im Basketball wird derzeit leidenschaftlich über Flopping (der Verteidiger versucht ein Offensivfoul zu schinden) und Faking (der Angreifer versucht ein Defensivfoul zu schinden) diskutiert. Was machen Sie, wenn einer Ihrer Spieler floppt?

Junge: Wahrscheinlich als Prinzessin bezeichnen. Akeem Vargas, einer unserer ehemaligen Urspring-Spieler, bringt ja gerade die BBL auf ein neues Level, was Provokationen angeht, das hat er schon als Jugendspieler gemacht. Da muss ich auch über die anderen lachen, die immer noch darauf hereinfallen. Aber ich bin da kein großer Fan davon.

Anderes Thema: 2012 wurde mit Frank Menz ein Nachwuchstrainer zum Bundestrainer gemacht (und mittlerweile wieder abgesetzt). Hat man Sie da eigentlich auch mal gefragt?

Junge: Im Nachwuchsbereich, ja, da war das immer mal wieder ein Thema. Mit dem 89er Jahrgang, mit Robin Benzing, Elias Harris, Philipp Schwethelm bin ich als Co-Trainer Vize- Olympiasieger geworden. Das war eine tolle Zeit, aber längerfristig wäre es schwierig gewesen, das mit Urspring zu kombinieren.

Könnten Sie denn überhaupt in einem Verband arbeiten?

Junge: Ich bin schon jemand, der eine gewisse Freiheit mag und kreativ sein will. Als Trainer ist es wichtig, dass einem nicht zu viele Leute reinreden. Das ist auch in Nürnberg so reizvoll. Alexander Lolis gibt mir im sportlichen Bereich volles Vertrauen, so dass ich die Chance habe, ähnlich wie in Urspring mit einem guten Partner etwas aufzubauen.

Immer wieder bei null zu beginnen, ist das genau, was Sie brauchen?

Junge: Vielleicht ist das so, ja. Ich bin damit groß geworden, nicht nur Trainer zu sein. Zu Beginn habe ich mich um alles kümmern müssen, vom Hallenschlüssel bis zum Shuttle- Transport. Vielleicht habe ich auch deshalb Spaß daran, nicht nur zu coachen, sondern auch nebenher kreativ und produktiv zu sein.

Ihre neuen Mitarbeiter schwärmen bereits von Ihrer Energie. Energie steht aber niemandem unbegrenzt zur Verfügung. Wie laden Sie wieder auf?

Junge: Man muss sich Oasen schaffen. Es ist schon so, dass man 24/7 mit Basketball beschäftigt ist. Aber wenn ich einen Berg rauflaufe, dann verschwindet Basketball irgendwann. Dann ist plötzlich eine ganz andere Energie da. Ich versuche, mich auch über kleine Dinge zu freuen.

Sie sehen aber auch so aus, als würden Sie regelmäßig Sport machen.

Junge: Das ist ein Trugschluss. Unser alter Teamarzt hat behauptet, dass ich genetisch bevorteilt bin. Ich mache zu wenig Sport. Ich würde auch gerne mal wieder Basketball spielen, aber wenn man den ganzen Tag eh schon in der Halle steht, dann kommt das zu kurz. Ich gehe gerne Skifahren, aber das wird jetzt wahrscheinlich nicht mehr ganz so einfach.

Fans interessieren sich dafür, wie der neue Kader aussehen wird, wir auch. Von wie vielen Spielern aus der letztjährigen Mannschaft haben Sie sich denn die Nummer geben lassen?

Junge: Von allen deutschen Spielern. Es wird einen Umbruch geben, keine Frage.

Zwischen Nürnberg und Ehingen besteht seit Jahren eine gesunde Rivalität. Einer, der diese Rivalität mit eindeutigen Sätzen befeuert hat, wird künftig Ihr Co-Trainer sein. Haben Sie schon mit Will Chavis geredet?

Junge: Ja, das habe ich. Man muss natürlich sagen, dass der Will die letzten fünf Jahre viel unter Ehingen hat leiden müssen. Von daher ist es schon in Ordnung. Ich freue mich auf den Will. Wir saßen vor ein paar Wochen länger zusammen, das war sehr, sehr positiv. Ich glaube, das passt ganz gut. 

SEBASTIAN BÖHM und SEBASTIAN GLOSER (Nürnberger Nachrichten)

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