Mittwoch, 19.12.2018

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Steiner Turnriege probt den komplizierten Spagat

Fehlender Übungsraum sorgt für große Probleme, trotzdem behauptet sich der TSV auf bayerischer Ebene - 06.07.2009

Häppchenweise Training: Weil die Hallen meist zu klein sind, müssen die Steiner Turnmädchen improvisieren. © Hans-Joachim Winckler


Für Cheftrainerin Judith Endisch ist die Leistungsturngruppe des TSV Stein das beste Beispiel dafür, dass die Stadt Stein mehr Platz für den Sport braucht. Und den erhofft sie sich von den seit sechs Jahren brachliegenden Tennishallen am Höllweg. Es wäre die Chance, endlich zu realisieren, worüber in Stein seit 25 Jahren geredet wird, sagt sie.

Die Steiner Turnerinnen darf man getrost als Aushängeschild der Stadt betrachten. «In ganz Mittelfranken gibt es keinen Verein, der sich mit uns messen könnte», erklärt Endisch. Seit sechs Jahren sind die Sportlerinnen kontinuierlich auf dem Siegertreppchen der bayerischen Meisterschaften vertreten. Zuletzt haben die Steiner 13 Medaillen geholt. «Das hat nicht mal das Leistungszentrum München geschafft», betont Endisch. Eine Leistung, für die die Steiner auch organisatorisch Kopfstände machen. Die Trainingszeiten orientieren sich allein am engen Belegungsplan der Hallen. Dabei tourt die Riege durch die Sportstätten: von der TSV-Turnhalle in der Mühlstraße über die Gymnasiumshalle am Weihersberg zur Hauptschulhalle am Neuwerker Weg. Und jedes Mal reduziert sich die Hallenzeit um 40 Minuten, weil die Eltern Schwebebalken, Sprungtische oder Barren auf- und abbauen. Von der Sicherheit ganz zu schweigen, wenn die Geräte eng an eng stehen. «Bei uns müssen die Mädels hart im Nehmen sein»,

sagt Endisch. Keine Schnitzelgrube federt den Sturz vom Stufenbarren ab.

In der einen Halle fehlt das große Trampolin, in der anderen der Barren, das Übungsprogramm ist vom Equipment im Geräteraum abhängig. Zwölf auf zwölf Meter Platz, um die Bodenkür am Stück zu üben, haben die Mädels nirgends, so wird das Programm abschnittsweise und im Stakkato der Musik auf einer Spezialbahn geübt. Vor Wettkämpfen mieten sich die Turnerinnen im 70 Kilometer entfernten Leistungszentrum ein, wo Platz ist für einen Komplett-Durchlauf der Kür.

Herber Rückschlag

Den würde sich Endisch auch in Stein wünschen, um mehr Talente professioneller fördern zu können. Herbe Rückschläge erlebt sie regelmäßig dann, wenn die Mädels im Alter von zehn, elf Jahren ans Gymnasium wechseln und der Nachmittagsunterricht mit den Trainingszeiten kollidiert. Erst unlängst ist ihr eine ganze Gruppe abgesprungen. «Das waren sehr talentierte und hochmotivierte Mädchen; wenn solche viel versprechende Anwärterinnen an den Umständen scheitern, das frustriert.» Der feste Geräteparcours wäre auch nötig, um die Turn-Talentschule einzurichten, die wiederum Voraussetzung ist, um Steins Turnerinnen für nationale Wettkämpfe zu melden. Anna Heuberger, Anna Hollerung und Katja Folkendt haben sich genau dafür qualifiziert.

Judith Endisch hofft, dass die angehenden Gymnasiastinnen bei der Stange bleiben und weiß doch, wenn sich an den räumlichen Voraussetzungen nichts ändert, muss sie ihnen wie schon etlichen anderen zuvor sagen, «wenn ihr professioneller turnen wollt, müsst ihr gehen». So wie Rosa-Lynn Schmitz, die sich vor drei Jahren für das Sportinternat in Chemnitz entschied und mittlerweile in der Bundesliga der Kunstturner mitmischt.

Die 17-jährige Silvia Jüttner ist in Stein geblieben und räumt regelmäßig bayerische Titel ab. «Könnte sie nicht auf die Unterstützung des pensionierten Landestrainers Walter Kordzumdieke zählen, der bei uns aushilft, wäre für sie ihr Niveau bei uns gar nicht zu halten», sagt Endisch.

Auch Silvia Jüttner hat sich für die deutschen Meisterschaften qualifiziert. Und musste überredet werden, «weil es eigentlich absurd ist, dass sie mit den wenigen Trainingseinheiten in der Woche mit Leuten konkurriert, die 40 Stunden die Woche trainieren.» Doch die Aussicht, möglicherweise auf der Matte neben Florian Hambüchen zu turnen, zog dann doch. 

Sabine Dietz

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