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Der japanische Avatar hält sich zurück

Die Würzburger Informatikerin Birgit Lugrin bringt künstlichen Wesen das passende Verhalten bei - 05.07.2015 17:13 Uhr

Je ähnlicher uns künstliche Charaktere sind, desto sympathischer finden wir sie: Das Paar auf dem linken Bild zeigt eine typisch deutsche Kommunikationshaltung, das Paar rechts dagegen die Körpersprache von Japanern im Gespräch. © Lugrin


Das Wesen, das neben Birgit Lugrin auf dem Schreibtisch steht, ist kaum größer als eine Puppe. Ein runder Kopf sitzt auf einem Rumpf ohne Extremitäten, seine Kugelaugen kann der kleine Kerl wild rollen. Statt Ohren stehen kleine Trichter vom Kopf ab, eine richtige Nase fehlt. Und auch der Mund ist lippenlos und winzig.

Der Reeti ist ein Roboter der niedlichen Sorte. Eine sympathische Mischung aus dem Weltaufräumer Wall-E aus dem gleichnamigen Animationsfilm und dem Star-Wars-Droiden R2D2. Und auch der Reeti hat eine Aufgabe im Universum: Er soll als sozialer Roboter eines Tages ältere Menschen unterstützen. Nicht als Pfleger oder Handlanger, sondern als soziales Gegenüber.

„Der Reeti könnte alte Menschen zum Beispiel morgens an Termine erinnern. Oder daran, regelmäßig zu trinken oder die Wohnung zu lüften“, zählt Lugrin, Professorin am Lehrstuhl für Mensch-Computer-Interaktion der Uni Würzburg, auf. Smartphones könnten das natürlich auch. Aber Ältere sind mit den Mini-Computern oft überfordert. „Der Reeti wirkt ,menschlicher‘ als ein Smartphone, er kann dadurch auch natürlicher kommunizieren“, sagt Lugrin. Bei ersten Studien im Altenheim kam der neue Mitbewohner gut an. „Wir hatten extrem positives Feedback“, berichtet die 34-Jährige.

Hallo, ich bin der Reeti: Die Medieninformatikerin Birgit Lugrin will dem kleinen Roboter die richtigen Umgangsformen beibringen. © privat


Ist Höflichkeit wichtig?

Lugrin findet den Kerl auch niedlich. Aber wenn die Medieninformatikerin über den kleinen Roboter spricht, kann das auch nüchtern klingen. Eine „antropomorphe Nutzerschnittstelle“ sei der Reeti, also ein Bindeglied zwischen Mensch und Maschine, in diesem Fall eines mit zumindest menschenähnlichem Antlitz. Auch virtuelle Verkäufer oder Assistenten fallen in diese Kategorie.

Allen ist gemeinsam, dass sie nur dann von ihren menschlichen Kunden akzeptiert werden, wenn ihr Sozialverhalten stimmt. Ein Roboter, der blechernen Einheitsbrei daherschnarrt, wird schlechter ankommen als einer, der mit seinem Gesprächspartner angemessen kommuniziert. Lugrin will deshalb herausfinden, wie Blicke oder Sprache des Reeti auf Menschen wirken – und sein Sozialverhalten feinjustieren.

„Je ähnlicher sich Mensch und Maschine in ihrem Verhalten werden, desto sympathischer empfinden die Nutzer ihr künstliches Gegenüber“, sagt die Informatikerin. Der Reeti muss also lernen, sich an sein soziales oder kulturelles Umfeld anzupassen. „Eine Frage ist zum Beispiel: wie höflich muss er sein?“, nennt Lugrin ein Beispiel. Eine joviale Aufforderung kann in den USA gut ankommen, in Japan dagegen befremdlich wirken. Auch das nonverbale Verhalten, etwa der Blickkontakt, muss stimmig sein.

Allzu männliches Gebaren, zum Beispiel durch sehr dominante Anweisungen, könnte Frauen verunsichern – und umgekehrt. Sehr persönliche Fragen zu stellen, würde ihm wiederum bei japanischen Omas und Opas Minuspunkte einbringen. Ob sie dann noch auf ihn hören würden? „Wir haben festgestellt, dass deutsche Nutzer typisch deutsche Verhaltensweisen bei solchen Agenten bevorzugen, und japanische Nutzer typisch japanische“, sagt Lugrin. Passt das Verhalten des Computers nicht, kann es sein, dass der Helfer abgelehnt wird.

Die Merkmale, die Lugrin für den Reeti entwickelt, sind aber nicht auf den Roboter beschränkt. „Es geht generell darum, menschliche Faktoren auf computerbasierte Modelle zu übertragen“, erklärt Lugrin. Nicht nur der kleine Hilfsroboter Reeti wird somit von seiner sozialen Ausbildung profitieren. Vielmehr lässt sich das Wissen auf alle Bereiche übertragen, in denen Mensch und Maschine miteinander kommunizieren.

Kultur am Handy lernen

Virtuelle Agenten im Internet könnten ihre Kundschaft so künftig persönlicher bedienen. Und auch das Navi im Auto könnte eines Tages seinen Auftritt verbessern, wenn es nicht mehr stur sein Programm abspult, sondern erkennt, ob die Person am Lenkrad männlich oder weiblich, aggressiv oder gelassen ist – und dementsprechend sensibel eine Route vorschlägt.

Und noch eine Idee trägt Lugrin mit sich herum. „Ein Langzeitziel von mir ist es, eine App für interkulturelle Lernszenarien zu entwickeln.“

Was bisher Managern in teuren Schulungen vorbehalten ist, könnte sich dann jeder auf das Handy laden und von virtuellen Lehrern erfahren, welches Verhalten im Urlaubsland verpönt ist und wo soziale und kulturelle Fettnäpfchen lauern. Damit ließe sich dann auch so manches Missverständnis zwischen Mensch und Mensch vermeiden. 

CHRISTINE THURNER

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