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Zeitzeugen erinnern sich an die Massenverhaftungen

"Das war kein Ruhmesblatt für die Justiz" - 04.03.2011 20:01 Uhr

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35 Jahre Massenverhaftung im KOMM

Am 5. März 1981 kam es im Nürnberger Komm, dem jetzigen Kulturzentrum K4 bzw. Künstlerhaus im KunstKulturQuartier, zu einem Ereignis, das bundesweit Schlagzeilen machte und als „Massenverhaftung“, „Komm-Massenverhaftung“ oder „Massenverhaftungen von Nürnberg“ in die Geschichte einging.


Egon Lutz, damals SPD-Bundestagsabgeordneter, eilte in jener Nacht vor 30 Jahren aus persönlicher Betroffenheit selbst per Taxi an den Ort des Geschehens: Seine 17-jährige Tochter Petra war unter den Verhafteten. „Sie hat im Komm Tee getrunken, weil sie dachte, das sei kein Verbrechen. War es ja auch nicht. Der Prozess ging ja aus wie das Hornberger Schießen.“ Die Massenverhaftungen am 5. März 1981 seien von München aus gesteuert gewesen, meint Lutz. „Man wollte ein Exempel statuieren“, sagt der heute 77-Jährige, der den damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß für den Drahtzieher im Hintergrund hält. Die örtliche Polizei habe sich von Strauß instrumentalisieren lassen, beklagt Lutz. Vier Tage sei seine Tochter in Gewahrsam geblieben. Der Politiker hat noch im Jahr 1981 in einem Beitrag für einen von Hermann Glaser verantworteten Dokumentationsband beschrieben, wie er eigentlich erst durch die Ereignisse jener Nacht verstanden hat, warum das Komm für viele junge Leute damals Heimat bot. 1990 schied Lutz nach 18 Jahren aus dem Bundestag aus, heute lebt er in Oldenburg.

Gustav Roeder, von 1978 bis 1991 Chefredakteur der Nürnberger Zeitung, stieß nach einem Kinobesuch zufällig auf den Demonstrationszug. Er hätte damals nicht gedacht, dass es in der Nacht noch zu einer solchen Eskalation kommt: „Ich bin eine Weile mitgegangen, und in dieser Zeit verlief die Demonstration friedlich. Einer der jungen Leute hat so eine Werbefahne heruntergerissen, da hat ihm einer der führenden Köpfe gesagt: ,Mach keinen Scheiß‘.“ Zudem sei der Zug von Polizisten flankiert gewesen. Der 87-Jährige glaubt, dass die Jugend von damals eine Einrichtung wie das Komm gebraucht hat: „Gut, es sah von außen etwas schmuddelig aus, aber die neue Generation wollte das so haben.“

„Am Montag hat in meinem Grundkurs Deutsch eine Schülerin gefehlt“, erinnert sich Jonas Lanig. Der 60-Jährige hat seinerzeit als junger Lehrer an der Peter-Vischer-Schule unterrichtet und war „kein Komm-Gänger“. Dennoch sei ihm und seinen Schülern sofort klar gewesen, dass sie gegen die Verhaftung der Schülerin („Carola hieß sie, glaube ich“) protestieren müssten. „Wir haben dann Transparente gemacht. Auf einem weißen Bettuch stand: ,Lasst unsere Carola frei!‘ Am Tag der großen Demonstration gegen die Verhaftungen sind wir geschlossen von der Peter-Vischer-Schule zum Lorenzer Platz gezogen, wo Hermann Glaser seine beeindruckende Rede hielt.“ Lanig, der heute am Scharrer-Gymnasum beschäftigt ist und dem Nürnberger SPD-Vorstand angehört, sagt, dass der Protest bis weit in die bürgerlichen Schichten hinein gereicht habe: „Viele waren wohl das erste und einzige Mal in ihrem Leben bei einer Kundgebung.“ Carola sei nach einigen Wochen wiedergekommen. „Sie hat nicht viel erzählt über ihre Erlebnisse in der Haft, sie hat das tief gehängt und wollte nicht gefeiert werden.“ Später habe sie das Abitur ordentlich über die Bühne gebracht. „Es würde mich interessieren, was aus ihr geworden ist.“

„Ich habe keine gute Erinnerung an diese Zeit“, sagt Klaus Kastner, der damals als Leiter der Pressestelle beim Oberlandesgericht Nürnberg die Auffassung der Justiz in der Öffentlichkeit verteidigen musste und dafür von der politischen Linken massiv beschimpft wurde: „Mir schlug blanker Hass entgegen. Dabei hatte ich nichts getan, ich war ja nur der Pressesprecher.“ Kastner ließ wegen der permanenten Beleidigungen und Belästigungen sogar seinen Namen aus dem Telefonbuch streichen. Der 74-Jährige, der zwischen 1998 und 2001 als Landgerichtspräsident amtierte, hält das Vorgehen der Polizei im Rückblick für falsch. Er glaubt, die Beamten hätten bereits bei der nicht angemeldeten Demonstration, „als die Leute randalierend durch die Stadt zogen“, eingreifen müssen: „Man hätte den Zug auseinander treiben und die Rädelsführer festnehmen sollen.“ Immerhin sei ein Schaden von rund 20000 Mark entstanden. Die Aufarbeitung der Vorfälle jener Nacht seien „kein Ruhmesblatt für die Justiz“ gewesen, sagt Kastner.

Heutzutage, denkt Hans Paul Seel, würden Polizei und Justiz wohl etwas moderater vorgehen – der stellvertretende CSU-Stadtratsfraktionschef glaubt aber dennoch nicht, „dass die Gesetzeshüter damals über Gebühr reagiert haben“. Der 67-Jährige ist der einzige aktuelle CSU-Politiker, der damals schon im Stadtrat saß. Mit der Komm-Debatte habe er allerdings wenig zu tun gehabt. „Da waren unsere alten Haudegen wie Georg Holzbauer und Helmut Bühl zuständig.“ Seel hat sich damals allerdings erstmals das Jugendzentrum angesehen. Heute glaubt er, dass die Stadt eine Einrichtung für Alternativkultur braucht – wenn auch nicht unbedingt an so prominenter Stelle.

„Unser Selbstverwaltungsmodell war einmalig“, sagt Michael Popp, Gründer des Komm und von 1973 bis 1987 auch dessen Leiter. Er ärgert sich, wenn die Geschichte der Einrichtung auf ein Datum verengt wird. „Mich schmerzt diese Verkürzung. Das Komm war ein Kosmos und der

5. März nur ein Stern, der einmal hindurchgerauscht ist, den Kosmos ingesamt aber nicht tangieren konnte.“ Allerdings macht Popp auch deutlich, dass dieser Stern „eine Spur der Verwüstung“ hinterlassen habe: Viele Jugendliche seien durch die Behandlung von Polizei und Justiz nachhaltig traumatisiert worden. Der 68-Jährige betont, dass jene Ära der Selbstverwaltung, die als Experiment begann, das Künstlerhaus mehr geprägt habe als alle anderen Phasen in der 100-jährigen Geschichte der Einrichtung. Die Verhaftungen interpretiert er nicht als Anfang vom Ende des Komm, hierfür sieht er andere Gründe: „Im Schraubstock zwischen Rechts und Linksaußen hat Selbstverwaltung keine Chance“, sagt Popp und erinnert an die CSU, die 1996 mit Anti-Komm-Parolen in den Wahlkampf zog, und an die Kompromisslosigkeit der autonomen Gruppen im Komm. Zudem sei in den 90ern auch der Zeitgeist über die Einrichtung hinweggegangen: „In den Jahren der Spaßgesellschaft war die konzentrierte politische Arbeit an gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr so angesagt.“ 

Marco Puschner E-Mail

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