Die Schicksalszahl: Was steckt wirklich hinter dem Inzidenzwert?

Tobi Lang

Online-Redakteur

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22.11.2020, 15:42 Uhr
Deutschland trägt Rot: Seit Wochen liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bundesweit deutlich über 100. 

© Rüdiger Wölk via www.imago-images.de, imago images/Rüdiger Wölk Deutschland trägt Rot: Seit Wochen liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bundesweit deutlich über 100. 

Als sie nach dem Ziel gefragt wird, gerät Angela Merkel kurz ins Stocken. Nicht lange, nur für wenige Sekunden, aber spürbar. Ein Journalist hatte sie bei der Pressekonferenz nach der Bund-Länder-Schalte am Montag nach der Dauer der aktuellen Pandemiemaßnahmen gefragt - wann kann der "Lockdown light", wie er oft genannt wird, beendet werden? Die Antwort der Bundeskanzlerin: Wenn die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen unter 50 sinkt. Nur dann, das wiederholen Merkel und der CSU-Chef Markus Söder dieser Tage gebetsmühlenartig, seien die Gesundheitsämter in der Lage, Infektionsketten aufzudecken - und exponentielles Wachstum zu verhindern. "Das ist keine fixe Idee", sagt Söder, "sondern eine durch Wissenschaft und Praxis belegte Zahl". Eine Schicksalszahl, wenn man so will. Eine, von der die Existenz von Gastronomen und Hoteliers abhängt, eine, die darüber entscheidet, ob Eltern ihre Kinder mit Masken in die Schule schicken müssen.

Zahlen üben während der Pandemie eine besondere Anziehungskraft aus. Sie verdeutlichen, machen Dinge anschaulich, in der Pandemie häufig mit roter Farbe und Drohkulissen. Der Epidemiologe Friedrich Pürner sieht in der Sprache der Politik Verbesserungsbedarf. "Seit Monaten werden Zahlen aneinandergereiht." Er kritisiert einen Begriffs- und Zahlensalat, der Laien verunsichert. Reproduktionszahl, Neuinfektionen, Belegung von Intensivbetten - ein Wust, den kaum einer durchblickt.

In der Fachwelt ist die Aussagekraft der sogenannten Inzidenzgrenzwerte umstritten. "Das ist eine politische Zahl", sagt Friedrich Pürner. "Niemand weiß, wie sie zustande kam, ob sie vielleicht gewürfelt wurde." Der ehemalige Leiter des Gesundheitsamtes Aichach-Friedberg kritisierte kürzlich die Corona-Strategie Bayerns öffentlich und wurde nur wenig später abberufen. Eine Strafversetzung, wie der Epidemiologe selbst sagt. "Die Staatsregierung kann offenbar mit fachlicher Kritik nicht umgehen."

"Ich nenne das die Zahl der positiv Getesteten"

Inzidenzen, sagt Pürner, beschreibt in der Medizin die Anzahl der Neuerkrankungen. Während der Corona-Pandemie aber wird die Zahl anders genutzt. "Ich nenne das die Zahl der positiv Getesteten, nichts anderes ist das", sagt der ehemalige Amtsleiter. "Sie wissen darüber nicht, ob jemand krank oder infektiös ist." Genau das, so der Epidemiologe, sei aber eigentlich relevant.

Mehr Appelle, weniger Verbote: Friedrich Pürner kritisiert die Pandemie-Strategie des bayerischen Staatsregierung.

Mehr Appelle, weniger Verbote: Friedrich Pürner kritisiert die Pandemie-Strategie des bayerischen Staatsregierung. © privat

Natürlich müsse man aufpassen, dass das Gesundheitssystem nicht kollabiere und immer genügend Intensivbetten frei sind. Aber darüber könne die Sieben-Tage-Inzidenz keine Aussage treffen. "Man bräuchte stattdessen einen Überblick über die tatsächlich Erkrankten", sagt Pürner, der ein erweitertes Meldewesen der niedergelassenen Ärzte vorschlägt. "Sie müssen nachsehen, wer wirklich krank ist. Denn nur die belasten das Gesundheitssystem."

Das würde auch den permanent überlasteten Gesundheitsämtern helfen. "Wir verfolgen Menschen, die häufig pumperlgesund sind", sagt Pürner. Die Nachverfolgung basiere nur auf der Annahme, dass alle positiv Getesteten infektiös sein könnten. "Und daraus ergibt sich dann wieder eine gewaltige Anzahl an Personen, die wieder in Quarantäne müssen." Eine Verschwendung von Ressourcen, meint der Epidemiologe. "Da muss man sich bei der Belastung der Mitarbeiter schon fragen, ob das noch Sinn macht. Wir sperren Menschen aufgrund einer Hypothese weg." Als Basis für konkrete Maßnahmen sei der Wert absolut ungeeignet.

Huml: "Halten ihn weiterhin für sinnvollen Richtwert"

Die Staatsregierung hält die Sieben-Tage-Inzidenz aber weiter für durchaus aussagekräftig. "Experten gehen davon aus, dass bis zu einem Inzidenzwert von etwa 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen die Kontaktpersonen von Infizierten gut nachverfolgt werden können", sagt Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml auf Nachfrage der Nürnberger Nachrichten. "Auch schätzen Experten es so ein, dass bis zu diesem Wert das Infektionsgeschehen allgemein weitgehend lokalisiert werden kann – und das ist wichtig, um gezielte Maßnahmen zur Eindämmung zu treffen."

Würde mehr Personal helfen? Das Ministerium widerspricht. In dem Moment, in dem die Grenze von 50 gerissen wird, könne man Infektionen nicht mehr lokal eingrenzen - unabhängig von der Besetzung der Gesundheitsämter, sagt Huml. Zwar wurden 1275 zusätzliche Stellen geschaffen, jeweils über 2000 Kräfte aus der Verwaltung, Polizei und anderen Behörden sind als Reserve verfügbar und auch die Bundeswehr hilft. Aber: Das Infektionsgeschen sei so "diffus", dass "flächendeckende Maßnahmen notwendig werden". Also etwa Ausgangsbeschränkungen, Restaurantschließungen oder die Maskenpflicht. "Deswegen haben wir uns für den Schwellenwert von 50 entschieden, und wir halten ihn weiterhin für einen sinnvollen Richtwert."

"Sie sehen einer Meldung nicht an, dass es sich um einen Superspreader handelt"

Es braucht einen Strategiewechsel in der Nachverfolgung - das sieht nicht nur der Epidemiologe Friedrich Pürner so. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte die Rückverfolgung aller Kontaktpersonen in einem Interview mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe erst kürzlich "ineffizient" - und schlug stattdessen sogenannte Corona-Detektive vor, die Superspreader aufspüren. Der Virologe Christian Drosten plädiert für Kontakttagebücher, in die jeder Deutsche seine Risikobegegnungen notiert, die Behörden dann als Grundlage für die Lokalisierung solcher Events heranziehen können. Es gehe darum sogenannte "köchelnde Cluster" auszuhebeln, denn, und hier sind sich Experten einig: Einige wenige Infizierte stecken viele weitere an. Der Großteil der Positiv-Getesteten, Forscher sprechen von bis zu 80 Prozent, tragen die Coronaviren kaum weiter.

"Dass wir uns Superspreader-Events priorisiert ansehen, passiert schon jetzt", sagt Ute Teichert. Die Vorsitzende des Ärzteverbands des öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) mahnt aber auch: "Sie sehen der ersten Meldung nicht an, dass es sich um einen Superspreader handeln könnte." Schon jetzt stehen Fälle an Krankenhäusern oder Altenheimen bei der Nachverfolgung im Fokus, einige Ämter auch in Franken rufen nicht mehr jede Kontaktperson persönlich an. Dennoch plädiert Teichert für mehr Personal. Die Bundesregierung hat festgelegt, dass während der Pandemie fünf Mitarbeiter im Gesundheitsamt auf 20.000 Einwohner kommen sollen. "Aber wir haben die Rückmeldung aus den Ämtern, dass es bei höheren Inzidenzwerten sieben oder acht sein müssten."

Zu wenig Personal und schlechte Technik: Ärger an den Ämtern

Auch die fehlende Digitalisierung sei ein Problem. "Da kommt ein Fax und das müssen sie händisch in die Eingabemaske tippen", sagt Teichert. "Und das im Jahr 2020." Es brauche dringend ein einheitliches System zur Kontaktpersonenerfassung.

Wichtiger als die Sieben-Tage-Inzidenz ist für die Gesundheitsämter die totale Zahl der Kontaktpersonen, sagt Teichert. Wenn sie nicht positiv getestet werden, fließen sie in die Statistik nicht ein – bei der Nachverfolgung sorgen sie aber für genauso viel Arbeit. "Im Frühjahr hatten wir zwei bis vier Kontaktpersonen, im Sommer zum Teil über 100", sagt Teichert. "Das ist ein entscheidender Unterschied." Trotzdem mache es Sinn, ein Schwelle festzulegen, ab der schärfere Maßnahmen greifen. "Das ist ein Wert, an dem man sich orientieren kann, auch wenn die Ämter unterschiedlich gut aufgestellt sind."

Nürnberg setzt auf Sonderteams für kritische Bereiche

Die Sieben-Tage-Inzidenz, sagt Britta Walthelm, bietet eine quantitativen Wert zur Orientierung. Die Nürnberger Gesundheitsreferentin und die Behörden in der Stadt beziehen aber auch andere Zahlen in die Risikobewertung mit ein – etwa wie viele Kontaktpersonen identifiziert werden müssen, auch die Positiv-Rate der Tests spielt eine Rolle.

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist einer von vielen Parametern, die die Gefährlichkeit der Pandemie beschreiben, sagt Nürnbergs Gesundheitsreferentin Britta Walthelm.

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist einer von vielen Parametern, die die Gefährlichkeit der Pandemie beschreiben, sagt Nürnbergs Gesundheitsreferentin Britta Walthelm. © Roland Fengler, NN

"Im zweiten Schritt muss immer eine qualitative Auswertung stattfinden." Geht es etwa um einen Ausbruch in einem Altenheim, dann macht eine Maskenpflicht in den Grundschulen wenig Sinn. In den vergangenen Wochen und Monaten gab es immer wieder konkrete Vorfälle – etwa massenhafte Infektionen an Schlachthöfen – die den Inzidenzwert in ganzen Landkreisen drastisch nach oben schnellen ließen, oft weit über die kritische Marke von 50 hinaus. Eine akute Gefährdung für die allgemeine Bevölkerung bestand aber nicht.

Gut 130 zusätzliche Mitarbeiter wurden allein in Nürnberg für die Kontaktnachverfolgung eingestellt, ein einzelner Telefonist macht Anrufe am Fließband. Ein gewaltiger Kraftakt, gerade bei massiv steigenden Fallzahlen. Auch in Nürnberg wird nicht mehr jede Kontaktperson einzeln angerufen. "Wir haben Sonderteams für kritische Bereiche", sagt Walthelm – also etwa Krankenhäuser oder Pflegeheime. "Je höher die Zahlen sind, desto mehr konzentrieren wir uns auf das Wesentliche."

"Schauen nicht auf die Kollateralschäden"

"Nackte Zahlen bringen wenig, sie machen nur Angst", sagt der Epidemiologe Pürner, der bis vor wenigen Wochen selbst Leiter eines Gesundheitsamtes war. "Seit März haben wir ständigen Alarmismus und eine Dramatisierung der Lage. Die Menschen sind erschöpft." Und genau hier wird es gefährlich, warnt Pürner. "Dann fehlt die Akzeptanz und ohne Akzeptanz werden sie keinen mehr überzeugen können."

Er ist für mehr Appelle, mehr Aufklärung - und weniger Verbote. Operationen werden aufgeschoben, Menschen vereinsamen, einige von ihnen bekommen psychische Erkrankungen oder werden womöglich wegen wirtschaftlicher Probleme suizidal. "Wir schauen nicht auf die Kollateralschäden der Pandemiemaßnahmen." Und genau das, sagt Pürner, sei fatal.

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