Gesellschaftskitt schwindet

Droht das große Vereinssterben?

Petra Bittner
Petra Bittner

Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

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Viele Traditionsvereine halten ihre Fahnen nur noch mit Mühe hoch. Lebendig bleiben vor allem jene, die die Zeichen der Zeit erkennen und ihre Weichen rechtzeitig in Richtung Zukunft stellen. 

Viele Traditionsvereine halten ihre Fahnen nur noch mit Mühe hoch. Lebendig bleiben vor allem jene, die die Zeichen der Zeit erkennen und ihre Weichen rechtzeitig in Richtung Zukunft stellen.  © Helmut Sturm, NN

Kaum eine Stunde habe es gedauert – dann waren 137 Jahre Tradition vom (Wirtshaus-)Tisch. „Mir hat´s irgendwann gereicht“, bilanziert Rudolf Heubusch seine Ära als Vorsitzender des Krieger- und Kameradschaftsvereins Weinsfeld. 2003 hatte er den Posten übernommen, sich aber „nie darum gerissen“. Dennoch mühte er sich, versuchte „dies und das“ - es blieb dabei: mäßig besuchte Zusammenkünfte, mangelndes Engagement. Gemeinschaftsleistung? Davon sei nichts zu spüren gewesen. „Das Interesse war weg“, schon lange. Bei der letzten Mitgliederversammlung vor drei Monaten stand deshalb nur ein einziger Tagesordnungspunkt auf der Agenda: Auflösung.

Kein Einzelfall. Und, nein, kein Leiden, das ausschließlich „Soldatenvereine“ befällt. „Die Problematik zieht sich durch“, weiß Vereinsberater Karl Bosch, ein Kenner der Materie. „Quer durch Deutschland, von Bayern bis Mecklenburg-Vorpommern, ist das Vereinssterben zu beobachten“, sagt Bosch. Landauf, landab könne ihnen kondoliert werden: Schützen, Sängerinnen, Kriegern, Keglerinnen, Kaninchenzüchtern...

Ergraute Grüppchen

Nicht wenige dieser traditionellen Verbünde seien mit den Jahren ergraut, hätten nun Probleme, einen „Vorndran“ zu finden und Nachwuchs zu generieren. Das Miteinander darbe, dünne sich aus, zerfalle. Dabei frönte man noch bis in die 1990er Jahre hinein der Geselligkeit, setzte Akzente mit Eventcharakter im Ort: Faschingsbälle, Fahnenumzüge, sonstige Feste.

Da mögen sich so manch´ gemeinsam gealterte Grüppchen beim Blick in den Rückspiegel verwundert die Augen reiben. Schließlich galten sie als Vereine dereinst doch etwas: Wertvoller Gesellschaftskitt, der die Leute in Verbindung brachte, sei man gewesen. Oder nicht?!

Es war einmal... – und kann auch künftig klappen. Dann, „wenn die Zeichen der Zeit erkannt werden“, fasst Karl Bosch zusammen. Im Klartext: „Ein funktionierender Verein ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr.“ Dazu sei die Konkurrenz, sprich das Freizeitangebot, inzwischen zu groß. Alternativ zum Alpenverein gehe man in die Boulderhalle, statt zum Kegelclub ins Bowling-Center, den Chor-Gesang übertönt wahlweise der Karaoke-Abend. Konjunktur haben Kurzfristigkeit und Unverbindlichkeit.

Unvereinbare Trias

Annegret Thümmler, Sachgebietsleiterin von „Füreinander“, der Kontaktstelle für Bürger-Engagement am Rother Landratsamt, kennt potenzielle Ursachen: Ehrenamt, Familie, Beruf - diese Trias sei für manche Zeitgenossen unvereinbar geworden, „weil die Erwartungshaltung eine andere ist als früher“.

Höchste Flexibilität im Job, gleichzeitig in der Vater- oder Mutterrolle brillieren und dann auch noch in einem Verein mitarbeiten? „Nein, danke!“, heiße es da häufig. Fürs Ehrenamt hätten die „Middle-Ager“ zwischen 30 und 50 Jahren „einfach noch zu viel um die Ohren“.

Und die schöne, neue Digitalwelt? Die suggeriert der Jugend indes, dass sich eine Sozietät auch am PC aktivieren lasse.

"Vereinsmeier" wie aus dem Buch

„Ganz arg schade“, findet Karl Bosch solche Entwicklungen. Der 59-Jährige lebt in Sonthofen. Er sei ein „Vereinsmeier“ wie aus dem Buch, gesteht der Allgäuer gern: Schon als Kind ist er Mitglied in sämtlichen Vereinen des Heimatdorfs, nach einem Umzug schlägt sein Herz für die Blasmusik. Er wird Vorsitzender der örtlichen Kapelle, und danach des ganzen Musikbezirks Sonthofen. Auch als Geschäftsführer eines 5000-köpfigen Sportvereins tut er sich hervor, ehrenamtlich. Hauptberuflich steht er seinen Mann als Leitungskraft im Bereich der Energieversorgung.

Bis 2015. Da habe er „eine Leidenschaft professionalisiert“, die Ausbildung zum zertifizierten Coach und Mediator absolviert und sich als Vereinsberater selbstständig gemacht. Seither gibt er deutschlandweit seine Erfahrungen weiter, begleitet Vereine auf deren Weg Richtung Zukunft. In Vorträgen, Seminaren, Sprechstunden. „Ich bin keiner, der alles besser weiß, aber jemand, der Möglichkeiten aufzeigt“, lautet Boschs Slogan. Ein „Anliegen“ sei´s.

Orte der Demokratie

Denn Karl Bosch sieht den Mehrwert intakter Vereine nicht alleine darin, Freizeitlücken zu füllen und Fun zu vermitteln. Da ist für ihn viel mehr: „Wenn alle Kinder und Jugendlichen in einem Verein groß würden, hätte der Staat keine Probleme mit seinen Bürgern“, glaubt Bosch.

Denn Vereine seien im besten Fall Orte, wo die Prinzipien der Demokratie vermittelt würden. Wo man das große Ganze – also den Zusammenhalt einer kleinen Gesellschaft - in den Blick nehmen, dieses mitgestalten und seine Meinung einbringen könne. „Basisdemokratie pur!“, begeistert sich Bosch.

Klingt gut. Warum dann aber diese Auflösungserscheinungen innerhalb der deutschen Vereinslandschaft? Die Antwort ist simpel: „Man muss heute was tun, um attraktiv zu bleiben!“

Modernisierungswille muss sein

Volker Straubinger bestätigt´s. Der 58-Jährige ist Vorstandsmitglied beim TSV Georgensgmünd und beim Gmünder Volkschor. Was er dort gelernt habe, sei unter anderem das: „Es braucht auch einen Modernisierungswillen, sonst wird das nichts.“ Nur wer dem Zeitgeist das (An-)Gebot der Stunde ablausche, bleibe überlebensfähig.

Dass ein moderner Sportverein Gesundheitsprävention und „angesagte Bewegungsarten“ à la Qigong oder Pilates ins Programm mitaufzunehmen habe – geschenkt. Viel schwerer hätten es „Traditionalisten“ wie der „Volkschor“, sich vom angestaubten Image zu befreien.

In Gmünd habe man zu diesem Zweck ordentlich am Repertoire gerüttelt: Englisches und vor allem aktuelles Liedgut ergänzt nun den „Brunnen vor dem Tore“. Zusätzlich erträllert sich ein Kinderchor das Interesse beim Nachwuchs.

Motto: Wer suchet, der findet Ideen. „Gilt selbst für Krieger- und Soldatenvereine“, unterstreicht Vereinsberater Bosch. Er kenne welche, die sich mittlerweile für soziale Belange engagieren, dezidiert Friedensarbeit betreiben, sich für weibliche Mitglieder öffnen, ein Museum gründen. Auch die Fusion mit Gleichgesinnten, wie sie brandaktuell bei DJK und Eintracht Allersberg diskutiert wird, sei eine Überlebensstrategie.

Verantwortung teilen

„Es braucht halt immer auch Menschen, die Verantwortung übernehmen“, betont Volker Straubinger aus Georgensgmünd. Hier hat man genau diese Problematik strukturell angepackt. Sowohl beim TSV als auch beim Volkschor ist die Vereinsspitze keine One-Man-Show, sondern ein Team. „Die Last verteilt sich auf mehreren Schultern“, männlichen und weiblichen.

Außerdem finde der Teamgedanke in den Abteilungen des TSV seine Fortsetzung. Damit sich die Übungsleiter („unser Rückgrat“) auch wirklich „aufs sportliche Geschehen konzentrieren“ könnten, werde das „Drumherum“ von anderen Mitgliedern organisiert. Die einzelnen Sparten würden da relativ autonom agieren. Und so sei´s auch gewollt.

Fazit: Der Pfad, auf dem Vereine zukunftsfähig wandeln, sollte also entsprechend gepflastert sein - mit einer durchdachten Struktur, demokratischen Prinzipien, Orientierung an der Gegenwart und zeitgemäßer Öffentlichkeitsarbeit.

Hilfe zur Selbsthilfe

Leichter gesagt als getan? Für all jene, die die Weichen neu stellen und/oder sich fürs Morgen rüsten wollen, hat Karl Bosch einen „Vereinsführerschein“ entwickelt: In sechs bis zehn Modulen werden Basics vermittelt zu Themen wie Führung, Steuerrecht, Datenschutz, Mitgliederakquise, Kommunikation oder Motivation. Der Landkreis Roth und die Stadt Schwabach haben das Angebot heuer erstmals in die Region geholt. „Lief super!“, sagt Annegret Thümmler von „Füreinander“ und ist´s gewiss: Fortsetzung folgt.

Auch Vereinssprechstunden, in denen Spezifisches beackert werde, biete man seit 2018. Und jüngst sei mit dem „Landesnetzwerk Bürgerengagement“ ein Vereinsworkshop auf die Beine gestellt worden. Thema: „Vielfalt als Chance“.

„Passend“, findet Volker Straubinger. Weil nichts die Gesellschaft besser spiegle als der Verein - „ein Mikrokosmos unterschiedlichster Individuen, die alle unter einen Hut gebracht werden wollen.“ Anstrengend, durchaus. Aber auch „unglaublich spannend“. Und am Ende stehe immer die Erkenntnis: „Allein biste gar nix!“

Kontakt: Probleme oder Lust auf Neuorientierung im Verein? „Füreinander“, die Kontaktstelle für Bürger-Engagement am Landratsamt Roth hilft weiter unter Telefon (09171) 81 11 25.

INFO: Laut „Freiwilligen-Survey“, einem regelmäßig erscheinenden Bericht zum Ehrenamtsengagement, gab es 2018 in Bayern 91 800 eingetragene Vereine. Jeder dritte davon sei in einer kleinen Gemeinde angesiedelt, heißt es. MeHr als die Hälfte aller Vereine zählt höchstens 100 Mitglieder. Jeder fünfte Verein in den Gemeinden und Kleinstädten Bayerns hat seit 2012 Engagierte verloren, in Großstädten hingegen jeder achte. Nur jeder vierte Verein in Bayern findet offenbar genug Menschen für ehrenamtliche Leitungspositionen. In der Mehrheit, so der Bericht, leisten maximal 20 Engagierte die gesamte Arbeit. Funktionsträger ließen sich generell nur noch schwer finden, die Bereitschaft zu temporären Einsätzen sei hingegen hoch. Ein wachsendes Problem sind offenbar die wachsenden Auflagen: Mehr als jeder dritte Verein wünscht sich weniger bürokratischen Aufwand. Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit, Soziales

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