ADAC-Test

Airbags und Gurte: Gleicher Schutz für alle?

3.9.2021, 12:50 Uhr
Nicht nur nach Norm gebaut: Crashtest-Dummys von unterschiedlicher Größe und unterschiedlichem Gewicht.

Nicht nur nach Norm gebaut: Crashtest-Dummys von unterschiedlicher Größe und unterschiedlichem Gewicht. © ADAC/Ralph Wagner

Im Rahmen von Crashtests lotet die Unfallforschung genau aus, was ein Verkehrsunfall mit den Fahrzeuginsassen macht – wie sehr sie sich verletzen also und in welcher Form.

Allerdings steht dieses an sich wichtige und sinnvolle Prozedere wegen der Person des Unfallopfers in der Kritik. Dessen Rolle spielt nämlich in aller Regel ein Dummy, der den sogenannten 50-Perzentil-Mann verkörpert. Er ist der mitteleuropäische Durchschnittstyp par excellence – 175 Zentimeter groß, 78 Kilogramm schwer.

Kein Durchschnitt

Frauen, Kinder oder sonstwie von körperlichen Durchschnittsmaßen abweichende Dummys kommen im Crashgeschehen auch vor, aber seltener. Das ist deshalb problematisch, weil die Ergebnisse der Tests auch in jene Maßnahmen einfließen, die unternommen werden, um Autos möglichst sicher zu machen.

Aufgrund „maskulin-orientierter Ergonomie und Sicherheitstechnik“, so hat es das von der HUK-Coburg-Versicherung getragene Goslar-Institut bereits im vergangenen Jahr bemängelt, würden Frauen und generell kleinere Personen bei Unfällen oft schwerere Verletzungen erleiden und häufiger sterben.

48 bis 125 Kilogramm

Der ADAC wollte wissen, ob verschiedene Personen tatsächlich gleich gut von Rückhaltesystemen wie Gurten und von Airbags geschützt werden. Dazu hat der Club vergleichende Crashtests mit Dummys unterschiedlicher Größe und Gewicht durchgeführt. Zwischen 48 und 125 Kilogramm wogen die Puppen, ihre Körpergröße betrug 1,51 bis 1,91 Meter. Jeweils einmal wurden sie von den Unfallforschern auf dem Fahrer und dem Beifahrersitz platziert.

Bereit für den Crash: Großer und kleiner Dummy.

Bereit für den Crash: Großer und kleiner Dummy. © ADAC/Ralph Wagner

Ein Anliegen der Tester war es auch, die Wirkung von herkömmlichen und adaptiven Rückhaltesystemen zu vergleichen. Kurze Begriffserklärung: Adaptive Systeme nutzen beispielsweise Sensoren und können so erkennen, wie heftig die Kollision ausfällt und wie groß und schwer der Insasse ist, sogar sein Alter verifizieren sie schon. Auf diese Weise ist es ihnen möglich, eine optimierte Schutzwirkung zu erbringen.

Als Ergebnis der Crashtests stellte sich heraus, dass die adaptiven Systeme tatsächlich die Belastungen eines Unfalls reduzieren konnten, speziell auf den erwähnten Durchschnittsmann, die kleine Frau und die ältere Dame unter den Dummys. Anders sah es beim besonders großen und schweren Insassen aus – ihn, so heißt es, konnten nur die konventionellen Gurte und Airbags ausreichend schützen. Sinnvoll wäre es für diese Personengruppe, auf zusätzliche alternative Rückhaltesysteme wie Knieairbag oder mehrfache Gurtstraffung zu achten.

60+: Erhöhtes Risiko

Außerdem untersuchte der ADAC, ob Pkw-Insassen bei Frontalzusammenstößen aufgrund von Größe und Gewicht ganz grundsätzlich ein erhöhtes Verletzungsrisiko aufweisen. Dabei ergaben sich keine Unterschiedliche zwischen männlichen und weiblichen Mitfahrern. Allerdings, so warnt der Club, könne das Alter eine Rolle spielen – wegen der sich reduzierenden Knochendichte würden Menschen jenseits der 60 häufiger schwere Verletzungen erleiden, besonders betroffen seien Kopf, Brustkorb und Bauchraum.

Bitte mit Bauch

Dass die Unfallforschung verstärkt Nicht-Norm-Dummys einsetzt, hat auch Siegfried Brockmann – Leiter der Unfallforschung der deutschen Versicherungen (UDV) – bereits gefordert: Senioren-Dummys schweben ihm vor, aber auch solche mit Bauch. Denn der Mitteleuropäer wird nicht nur älter, sondern auch dicker. Wer weiß, wie lange der 50-Percentil-Mann noch 50 Kilogramm wiegt.

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