Enfant terrible

"Vortex" von Gaspar Noé: Drama über das Altern

28.4.2022, 10:13 Uhr
Ihre Herzen schlagen weiter füreinander: Szene aus "Vortex" mit Françoise Lebrun als an Alzheimer erkrankte Frau und Dario Argento.

© Rapid Eye Movies Ihre Herzen schlagen weiter füreinander: Szene aus "Vortex" mit Françoise Lebrun als an Alzheimer erkrankte Frau und Dario Argento.

Ein Ehepaar um die 80 lebt in einer Pariser Wohnung, die mit Büchern und Erinnerungen überhäuft ist. Er ist Historiker und Filmtheoretiker, der ein Buch über die Verbindungen zwischen Kino und Traum schreibt. Sie eine pensionierte Psychoanalytikerin, die an Alzheimer leidet. Mit "Vortex" hat Gaspar Noé ein Drama über das Altern gedreht und darüber, was es bedeutet, sein Gedächtnis zu verlieren.

Noé verwendet fast die gesamte Filmdauer die Splitscreen-Technik, die den Bildschirm in zwei Teile teilt. Der schwarze Balken in der Bildmitte trennt sie und ihn und illustriert den Riss, der nicht mehr zu überwinden ist. Aus dem bisherigen Leben zu zweit des sich zärtlich verbundenen Ehepaars wird durch die Krankheit ein gemeinsames Nebeneinander.

"Für alle, deren Gehirn sich früher zersetzen wird als ihr Herz" hat Noé seinem Film als Widmung vorangestellt. Daraus spricht eine unendliche Zärtlichkeit, zugleich lässt der Regisseur keinen Raum für Illusionen. Das Schicksal des Paares ist für viele alte Menschen bittere Realität.

Werke wie "Menschenfeind", "Irreversible" oder "Love" haben Noé wegen brutaler Tötungsszenen und viel Sex den Ruf eines Enfant Terrible des französischen Films verschafft. Mit "Vortex" bringt der 58-jährige gebürtige Argentinier nun seinen persönlichsten Film ins Kino, zu dem ihn seine unter Alzheimer leidende Mutter inspirierte. So bewegend, zärtlich und zugleich so unsentimental hat noch kein Filmemacher vom Leben und Sterben mit Alzheimer erzählt.

Lebrun spielt atemberaubend

Dabei kann sich Noé auf seine unglaublich starken Hauptdarsteller stützen. Die 77-jährige Françoise Lebrun ("Die Mama und die Hure") verkörpert atemberaubend eine Frau, deren Gehirn langsam zerfällt, die ihre Sprache verliert und in den klaren Momenten, die ihr bleiben, daran verzweifelt.

Der 81 Jahre alte italienische Filmemacher Dario Argento ("Suspiria"), der maßgeblich den Giallo, das italienische Subgenre des Thrillers geprägt hat, stand für Noé erstmals vor der Kamera. Er und der von Alex Lutz gespielte drogenabhängige Sohn sind als Sorgende und immer wieder Scheiternde nicht weniger eindrucksvoll.

Alzheimer ist inzwischen ein durchaus häufiges Thema im Kino. Doch Noé bearbeitet den Stoff auf ganz eigene, besondere Weise. Ein klassisches Drehbuch gab es nicht, fast alle Szenen und Dialoge sind improvisiert, was dem Film eine zutiefst berührende Unmittelbarkeit verleiht. (135 Min.)

In diesen Kinos läuft der Film.