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Blick auf Abgründe: Fürther Folk-Sängerin Julia Laura mit neuem Album

Nichts fürs schnelle Ohr: "I Lock The Door Upon Myself" - 04.11.2020 19:35 Uhr

In dieses Kostüm verliebte sich Julia Laura, als sie es bei einer Theaterinszenierung in Eichstätt sah – und borgte es sich für das Coverfoto ihres neuen Albums aus.

04.11.2020 © Mina Reischer


Aus dem Ein-Frau-Projekt ist ein erweitertes Netzwerk geworden: Der Nürnberger Liedermacher Mark Timmins spielt E-Gitarre, Josua Bauer (Vincent von Flieger) steuert Keyboards, Akkordeon, Percussions und Waldhorn bei und Liedermacherkollegin Elena Steri liefert zusätzlichen Gesang.

Die Musik bleibt gleichwohl intim: schwere, langsame Folk-Noir-Balladen, minimalistisch und sparsam arrangiert, bei aller Feinteiligkeit stets reich an Tiefe und Intensität. Und dann ist da immer diese leise Magie, die mitschwingt und -schwebt und sich erst nach und nach entfaltet. Zum schnellen Nebenbei-Konsum ist das zweite Album von Julia Laura definitiv die falsche Wahl.

Düster, keinesfalls depressiv

Trotz erweitertem Personal und Instrumentarium steht die Sängerin und Gitarristin auch auf den zehn neuen Nummern im Mittelpunkt. Die junge Liedermacherin, die im Gespräch so viel lacht, dass von dieser Fröhlichkeit nichts mehr für ihre Lieder übrig bleibt, singt so komplett anders als ihre zahlreichen Singer-Songwriter-Kolleginnen aus der Region. Ihre Stimme allein stellt ein mächtiges Alleinstellungsmerkmal, das über allem steht und das eine große Klammer bildet, die alles zusammen hält. Doch außer dem tiefen, seltsam entrückten Gesang ist es auch die konsequente Grundierung, die fasziniert. Ein bisschen melancholisch gibt man sich ja gerne als Liedermacher. Die Musik von Julia Laura jedoch ist Düsternis pur, freilich nie zu verwechseln mit Depression.

Und wieder lädt die "Goddess Of Darkness" zum Abgründe-Gucken. Da passt es ins Bild, dass gerne auch mal mehrere Geschichten in einem Lied auftauchen. Die Texte sind sehr persönlich, bisweilen teuflisch und haben nach eigener Aussage viel mit Anschuldigungen zu tun.
Ein Gemälde des belgischen Symbolisten Fernand Khnopff mit dem Titel "I Lock The Door Upon Myself" spielt auf der Platte ebenso eine Rolle wie ein Gedicht der britischen Poetin Christina Rossetti. Natürlich geht es immer wieder um Liebe, auch wenn die Künstlerin hofft, dass man das nicht merkt.

Als Hörer beschleicht einen bisweilen das Gefühl, dass man es hier mit einer uralten Seele zu tun hat, die sich als junge Sirene tarnt. Denn für eine gerade mal 24-Jährige klingt das alles extrem reif ...

Jede CD ist ein kleines Unikat

Wie das Debütalbum ist auch "I Lock The Door Upon Myself" in wechselnden Wohnzimmern in Fürth, Nürnberg und Bayreuth entstanden, wieder komplett in Eigenregie. "Julia kam mit einem bitteren, wütenden Text zu uns und wollte ein noch dunkler klingendes Biest machen" schreibt ihr Mentor Stephen Burch (The Great Park). Bei dessen D.I.Y.-Feinschmecker-Plattenfirma Woodland Recordings ist das Album erschienen: im digitalen Format und – limitiert auf 100 Stück – als CD.

Von denen ist jede für sich ein Unikat, allein wegen der beiliegenden Kunstdrucke, die aus alten Büchern gerissen und mit Textzeilen von den Gedichten bestempelt wurden, die sich auf dem Album als gesprochenes Intro und Outro finden. Kreise öffnen und schließen sich, am Ende hängt alles zusammen. Tatsächlich könnte sich mit "I Lock The Door Upon Myself" auch ein Kapitel schließen. Beim Interview – einem nächtlichen Spaziergang durch die Stadt – verrät die Künstlerin, dass sie zuletzt die Elektronik für sich entdeckt hat. Und schon wieder eifrig an neuen Liedern schraubt. Es bleibt spannend im Mikrokosmos von Julia Laura.

Aktuelle CD: Julia Laura "I Lock The Door Upon Myself" (Woodland Recordings).

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