Filmleben

Blockbuster und "Tatort": Nürnberger ist Requisiteur beim Film

13.5.2021, 10:30 Uhr
„Am Filmset fragt dich keiner nach ’ner Ausbildung“: Josl Wild (rechts) bei den Dreharbeiten für den achten Franken-„Tatort“ mit Schauspielerin Eli Wasserscheid.

„Am Filmset fragt dich keiner nach ’ner Ausbildung“: Josl Wild (rechts) bei den Dreharbeiten für den achten Franken-„Tatort“ mit Schauspielerin Eli Wasserscheid. © Foto: BR/Hagen Keller

Kurz vor dem Sendetermin des Franken-"Tatorts" "Wo ist Mike" (16. Mai) sind die seit März laufenden Dreharbeiten für den nächsten Fall zu Ende gegangen: "Warum" wird 2022 ausgestrahlt. Die Darsteller Dagmar Manzel, Fabian Hinrichs und Co. hatten die Koffer schon gepackt, da war Setrequisiteur Johannes Wild noch damit beschäftigt, an den Drehorten "klar Schiff" zu machen.

Wild, 33, in Auerbach in der Oberpfalz geboren, in Nürnberg aufgewachsen, bringt seine Aufgaben so auf den Punkt: "Ich bin für alles zuständig, was die Schauspieler während des Drehs brauchen, um eine Szene zu spielen."

Wenn also ein Filmopfer ein blutverschmiertes Mobiltelefon benötigt, der Kommissar am Feierabend ein Bier aus der Flasche trinkt und eine Jazzplatte auf den Plattenteller legt, die Zeugin einen Regenschirm aufspannt, dann hat "der Josl", wie sie ihn am Set nennen, die Utensilien von der Außenrequisite übernommen, hergerichtet, zugereicht. Das geht vom winzigen Detail bis zur Ausstattung von Räumen.

Steht im Drehbuch, dass der flüchtige Verbrecher im Auto über einen Kiesweg rast, dort nach einem Regenguss aus Pfützen schmutziges Wasser hochspritzt, kann es vorkommen, dass die Pfützenmulden erst gegraben und mit Wasser befüllt werden müssen. Und das Auto kriegt nach der Fahrt eine Schlammschminke.

"Beim Film ist immer Zeitdruck, es geht um halbe Minuten, keine Sekunde darf verschwendet werden, denn Filmteams sind extrem teuer", sagt Wild, der schon sehr jung in diese Aufgaben hineinwuchs.

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Denn Josl, eigentlich Johannes, hat einen Onkel gleichen Namens: Johannes Wild der Ältere, ein deutscher Großmeister der Requisite, hat den Neffen schon als Kind beim Bauen und Basteln angeleitet und zu Filmsets mitgenommen. Als Bub begann Josl, daheim eine Geisterbahn zu bauen, ein nie ganz fertig gestelltes Mammut-Projekt in Originalgröße, das heute noch in Neuhaus an der Pegnitz besichtigt werden kann und bald nach Leipzig umzieht.


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Nach der Mittleren Reife machte er eine Ausbildung als Veranstaltungstechniker bei der Münchner Messegesellschaft. "Das wollten die Eltern, damit ich was Anständiges gelernt hab", sagt Wild, ein fast 1,90 Meter großer Schlaks. "Aber am Filmset fragt dich keiner nach ’ner Ausbildung. Die Leute dort haben die schrägsten Biografien und alle möglichen Berufe."

Pyramiden für Emmerich

Stets gehörte Josl Wild zu den Jüngsten, seine Filmvita ist spektakulär: 2001 – mit 13 Jahren – wirkte er als Ausstattungspraktikant beim Kinofilm "Resident Evil" mit Milla Jovovich in der Hauptrolle mit, 2003 bei (T)Raumschiff Surprise" (Regie: Michael "Bully" Herbig); 2005 war er beim Bühnenbau für "Das Parfüm" (Regie: Tom Tykwer) beschäftigt. Wild: "Die Filmwelt ist überschaubar. Man muss sich bewähren, dann wird man wieder angefragt. Wenn du Mist baust, bist du schnell weg vom Fenster."

Zeit ist beim Film relativ – während am Drehtag alles in Sekundenschnelle bereit sein muss, hat Wild als Setbauer schon mal ein halbes Jahr daran gearbeitet, ein Dorf in Vorarlberg aufzubauen, damit eine eigens gesprengte Lawine eben diese Siedlung in Sekunden mit ins Tal riss ("Der Atem des Himmels", 2010). Für Roland Emmerichs Blockbuster "10 000 B.C." baute er monatelang Pyramiden und Kräne im Maßstab 1:24.

Nicht mit anderen Berufen zu vergleichen

Die Filmarbeit ist kaum mit anderen Berufen zu vergleichen. Zwar liest Josl Wild vor dem Start das Drehbuch, aber das große Ganze steht für ihn bei der täglichen Arbeit weniger im Fokus als der Moment. Meist wird eine Szene x-mal abgedreht, aus verschiedenen Blickwinkeln. Dann wird ein Raum auch mal umgestaltet, werden Möbel im Zimmer verrückt und kommen anschließend exakt zurück auf Position. Verlässt ein Darsteller den Raum laut Drehbuch mit Hut in der Hand, ist es Wilds Job, die Kopfbedeckung zu reichen. Jeder aus dem Team erhält täglich einen Arbeitsplan mit den Drehszenen und exaktem Arbeitsbeginn; Pünktlichkeit ist Pflicht. Josl Wild sorgt dafür, dass zum Drehstart alle relevanten Details bereitstehen.

Bezahlt wird ihm wie im Handwerk ein Stundenlohn – etwa 25 Euro sind realistisch; dazu Überstunden, Wochenenden, Urlaubsansprüche, auch Sozialleistungen wie Rentenansprüche werden vergütet. Entsteht nach einem Auftrag eine Pause, meldet man sich arbeitslos. Für die Berufssparte hat das Arbeitsamt eigene Ansprechpartner.

Für Wild ergibt das übers Jahr einen Arbeitsrhythmus, den er schätzt. Nach dem Nürnberg-"Tatort" folgt für ihn ein weiterer in Dresden, dazwischen zwei Wochen Pause. Ein neuer Kinofilm im Anschluss ist schon vereinbart. Wie es danach weitergeht, ist offen. Auch längere Phasen der Nichtbeschäftigung gibt es. "Man arbeitet entweder Nonstop oder hat ganz frei – das ist ganz nach meinem Geschmack", sagt Wild. An seinem Wohnsitz in Leipzig spielt er in seiner Punkband "Ratzeputz" Gitarre und Akkordeon, die erste CD ist in Produktion.

Kein Glamour

Wer sich das Setleben glamourös vorstellt, täuscht sich. Zwar gibt es traditionell drei Partys pro Film – vor Drehbeginn, in der Mitte und am Ende – doch da man immer wieder auf dieselben Kollegen trifft, seien das keine wilden Feten, sondern eher launige Familienfeiern. Sein Job ist etwas für stressresistente Individualisten – das Privatleben leidet unter der Unplanbarkeit: "Ein paar Mal schon kam ich vom Dreh zurück und die Freundin war weg", erzählt er achselzuckend. Josl hält das aus, er begreift sich als Einzelgänger mit Anschluss an seine Punk-Clique. "Ich bin ein Vagabund, das liegt mir im Blut", sagt er und lacht.

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