Montag, 18.11.2019

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«Das Wohnen wird zum Riesentheater“

Einrichtungstrends der Deutschen in Ost und West: Ein Interview mit dem Sachbuchautor Peter Richter - 04.01.2007

Herr Richter, was unterscheidet unser Zuhause von dem anderer Europäer?

Peter Richter: Kein Volk der Welt gibt so viel für Möbel und Heimelektronik aus wie die Deutschen. Entsprechend sehen unsere Wohnungen aus: extrem voll, als würde man sich auf eine mehrjährige Belagerung einstellen, die man mit Unterhaltungselektronik und schönen Dingen durchstehen muss. Die deutsche Wohnung ist auch immer eine Wappnung gegen die böse Außenwelt.

Auch andere schaffen sich ihre Idylle zu Hause, die Engländer etwa.

Richter: Ja, die Engländer haben den berühmten Spruch «My home is my castle», aber nicht im Sinne von prunkvollem Schloss - wer englische Wohnverhältnisse kennt, weiß, dass es dort extrem beengt zugeht -, sondern im Sinne von Schutz der Privatsphäre. Sie lassen nicht so schnell Fremde ins Haus wie die Deutschen. Dafür schirmen wir uns mit blickdichten Gardinen ab. Allerdings lässt man sich mittlerweile offensichtlich gerne beim Wohnen zusehen. Die vielen Einrichtungsshows im Fernsehen stehen für einen Riesentrend. Prominente lassen Homestorys machen, weil sie wissen, dass die Leute an der Einrichtung erkennen wollen, wie jemand ist: Zeig mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist. Das führt dazu, dass die Leute anfangen, sich zu inszenieren, das Wohnen wird zum Riesentheater.

An der Sendung «Einsatz in vier Wänden» mit Tine Wittler lassen Sie kein gutes Haar. Sie schreiben: «Vorher sah es so aus wie bei jemandem zu Hause, nachher wie bei Ikea. Die Frau weint vor Glück. Ich auch. Aber vor Angst.» Warum?

Richter: Die Leute prostituieren sich, für ein paar Möbel oder um ins Fernsehen zu kommen. Das Prinzip ist dasselbe wie bei den Nachmittagstalkshows, wo Dreizehnjährige über ihre Sexualprobleme reden. Die hohe Quote von Tine Wittler kommt sicher nicht daher, dass die Zuschauer wissen wollen, wie die Wohnung später aussieht. Das Ergebnis ist immer das Gleiche. Das Interessante ist: Wie sah es vorher aus, wo sind die Leute gescheitert? Es geht immer um Beschämung.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von Erziehungsterror. Was meinen Sie damit?

Richter: Wir alle unterliegen dem Snobismus von Leuten, die meinen, in ihrer Geschmacksbildung weiter zu sein. Das Schlimmste ist, dass sich diese herablassende Art moralisch tarnt. Die Massen an Einrichtungszeitschriften, die jeden Monat an deutsche Kioske kommen und zyklisch immer wieder dieselben Trends verkünden, tun so, als würde dadurch das Leben einfacher. Das ist eine Zumutung! Deswegen dieser brachiale Aufschrei, der Schrei nach Freiheit, der dieses Buch durchzieht.

Bis heute ist der Bauhausstil erfolgreich. Was macht ihn so zeitlos?

Richter: Ich glaube, es liegt an der Verbindung von Ästhetik, Distinktion und Moral. Diese puristischen Innenräume können ja unheimlich gut aussehen. Es ist aber der Stil einer besser verdienenden Klientel. Darin drückt sich auch die deutsche Sehnsucht nach Innerlichkeit aus und eine gewisse Wehrbereitschaft, die aus dem Militärischen kommt. Man sitzt nicht bequem, sondern so, dass man jederzeit aufspringen kann. Hinzu kommt Feigheit. Wer sich funktional einrichtet, liegt nie ganz daneben.

Wo bleibt da die deutsche Sehnsucht nach Gemütlichkeit?

Richter: Es gibt so viele Ansichten darüber, was gemütlich ist, wie es Menschen gibt. Bei Bildungseliten finden wir eine gewisse Gemütlichkeitsfeindlichkeit. Besserverdiener distanzieren sich mit der Corbusier-Liege von den Leuten in den Plattenbauen, wo diese Möbel ästhetisch eigentlich hingehören. Die Bewohner der Plattenbauten kaufen Schrankwände, knallen sich die Hütte voll mit Holz, warmen Farben und Wandschmuck - ihr Kampf gegen die Kühle der Betonästhetik.

Diese Ästhetik ist auch ein Ergebnis der «Befreiung des Wohnens». Wovon sollten die Menschen befreit werden?

Richter: «Die Befreiung des Wohnens» ist ein Schlagwort der modernen Architektur und bedeutet konkret, dass man in den 1920er- und 1930er-Jahren im «frei fließenden Grundriss» Koch-, Wohn- und Schlafbereich ineinander übergehen ließ. Diese Bewegung war massiv antibürgerlich, wollte ein neues Lebensgefühl, eine neue Politik. Man sollte sich nicht mehr untertänig in überfüllten Schwulsthaushalten verstecken, sondern Licht und Luft an sich ranlassen. Die Fenster wurden größer, liegende Fensterformate, Entgrenzung - mit dem Impetus, einen besseren Menschen heranzüchten zu wollen. Dieser Zuchtgedanke war bei den Bauhausleuten auf eine unangenehm prägnante Art und Weise vorhanden. Von wegen Befreiung, die Wahrheit ist: Wer in einem befreiten Büroturm mit Fensterfront und intelligenter Klimafassade arbeiten muss, wird wahnsinnig. Wenn die Sonne draufknallt, schwitzen sich die Leute tot. Wenn eine einzelne Wolke vorbeizieht, knattert das ganze Haus. Ein ebenso trauriges Beispiel ist die Küchendurchreiche. Sie ist das, was rauskommt, wenn man den neuen Menschen schaffen will und das misslingt. Damit sind wir wieder bei den Eigentümlichkeiten des sozialistischen Plattenbaus.

Küchendurchreichen gab und gibt es aber auch im Westen.

Richter: Aber keine innen liegenden Küchen ohne Fenster. Die Befreiung der Frau von den Zwängen der Haushaltsführung war ein großes Thema der Linken. Das bedeutete für den sozialistischen Plattenbau: Bad und Küche sollten so klein wie möglich sein, die berufstätige Frau hat ja keine Zeit zum Kochen. Die fröhliche Familie sollte abends in die Volksgaststätte gehen. Tatsache war, dass Mutti zur Arbeit ging, das Kind abholte und sich dann in die fensterlose Küche stellte. Weil Vati vorm Fernseher nach seinem Bier schrie und Mutti was vom Leben mitbekommen sollte, wurde 1971 oder 1972 die Küchendurchreiche im Plattenbau eingeführt. Das wurde als große politische Errungenschaft gefeiert, war aber auch ein Eingeständnis, dass man die Hausarbeit nicht abschaffen konnte.

Interview: JEANNETTE VILLACHICA

Peter Richter «Deutsches Haus. Eine Einrichtungsfibel». Goldmann Verlag, 224 Seiten, 18 Euro

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