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Die Nürnbergerin Dagmar Bittner ist "Schausprecherin"

Von Hörbüchern bis TV-Serien: Die 39-Jährige hat eine Stimme für (fast) jede Lebenslage - 27.04.2020 14:40 Uhr

Spaß bei der Arbeit: Dagmar Bittner hat Talent fürs Spielen hinter dem Mikrofon. © Foto: Alexandra Schunder


Los ging alles mit einer persönlichen Krise vor zehn Jahren. Gefangen in einem soliden, aber schrecklich öden Bürojob, der sie zunehmend verzweifeln ließ, zog Dagmar Bittner gerade noch rechtzeitig die Reißleine – und fasste einen kühnen Plan: Ein kompletter Neustart als Schauspielerin sollte es werden, doch der gestaltete sich mühsam.

Nebenher begann die Nürnbergerin jedoch, bei Fan-Hörspielen im Internet mitzusprechen. Und merkte, dass sie Talent fürs Spielen hinterm Mikrofon hat. Bald folgten erste kleine Rollen in kommerziellen Produktionen. Dagmar Bittner kniete sich rein, arbeitete fleißig an ihrer Aussprache, verschickte viele hundert E-Mails und Demos – um nach drei Jahren zum ersten Mal festzustellen, dass sie von ihrer Stimme leben konnte. Noch nicht gut, aber es ging. Ins Büro ist sie nie wieder zurückgekehrt.

 

"Hören ist Erleben"

 

Auch wenn sie immer wieder für Werbung, Imagefilme und Erklärvideos gebucht wird, so ist ihr Hauptbetätigungsfeld heute Hörbuch und Hörspiel. Als Schausprecherin – so ihr selbstgewähltes Berufslogo – ist sie querbeet von Hochkultur bis trivial unterwegs; und in allen Genres. Die Rolle der Insel-Kommissarin macht ihr ebenso viel Spaß wie die der Psycho-Stalkerin oder eines rotzfrechen Radieschens. Inzwischen arbeitet sie regelmäßig für die großen Namen in der Branche: Audible, Argon, DAV, Der Hörverlag, Disney, Bastei-Lübbe ...

"Hören ist immer auch Erleben", sagt Dagmar Bittner, die sehr visuell denkt. Beim Einsprechen läuft im
Idealfall ein ganzer Film vor ihrem geistigen Auge ab, mit Schnitten und Kameraperspektiven. "Wenn es mir gelingt, auch noch die Emotionen der Figur mitschwingen zu lassen, die nicht im Text stehen, dann erst wird das Hörbuch farbig – und vielleicht noch mal ein Gewinn zum Selberlesen."

Hinter all dem steckt wie so oft harte Arbeit. Da es in Nürnberg weder eine Hörbuch-/Hörspiel-Szene noch entsprechende Studios gibt, ist Dagmar Bittner viel unterwegs. Mit dem Zug pendelt sie zwischen den Medienstädten Köln, Berlin, Hamburg und München, wo sie ganze Tage in Aufnahmestudios sitzt und liest, bevor sie zur Nacht leer ins Hotelbett fällt.

Ihre Wohnung in der Nürnberger Altstadt sieht sie oft tagelang nicht. Die Zeit zwischen den Aufnahmen verbringt sie viel mit Vorbereitung und Textarbeit, mit Lesen, Manuskriptbearbeitung oder auch der Recherche, wie man Namen und Fachbegriffe korrekt ausspricht (Tipp von der Fachfrau: www.forvo.com). Korrespondenz und Akquise, Buchhaltung und Steuer wollen natürlich auch noch erledigt werden. . .

Wo die Stimme das Kapital ist, will das Kapital auch mal geschont werden. Schweigen, die Ohren frei kriegen – auch das ist Teil des Jobs. Dagmar Bittner raucht nicht, trinkt kaum Alkohol. In klimagekühlten Zugabteilen hat sie immer Schal und Jacke griffbereit, denn in ihrem Job ist jede Erkältung ein Drama.

Wie viel Schauspielerei steckt in der Arbeit nur mit der Stimme? "Man braucht einen emotionalen Zugang, die Spielfreude und Fähigkeit, in verschiedene Rollen eintauchen zu können. Am Mikrofon muss ich aber nicht auf Knopfdruck wirklich Tränen produzieren können, sondern brauche sie nur in der Stimme. Da geht es dann oft um Nuancen."

 

Fränkischer Dialekt

 

Im Gespräch mit Dagmar Bittner schimmert ein süßer fränkischer Dialekt durch, den die 39-Jährige wie auf Knopfdruck ausschalten kann. Beeindruckend. "Ach was", winkt die quirlige Fränkin ab. "Das eine ist das Gelernte, das man anwendet und wo man genau weiß, was man mit seiner Stimme anstellen kann. Das andere ist das Ursprüngliche, das aus einem raus sprudelt und wo die Dagmar dann gerne auch mal klingt wie eine rostige Ente, wenn sie sich über etwas amüsiert."

Tatsächlich mag die Sprecherin Dialekte, schätzt das Persönliche und die Identität, die da mitschwingen. "Leider geht das in der Medienlandschaft immer mehr verloren. Wenn man sich bei Kinofilmen die Original-Tonspur anhört, dann sind da oft ganz viele Dialekte. Offenbar stört es die amerikanischen Zuschauer null, wenn der eine von der Westküste kommt und der andere aus New York. In der deutschen Übersetzung verschwindet das alles."

InfoDerzeit kann man Dagmar Bittner u. a. im Live-Stream des Konfuziusinstituts mit wechselnden Kinderbuchlesungen erleben. Fünfter und letzter Teil des Hörbuchstreams am Do., 30. April, um 18 Uhr. Der Link folgt der Homepage der Künstlerin:

www.schausprecherin.de

STEFAN GNAD

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