„Die seelische Genesung dauerte Jahre“

30.4.2005, 00:00 Uhr
Michael Degen 2002 im Nürnberger Schwurgerichtssaal 600 bei den Dreharbeiten zu dem Film „Leo und Claire“, der 2002 in die Kinos kam. Degen spielte darin den Juden Leo Katzenberger, der wegen „Rassenschande“ vor Gericht stand. F.: Linke

Michael Degen 2002 im Nürnberger Schwurgerichtssaal 600 bei den Dreharbeiten zu dem Film „Leo und Claire“, der 2002 in die Kinos kam. Degen spielte darin den Juden Leo Katzenberger, der wegen „Rassenschande“ vor Gericht stand. F.: Linke © -

Herr Degen, die Rote Armee hat Berlin erobert und Sie im Mai 1945 befreit. Bis dahin hatten Sie mit Ihrer jüdischen Mutter versteckt im Berliner Untergrund überlebt. Woran erinnern Sie sich?

Michael Degen: Immer an die eine Sache: an das ratternde Geräusch russischer Panzer, die früh morgens durch Kaulsdorf-Süd kamen. Da waren wir versteckt. An die Jungs in den Khakiuniformen, diese erschöpften Gestalten auf den Panzern. Das waren die Menschen, die ich mir so sehr herbeigesehnt hatte.

Was bedeutet Ihnen dieser Tag?

Degen: Das war der erregendste Tag meines Lebens. Ich feiere ihn nicht, aber ich denke immer daran. Bis dahin hatte ich nur diese scheußlichen Hakenkreuzflaggen gesehen, Hitler — dieses brüllende Tier im Radio und jene Leute, die mir meinen Vater genommen hatten. Plötzlich kamen Menschen, die mich nicht verfolgen würden, die mich umarmten, und mit denen ich vernünftig reden konnte.

So positiv waren Ihre ersten Erfahrungen mit russischen Soldaten?

Degen: Erst einmal wurden wir, meine Mutter und ich, enttäuscht. Die kämpfende Truppe, die wollte nur ein paar Marmeladengläser klauen. Aber das, was dahinter kam, das waren schon Leute, die sich sehr mies benommen haben. Obwohl ich deren Wut und Zorn sehr gut verstehen kann. Dass sie sich rächen wollten an denen, die ihre Heimat zerstört und Millionen getötet hatten. Wir hatten Glück, weil wir ja gleich unter dem Schutz eines dieser Besatzungsoffiziere standen.

Was meinen Sie damit?

Degen: Als russische Soldaten mit ihren Gewehrkolben an unsere Tür hämmerten, hatten wir natürlich Angst. Denn über den englischen Sender hatten wir schon allerhand gehört. Meine Mutter sprach Russisch mit ihnen und versuchte, sie zur Vernunft zu bringen. Aber der Offizier glaubte uns natürlich nicht, dass wir Juden sind und wurde immer zorniger und brutaler. Er versuchte, uns in eine Falle zu locken. Mich hat er auf die Probe gestellt: „Wenn du jüdisch erzogen bist und dein Vater gestorben ist, dann sprich das jüdische Totengebet!“ Als ich das Kaddisch aufsagte, ist er unsicher geworden. Dann verlangte er noch ein anderes Gebet — und als das auch noch kam, fing er furchtbar an zu weinen. Er selbst war ein Jude aus Leningrad. Wir wurden seine Schützlinge.

Hat der jüdische Glaube für Sie nach dem Krieg noch eine Rolle gespielt?

Degen: Nein. Ich bin ausgetreten, habe damit aber gewartet, bis meine Mutter tot war. Nach Auschwitz war es mir nicht mehr möglich, an einen Gott zu glauben. Mir ist auch diese übergroße Demut der jüdischen Glaubenswilligen suspekt und Ausflüchte zu suchen, wie etwa: Je mehr man leidet, desto größer wird einmal der Dank im Himmel sein. Das ist doch alles Quatsch.

An was glauben Sie heute?

Degen: An die Moral jedes Einzelnen. Jeder ist in entscheidenden Situationen auf sich selbst und seine eigene Moral zurückgeworfen. Ich kann und darf einem Menschen nichts antun, das ist meine Ethik. Dazu brauche ich keine religiösen Gesetze.

Sie waren bei Kriegsende gerade ein Teenager. Nun waren sie frei — was war das Schönste für Sie, das Sie endlich wieder tun konnten?

Degen: Schön? Schön war gar nichts! Mein bester Freund Rolf starb, als wir zusammen spielten. Er trat im Wald auf eine Mine und verblutete. Berlin war unglaublich zerstört. In der Luft lag ein Verwesungsgeruch — den ich noch heute in der Nase habe. Meine Mutter rutschte auf einem gefüllten Handschuh aus — da war noch eine Hand drin, eine abgerissene Hand.

Wann haben Sie begonnen, sich wieder als ein normaler Mensch zu fühlen?

Degen: Die seelische Gesundung, die hat Jahre gedauert. Sie müssen sich vorstellen, in unserem Versteck bei Hotze in Kaulsdorf mussten wir in der Wohnung immer unterhalb des Fensterbretts durchkriechen, um für den Nachbarn — einen strammen Nazi — unsichtbar zu bleiben. Zugezogene Gardinen wären ja verdächtig gewesen. Noch sehr lange nach der Befreiung haben wir uns, wenn wir an offenen Fenstern vorbeigegangen sind, automatisch gebückt.

Ob in Peter Zadeks Inszenierung „Ghetto“, in George Taboris Stück „Kannibalen“, in Josef Vilsmaiers Kinofilm „Leo und Claire“ oder zuletzt im Kinofilm „Babi Jar — das vergessene Verbrechen“ — Sie haben sich Ihrer Vergangenheit immer wieder gestellt. Wie ist Ihnen diese Form der ganz persönlichen Vergangenheitsbewältigung bekommen?

Degen: Bis ich in „Nicht alle waren Mörder“ meine Kindheitserinnerungen aufschrieb, waren das für mich Rollen, wie jede andere auch. Nach der Veröffentlichung meines Buches hat sich das geändert, weil sich auch mein Blickwinkel auf diese Zeit verändert hat. Damals hatte ich alles mit den Augen des Jungen gesehen, der den Krieg oft als Abenteuer empfunden hatte. Beim Schreiben sah ich alles plötzlich mit den Augen meiner Mutter, eben mit den Augen des Erwachsenen. Seither ist vieles schwerer geworden. So kann ich etwa Menschen, die über 70 Jahre alt sind, heute nicht mehr unbefangen die Hand geben.

Viele prominente Menschen jüdischen Glaubens bekommen Drohbriefe — Sie auch?

Degen: Früher kamen sie anonym. Heute ordentlich mit Absender und Telefonnummer. In den 80er Jahren habe ich einmal gegen ein öffentliches Treffen der ehemaligen Angehörigen der Leibstandarte Adolf Hitler in Bad Hersfeld protestiert. Daraufhin wurde meine Hamburger Wohnung demoliert und ich bekam Morddrohungen. Interview: MARKUS GÖTTE