"Die Türkei ist ein Land der Gewalt"

19.3.2021, 16:49 Uhr
Teilen viele Erfahrungen: Die Writers-in-Exile-Stipenditiatin Nazli Karabiyikoglu (li.) und ihre Vorgängerin Sehbal Senyurt Arinli.

Teilen viele Erfahrungen: Die Writers-in-Exile-Stipenditiatin Nazli Karabiyikoglu (li.) und ihre Vorgängerin Sehbal Senyurt Arinli. © Foto: Michael Matejka

So "silent, peaceful and slow" sei Nürnberg, sagt Nazli Karabiyikoglu und lacht und ist froh, dass hier alles ruhiger, langsamer und vor allem friedlicher ist als in der Türkei. Vor vier Wochen kam die türkische Autorin und Aktivistin als "Writers-in-Exile"-Stipendiatin des deutschen PEN-Zentrums in die Stadt, wo sie die ersten sieben Tage wegen Corona in Quarantäne verbrachte. In Nürnberg fühlt sie sich sicher – "das ist das Wichtigste für mich".

Zweimal verhaftet

Dankbar ist die 35-Jährige auch der Journalistin und Dokumentarfilmerin Sehbal Senyurt Arinli, die das dreijährige PEN-Stipendium 2017 erhielt und die Betreuung ihrer Nachfolgerin übernommen hat, ihr bei den Behördengängen hilft und sie mit der Stadt vertraut macht. Arinlis Ayslantrag ist inzwischen anerkannt, sie hat einen Flüchtlingspass, in die Türkei kann sie nicht zurück. "Ich würde an der Grenze festgenommen", weiß die 58-Jährige, die wegen ihres politischen Engagements zweimal verhaftet wurde und einer dritten Inhaftierung durch die Flucht nach Deutschland entkam.

Alltägliche Übergriffe

Nazli Karabiyikoglu war davon nicht unmittelbar bedroht, sicher fühlte sie sich aber schon lange nicht mehr. Mit ihrem Einsatz für die #MeToo- und die LGBTIQ-Bewegung hatte sie sich unbeliebt gemacht in einem Land, in dem Gewalt gegen Frauen und nicht-heterosexuelle Menschen zum Alltag gehört. Nach einem Artikel über sexuelle Belästigung und Mobbing in der türkischen Literaturszene wurde sie sogar von Frauen attackiert, ihr Verlag, bei dem sie mehrere Bücher veröffentlicht hatte, distanzierte sich von ihr.

Sie habe täglich verbale oder körperliche Übergriffe erlebt, "nur weil ich eine Frau bin", erzählt Karabiyikoglu, die an der prestigeträchtigen Istanbuler Universität Bogazici studierte und ihre Masterarbeit über Maskulinität schrieb. Der Begriff ist für sie nicht an das biologische Geschlecht gebunden, sondern steht allgemein für eine aggressive Haltung gegenüber Menschen, die als schwächer angesehen werden.

Zunehmend repressiv

"Die Türkei ist heute ein Land der Maskulinität und Gewalt", sagt Karabiyikoglu und schreibt das klar der zunehmend repressiven Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan und der rechtskonservativen AKP zu. Am Anfang seiner Regierungszeit als Ministerpräsident habe Erdogan zum Zeichen der Toleranz noch Blumen an die "Pride" in Istanbul, die größte Parade der LGBTIQ-Bewegung in Südosteuropa, geschickt. Und bis vor zehn Jahren hätten Frauen und queere Menschen auch nachts unbehelligt unterwegs sein können.

Doch die Hoffnung auf eine Demokratisierung des Landes, die Erdogan im Zuge der (inzwichen auf Eis liegenden) Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der EU schürte, hat sich bekanntlich nicht erfüllt. Obwohl Homosexualität in der Türkei nicht unter Strafe steht, wurde die Gay Pride 2015 von der Polizei mit Wasserwerfern aufgelöst und in den Folgejahren verboten, nachdem Nationalisten und Rechtsextreme angekündigt hatten, die Parade mit Gewalt zu stoppen.

Mit Mord bedroht

Nazli Karabiyikoglu hat die Türkei Ende 2017 verlassen, ein halbes Jahr nach dem Verfassungsreferendum, mit dem sich Erdogan als Präsident weitestgehende Machtbefugnisse zusicherte. Bereits nach dem gescheiterten Putschversuch vom Juli 2016 habe sich die Situation dramatisch zugespitzt, so Karabiyikoglu. Anhänger der Queer-Bewegung seien oft willkürlich als Terroristen eingestuft und in den Sozialen Medien mit Mord bedroht worden.

In ihrem selbstgewählten ersten Exil Georgien fühlte sie sich halbwegs sicher, aber auch ausgegrenzt, ohne Kontakt- und Verständigungsmöglichkeiten. "Dort spricht keiner Englisch." Zudem wurde sie in dem christlich orthodoxen Land als queere Frau ebenfalls angefeindet.

Verlag in den USA

Den Weg in den Westen ebnete ihr schließlich das PEN-Stipendium. Man spürt im Gespräch, wie erleichtert die 35-Jährige ist. Auch in Nürnberg will sie sich für die Rechte von Frauen und Queers engagieren, Deutsch lernen und weiter schreiben. Für ihren neuen Roman, der – in fiktionaler Form – von ihren eigenen Erfahrungen handelt, hat sie bereits einen Verlag in den USA gefunden.

Wie wertvoll das ist, weiß Sehbal Arinli nur zu gut. Sie hat auch die Sprachlosigkeit erlebt, mit der das Exil für viele Autoren verbunden ist, dass man nicht mehr gehört wird, kein Publikum, keine Arbeit mehr hat. Für die Journalistin, die in der Türkei für BBC, CNN und Reuters tätig war und mit ihren Filmen auf die Situation ethnischer und politischer Minderheiten aufmerksam machte, war der Verlust aller sozialen und beruflichen Kontakte eine traumatische Erfahrung.

Leben aus dem Koffer

Inzwischen blickt Arinli wieder zuversichtlich nach vorn. Sie arbeitet als Übersetzerin, für Migranten- und Menschenrechtsvereine und wurde bis Corona oft zu Lesungen eingeladen. 2019 organisierte der PEN einen Briefwechsel zwischen ihr und der seit 1990 in Deutschland lebenden ungarischen Schriftstellerin Terézia Mora, der unter dem Titel "Zwei Autorinnen im Transit" im binooki Verlag vorliegt. Und im April erscheint ihr Buch "Leben aus dem Koffer – Tagebuch einer Exilantin" im Aschendorff-Verlag.

"Ich lebe in Deutschland und will hier mit den Menschen arbeiten. Aber zur Hälfte lebe ich weiter in der Türkei", sagt Arinli. Nazli Karabiyikoglu nickt und weiß, dass es bei ihr genauso sein wird.

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