Die verrückte Welt des Kevin Coyne

24.9.2020, 19:22 Uhr
Im „Musikraum“ der Ausstellung erinnern u.a. Artikel aus renommierten Musikmagazinen und Zeitungen an den Erfolg des Blues-Musikers in den 70er und 80er Jahren.

Im „Musikraum“ der Ausstellung erinnern u.a. Artikel aus renommierten Musikmagazinen und Zeitungen an den Erfolg des Blues-Musikers in den 70er und 80er Jahren. © Foto: Roland Fengler

Das etwa war die Frage, die sich der langjährige Kulturchef der Nürnberger Nachrichten und enge Coyne-Freund Steffen Radlmaier vor einigen Jahren stellte. Eine Ausstellung und ein Buch legen jetzt die zwingende Antwort nahe: Was bleibt, ist ein großes Werk, das wiederzuentdecken sich unbedingt lohnt. Auch weil Coyne ein Künstler war, der sich nie um des Erfolges willen verbiegen ließ.

Die von Radlmaier in Zusammenarbeit mit dem Leiter des Nürnberger KunstKulturQuartiers Michael Bader und Manfred Rothenberger vom Institut für moderne Kunst herausgegebene Monografie bietet einen umfassenden Einblick in Leben und Gesamtwerk. Die Ausstellung konzentriert sich vor allem auf den Maler und Zeichner Coyne. Matthias Dachwald vom Kunsthaus und Gastkuratorin Susann Scholl ist dabei ein wunderbarer, klug strukturierter Streifzug durch die "verrückte" Bilder-Welt des Kevin Coyne gelungen.

Von zärtlich bis bitterböse reicht das Spektrum. Witz, Nachdenklichkeit sowie ein feiner Sinn für die Abgründe des Alltäglichen schwingen immer mit. Und so wie die Liebe zu den Randgestalten und Außenseitern ist Coynes gesamte Kunst untrennbar mit seiner Biografie verbunden. Das zeigt die Ausstellung gleich zum Auftakt – mit Zeichnungen, in denen er mit wenigen, aber virtuos gesetzten Strichen seine Kindheit reflektiert und sich an seine Alkoholsucht erinnert, aus der ihn die "Flucht" nach Nürnberg und eine neue Liebe retteten.

Den Narren, die Coyne seit seiner frühen Zeit als Maltherapeut an einer psychiatrischen Klinik im englischen Derby ans Herz gewachsen waren, ist ein Raum gewidmet. Wobei die Figuren seiner Zeichnungen hier nicht für Individuen stehen, sondern unser aller Dämonen und Ängste verkörpern.

In direkter Gegenüberstellung sind "The Beginning" und "The End" zusammengefasst. Ungewohnt ernst wirken die frühen, expressionistischen Gemälde und Zeichnungen, in denen der Künstler als genauer Beobachter des Alltags ein ziemlich düsteres Welttheater entwirft. Dagegen überraschen die heitere Vielfarbigkeit und die verspielten Mensch-Tier-Arrangements, die Coyne, bereits schwer an Lungenfibrose erkrankt, kurz vor seinem Tod schuf. Seinen Sarkasmus hat er sich bis zum Schluss nicht nehmen lassen – das belegen die Einträge in seine Tagebücher, die in einer Vitrine ausgelegt sind.

„Hölle“ heißt dieses Gemälde, das Kevin Coyne 2002 malte und in dem sich der Schrecken mit hinreißendem Witz paart.

„Hölle“ heißt dieses Gemälde, das Kevin Coyne 2002 malte und in dem sich der Schrecken mit hinreißendem Witz paart. © Repro: Roland Fengler

1991 begannt Coyne eine intensive malerische Phase, deren Spannbreite von der Pop Art über mythisch-fantastische Motive bis hin zu fast abstrakten Arbeiten reicht und die mit markanten Beispielen vorgestellt werden. Auch als scharfen politischen Kommentator kann man ihn da erleben: "He could kill", "Angry", "Hunger" heißen Bilder, die die böse Fratze von Hass, Gewalt und Gier zeigen. In "Adolf und Eva" mutiert Hitler zum gespenstergleichen Taschendieb, der Eva den schwarzen Finger an die Stirn hält.

Viele bislang nie gezeigte Arbeiten vor allem aus dem zeichnerischen Nachlass präsentiert die Ausstellung. Dabei deckt die Auswahl laut Matthias Dachwald nur einen Bruchteil des in Nürnberg von Coynes Witwe Helmi Coyne und dem Weidener Journalisten Stefan Voit gehüteten Mammutwerks des Künstlers ab.

Und natürlich fehlt bei diesem Buch/Ausstellungs-Großprojekt, das erstmals überhaupt eine Annäherung an das Gesamtkunstwerk von Kevin Coyne unternimmt, auch der Musiker nicht. Für ihn ist ein eigener Raum gewidmet. Neben seinen Cover-Entwürfen, einer kleinen Auswahl seiner rund 40 (!) Alben und Zeitungsausschnitten läuft dort nonstop die 2002 gedrehte Doku "One Room Man" von Boris Tomschiczek inklusive einiger Konzertausschnitte. Wer Kevin Coyne da live erzählen, philosophieren und vor allem mit seiner mächtigen, warmen Bluesstimme singen hört, vermisst ihn plötzlich aufs schmerzlichste.

InfoDie Ausstellung im Kunsthaus im Nürnberger Künstlerhaus, Königstr. 93, läuft bis 22. November und wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Lesungen, Filmen, Musikbeispielen und Führungen begleitet. Am 7. Oktober präsentieren Steffen Radlmaier und Karl Bruckmaier das Buch "The Crazy World of Kevin Coyne" (erschienen im Verlag starfruit publications, Fürth, 384 Seiten, 28 Euro).

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