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„Django Unchained“: Englische Filmtitel sind hip

Warum Hollywoodfilme immer häufiger ohne deutschen Titel in die Kinos kommen - 04.02.2013 15:39 Uhr

Der entfesselte Django? Quentin Tarantinos neuester Streich „Django Unchained“ klingt englisch einfach besser. © Sony/Senator


„Etwa 40 Prozent der Filme der Major-Studios laufen heute mit dem englischen Originaltitel in den deutschen Kinos an“, bestätigt Stephan Hutter vom Filmverleih Prokino den Trend. Das habe auch viel mit der Anglifizierung unserer Kommunikation und dem Internet zu tun. „Bevor ein Film in Deutschland startet, steht er unter seinem Original-Titel bei Google längst ganz oben. Man übernimmt ihn dann oft, weil er eingeführt ist.“

Auch Ludwig Ammann, Inhaber des auf Arthouse-Filme spezialisierten Koolfilm-Verleihs, betont: „Ein Titel wie ,Django Unchained’ ist eine Marke, den übersetzt man nicht.“ Außerdem klinge ein englischer Titel für viele hipper als ein deutscher. „Man signalisiert damit: Das ist Hollywood mit seiner Starpower und seinen Erzählqualitäten.“ Sven Sturm, Geschäftsführer von Paramount Pictures Germany, verweist noch auf einen anderen Aspekt: .„Vorreiter waren die Fernsehsender. Sie haben die erfolgreichen US-Serien ohne Titeländerung übernommen und das Publikum hat das problemlos akzeptiert.“

Dennoch gilt für jeden Verleih: Ein Filmtitel muss einprägsam und leicht zu merken sein. Wenn der Originaltitel – ob englisch, französisch oder italienisch – zu schwierig oder nichtssagend für deutsche Ohren ist, muss man eine Übersetzung finden. Und da geben sich die Verantwortlichen tatsächlich alle Mühe.

Tops und Flops

Dem Titel „Silver Linings“ hätte eine Übersetzung gut getan; wer denkt da schon an den Silberstreif am Horizont. © Senator


„Es geht auch um die Poesie eines Titels, um seinen Rhythmus“, sagt Ammann, der als kreativer Kopf von Koolfilm oft sogar die Plakate für den deutschen Markt neu gestaltet. Durchaus stolz ist er etwa auf einen Titel wie „Nokang – Die Kunst des Ausklangs“ (japanischer Originaltitel: „Okuribito“, der natürlich übersetzungsbedürftig ist). Der Film erzählt von einem arbeitslosen Musiker in Tokio, der bei einer Bestattungsfirma anheuert und sich der Vorbereitung der Toten für die traditionelle Zeremonie bald mit großer Hingabe widmet. „ Nokang verweist auf das japanische Ritual, der deutsche Zusatz erklärt den Begriff, ohne das Wort Tod direkt anzusprechen“, erläutert Ammann. Auch als DVD entwickelte sich der Film zu einem „Topseller“ im Koolfilm-Programm. „Wir haben bis heute 36000 Scheiben davon verkauft. Das ist für einen Kunstfilm sehr viel.“

Doch nicht immer treffer die Verleiher mit ihren Neudichtungen ins Schwarze. Gar keine glückliche Wahl war laut Ammann der Titel „Triff die Elisabeths!“, der im französischen Original „La première étoile“ heißt. „,Der erste Stern’, das hätte in Deutschland völlig falsche Assoziationen geweckt, aber mit unserem Titel konnte auch keiner was anfangen.“ Der Film verschwand schnell wieder aus den Kinos, obwohl die warmherzige Komödie über eine schwarze Einwandererfamilie, die in einem französischen Nobelskiort Ferien macht, großes Kritikerlob erhielt.

Stephan Hutter wiederum erinnert sich noch gut an die Presseschelte, die sein Verleih für den Titel „Männer al dente“ erntete. Im Original heißt der bittersüße Film über zwei schwule Brüder „Mine Vaganti“, was wörtlich übersetzt „umherirrende Mine“ bedeutet und im Italienischen einen Menschen bezeichnet, der gerne provoziert. Prokino lag mit seinem Titel dennoch richtig. „Wir hatten befürchtet, dass er zu kommerziell für das Zielpublikum klingt. Aber das hat sich glücklicherweise nicht bestätigt.“

Vor welchen kreativen Herausforderungen die Filmverleiher oft bei der Titelfindung stehen, verdeutlicht Sven Sturm. „Wir haben unser Programm bis ins Jahr 2014 geplant. Manche der Filme existieren noch gar nicht. Wir kennen nur die Geschichte und die Besetzung. Trotzdem müssen wir die Filme frühzeitig bewerben und brauchen einen Titel dafür.“ In solchen Fällen werde oft eine Mail an alle Mitarbeiter des Verleihs geschickt. Wer die beste Idee hat, bekommt laut Sturm eine Flasche Wein zur Belohnung.

Vetorecht der Studios

Zusätzlich gibt es immer noch zwei weitere Hürden. Die eine ist das deutsche Markenrecht. „Bei jedem Titel“, so Stephan Hutter, „wird anwaltlich geprüft, ob er schon vorhanden und geschützt ist.“ Die andere ist das „Approval“, die Zustimmung des Weltvertriebs oder des jeweiligen Studios, die es für jeden Titel braucht. „Je größer das Studio ist, das hinter einem Film steht, desto schwieriger ist es, einen vom Original abweichenden Titel durchzusetzen“, erzählt Ludwig Ammann.

Eine Erfahrung, die Sven Sturm bestätigen kann: Sein Wunschtitel für den Weihnachtsfilm „Die Hüter des Lichts“ (Originaltitel: „Rise of the Guardians“) wäre „Die Hüter der Träume“ gewesen. „Das klang für uns poetischer und kindgerechter.“ Doch die Dreamworks-Studios waren dagegen. Begründung: Der Titel würde zu sehr auf die Figur des Sandmanns fokussieren, im Zentrum der Geschichte stünden aber vier Figuren mit jeweils einzigartigen Fähigkeiten.

Keine Frage: Die Erfindung oder Übersetung von Kinofilmtiteln ist „eine ganz diffizile Sache“, so Ludwig Ammann. Dass die Branche vor Missgriffen nicht gefeit ist, zeigen auch die im Internet kursierenden Listen mit den „dämlichsten Übersetzungen englischsprachiger Filmtitel“. Der Koolfilm-Chef sieht das anders und ärgert sich über naseweise Spötter. Auch vermeintlich „dämliche“ Titel könnten ihren Zweck erfüllen – „wenn sie im Gedächtnis hängen bleiben und neugierig machen.“
  

REGINA URBAN

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