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"Eine ganz schöne Freakshow": Orgel ist Instrument des Jahres

Interview mit Moritz Puschke, Geschäftsführer der ION - 15.02.2021 11:11 Uhr

Die Orgel wurde zum "Instrument des Jahres" gewählt. 

11.02.2021 © Stefan Hippel, NNZ


Der 49-Jährige ist Geschäftsführender Intendant beim Musikfest ION, besser bekannt als die seit 1951 bestehende Internationale Orgelwoche Nürnberg, die die Stadt zu einem Zentrum der Musica Sacra und der Orgelmusik gemacht hat. Der Kulturmanager Puschke ist in einem friedensbewegten Pfarrhaus im hessischen Limburg aufgewachsen und lebt mit seiner Familie aktuell in Berlin, wird jedoch im Sommer nach Nürnberg umziehen.


Nürnberger spielte auf Notre-Dame Orgel


Herr Puschke, die Orgel ist zum "Instrument des Jahres 2021" gewählt worden. Überrascht?

Moritz Puschke: Nein. Ich bin Mitglied im Präsidium des Deutschen Musikrats und war bei der Sitzung anwesend, als das diskutiert wurde. Es liegt aber tatsächlich auch schon wieder zwei Jahre zurück, da wusste man noch nichts von Corona. Dass die Orgel ausgerechnet jetzt "Instrument des Jahres" geworden ist, war keine Strategie, passt aber natürlich wie die Faust aufs Auge: Man kann sie alleine spielen und ist ohnehin weit weg vom Publikum, was oft sehr schade ist. Aber in Zeiten wie diesen hat das natürlich Potential – zumal die Kirchen ja weiter geöffnet sind.

Genial, wild, unerhört - Das große Beethoven-Quiz

© Felix Heyder

Vor 250 Jahren wurde Ludwig van Beethoven geboren, der Komponist, der die klassische Musik mit seinen berühmten Kompositionen neu definiert hat. Rund um sein wildes, von Kämpfen, Schicksalsschlägen und Erfolgen geprägtes Leben ranken sich viele Anekdoten und Geschichten. Wie gut kennen Sie diese?

© Federico Gambarini

Frage 1/13:

Was tat Beethoven, wenn er beim Komponieren zu sehr in Rage kam?

Beethoven, der in Wien seine Wohnungen fast so oft wechselte, wie andere Leute ihre Hemden, goss sich dann eimerweise Wasser über den Kopf. Sehr zum Unwillen der Nachbarn, in deren Wohnungen das Wasser sickerte.

© imago stock&people

© Daniel Schweinert via www.imago-images.de

Frage 2/13:

Was störte Beethoven am Wiener Kaiserhof besonders?

Am Wiener Hof galt das spanische Hofzeremoniell, das sich durch besondere Strenge und Steifheit auszeichnete. Nach diesen Regeln hätte sich Beethoven bei Empfängen als Musiker zu den Dienern gesellen müssen. Das wollte Beethoven nicht einsehen, denn er empfand sich als Künstler.

Frage 3/13:

Was machte den jungen Beethoven in Wien schnell bekannt?

Beethoven war mit vielen Klavieren, die es zu seiner Zeit gab, unzufrieden. Bei seinen Auftritten passierte es immer wieder, dass eines der Instrumente unter seinem leidenschaftlichen Spiel zu Bruch ging. Das festigte Beethovens Ruf als wilder Klaviervirtuose.

© Carsten Rehder

© oh

Frage 4/13:

Welcher Schläger der Weltliteratur lässt sich von Beethoven inspirieren?

Er heißt Alex, das ist die Kurzform von Alexander Delarge, die Hauptfigur aus Anthony Burgess' düsterem Zukunftsroman "Clockwork Orange". Vor seinen Gewaltorgien hört er Beethovens Neunte. Die Toten Hosen haben daraus das Album "Die kleine Horrorschau" gemacht, mit dem Hit "Hier kommt Alex".

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Frage 5/13:

Welcher moderne Tonträger wurde in seiner Länge durch ein Werk Beethovens definiert?

Die Compact Disc (CD). Der damalige Vizechef der Firma Sony wollte unbedingt Beethovens 9. Sinfonie komplett auf einer Silberscheibe anhören. Deshalb bieten diese bis heute Platz für rund 75 Minuten Musik.

© Oliver Berg

Frage 6/13:

In welcher Stadt wurde Ludwig van Beethoven geboren?

Ludwig van Beethoven wurde im Dezember 1770 in Bonn geboren. Wann genau, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass er am 17. Dezember 1770 in der katholischen Remigius-Kirche getauft wurde. Sein Geburtshaus ist heute das Beethovenhaus der Stadt Bonn.

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Frage 7/13:

Beethoven und die Frauen: Mit welcher zeugte er vermutlich eine Tochter?

Josephine Brunsvik war eine Klavierschülerin Beethovens. Sie war nacheinander mit zwei Adligen verheiratet, einer starb, der andere verließ sie. Danach traf sie Beethoven vermutlich in Prag, neun Monate später gebar sie eine Tochter, die Minona genannt wurde - rückwärts gelesen heißt das: Anonim.

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Frage 8/13:

Wie hieß der Großvater von Beethoven?

Beethovens Großvater Ludwig van Beethoven (1712 - 1773) war der erste Musiker der Familie. Am Hof von Bonn war er erst Bass, später Hofkapellmeister. Beethoven verklärte seinen Großvater zeitlebens und machte ihn zum Fixpunkt der Familie.

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© Jochen Tack

Frage 9/13:

Was war Beethovens Großvater außer Musiker noch?

Beethovens Großvater betrieb in Bonn eine Weinhandlung. 

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© David Ertl

Frage 10/13:

Wie verständigte sich Beethoven nach seiner Ertaubung?

Beethoven verwendete Konversationszettel, schrieb seinem Gegenüber also Fragen auf Papier auf, die derjenige dann schriftlich beantwortete. Er verwendete aber auch eine Vielzahl damals üblicher Hörhilfen, vor allem Hörrohre. 

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Frage 11/13:

Weshalb verfasste Beethoven mit Anfang 30 das Heiligenstädter Testament?

1802 machte Beethoven in Heiligenstadt bei Wien eine Kur gegen seine Ertaubung. Sie schlug fehl. Beethoven war darüber so verzweifelt, dass er in einem Testament Abschied von seinem bisherigen Leben nahm. Er sollte aber noch 25 Jahre leben - und die wichtigsten seiner Werke allesamt noch schreiben.

© privat

Frage 12/13:

Was gilt als Beethovens Leibgericht?

Beethoven aß am liebsten Makkaroni mit Parmesan, ließ die Nudeln aber oft verkochen, weil er sie über das Komponieren vergaß. An Fastentage gab es dagegen eine einfache Brotsuppe mit eingerührten Eiern.

© Helmut Fohringer

Frage 13/13:

Was passierte mit Beethoven nach seinem Tod?

Beethoven wollte, dass sein Schädel nach seinem Tod obduziert wird, um die Ursache seiner Ertaubung festzustellen. Dabei zerbrach der Schädel, Teile davon, wie die Gehörknöchelchen, wurden entfernt und wanderten in den Reliquienhandel. 2005 tauchten Schädelteile Beethovens in Kalifornien auf. 

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Bei allem Respekt: Ein praktisches Instrument ist die Orgel ja nun nicht.

Puschke: Stimmt. Es gibt auch gar nicht so viele Menschen, die sie spielen. Und denen haftet dann oft auch noch ein seltsamer Ruf an: Egal ob in Barock, Romantik oder in der Rockmusik – die Typen an den Tasten waren schon immer die Nerds. Sicher auch zurecht, allein die Effektgeräte in der historischen Orgelmusik, die ganzen Register, Pfeifen und Zungen, das ist schon eine ganz schöne Freakshow. Und klar: Die Orgel ist keines der Instrumente, die man in der musikalischen Früherziehung lernt, da findet man in der Regel erst später hin. Das war bei mir selbst ja nicht anders.

Nachts in die Kirche geschlichen

Erzählen Sie!

Puschke: Ich habe Klavier gespielt und das auch ganz okay. Da mein Vater Pfarrer war, kannte ich den Organisten in seiner Kirche und durfte mit 14,15 beim Registrieren und Stimmen helfen und bei seinen Konzerten umblättern. Das fand ich natürlich ziemlich cool, mit an diesem Riesen-Instrument zu sitzen. Nachts habe mich auch schon mal heimlich in die Kirche geschlichen und nur mit den Händen "Shine On You Crazy Diamond" von Pink Floyd oder eine Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier gespielt, die ich eben vom Klavier her kannte. Das klang mächtig.

Wie ging es dann weiter?

Puschke: Als ich dann später Orgelunterricht nahm, merkte ich hingegen schnell: Oha! Wenn ich das richtig spielen will, brauche ich beide Hände und alle zehn Finger, aber dazu auch Beine, Füße und den Kopf sowieso. Dieses Zusammenspiel erfordert wahnsinnig viel Übung, weshalb es gar nicht so einfach ist, Nachwuchs zu finden. Als Organist muss man sich da schon reinverlieben und eine natürliche Beziehung zu diesem Instrument entwickeln.


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Frage an den Fachmann: Was ist das Besondere an der Orgel?

Puschke: Da ist erst einmal die natürliche Distanz. Als Normalsterblicher kommt man der Kirchenorgel selten nahe. Und dann ist es ja nicht nur das Instrument, da hängt so viel mehr mit dran: Instrumentenbau, die ganze Architektur. Deshalb auch der Titel "Königin der Instrumente". Genau genommen sagte Mozart übrigens, die Orgel sei "der König aller Instrumente" – in seiner Zeit konnte man sich wohl einfach noch nicht vorstellen, dass an der Spitze der Instrumentalwelt eine Frau steht. Da sind wir heute zum Glück weiter, es gibt auch immer mehr Organistinnen. Dann – wir hatten es bereits – bin ich hier als Spieler mit beiden Händen und Füßen mehrstimmig unterwegs und muss rechts und links mit den Händen gleichzeitig noch Register ziehen und umblättern – eine irre Herausforderung, die man sonst bei keinem Instrument hat.

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Was macht die Orgel noch so besonders?
Puschke: Das andere große Alleinstellungsmerkmal bei der Orgel ist für mich das Thema Zeit: Egal ob auf einer historischen oder einer elektronischen Orgel, einem modernen Synthesizer oder einer alten Hammond – bei allen anderen Instrumenten verklingt der Ton, hier aber bleibt er liegen beziehungsweise linear im Raum stehen. Und: Er ist immer gleich laut. Das unterscheidet die Orgel signifikant von allen anderen Instrumenten und ist für den, der sie spielt, jedes Mal wieder eine enorme Herausforderung, was Technik und Interpretation angeht.

Die Orgel in der Popmusik

Gilt der Titel "Instrument des Jahres" nur für die Kirchenorgel?

Puschke: Nein, es war eine ganz bewusste Entscheidung, hier den kompletten Bereich abzudecken: Orgel wirklich in allen Dimensionen – von der historischen Orgel, die in der Barockmusik eine erste Blüte erfahren hat, über die ganz großen romantischen im 19. Jahrhundert bis zum Synthesizer und zu Bands wie Kraftwerk. Das ist ja alles eine natürliche, ganz organische Weiterentwicklung. Auch in der Popmusik und im Jazz hat die Orgel eine immense Bedeutung, wenn man sich etwa die Doors anguckt mit "Light My Fire" oder "Child in Time" von Deep Purple – das sind Klassiker, über 50 Jahre alt, die ohne Orgel nicht denkbar wären.

Macht da also die in Deutschland übliche, aber leidige Trennung zwischen E- und U-Musik gar keinen Sinn?

Puschke: Nun, die Kirchenmusiker von heute spielen ganz selbstverständlich Filmmusiken oder Bearbeitungen von Sinfonien. Gerade die jungen Organisten, die jetzt neu ausgebildet werden, bilden sich ganz vielfältig auf dem Instrument und entlocken einer Orgel oft Klänge, die ganz anders sind, als man es oftmals im Gottesdienst gewohnt ist. Dort wird die Orgel hauptsächlich als ein Instrument zur Begleitung für den Choral eingesetzt, zugleich wird sie zum Soloinstrument, etwa wenn es ein Vorspiel gibt. Oder nach der Predigt. Ich kenne Pfarrer, die fürchten sich vor dem Orgelspiel nach der Predigt.

Wieso denn das? Was kann die Orgel dazu sagen?

Puschke: Weil das immer eine Antwort sein kann, wie dem Organisten der Vortrag gefallen hat. Und wenn da dann das Solo plötzlich in Moll angelegt wird, gespickt mit Dissonanzen, dann ist das ja auch ein Kommentar zu dem, was da gerade gesprochen wurde (lacht). Das funktioniert natürlich auch anders herum: Der Organist kann eine weitere Ebene, eine Sinnlichkeit zum gesprochenen Wort hinzufügen. Die Kirchenorgel hat da wirklich ein ziemliches Potential.

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