Experte zur Steintribüne: Reinigungsaktion schädlicher als Farben

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Stefan Gnad

"Leben"

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6.11.2020, 05:53 Uhr
So bunt hat man den Nazibau noch nicht gesehen. Leider auch nicht lange. Schon gut einen Tag, nachdem ein anonymes Künstlerkollektiv die Steintribüne am Zeppelinfeld mit Regenbogenfarben bemalt hatte, ließ die Stadt diese wieder entfernen.

So bunt hat man den Nazibau noch nicht gesehen. Leider auch nicht lange. Schon gut einen Tag, nachdem ein anonymes Künstlerkollektiv die Steintribüne am Zeppelinfeld mit Regenbogenfarben bemalt hatte, ließ die Stadt diese wieder entfernen. © Stefan Hippel

Nach den vielen Rückmeldungen zum "Regenbogen-Präludium", der illegalen Kunstaktion an der Steintribüne des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg, erreichte uns auch ein offener Brief von Bastian Brauwer. Der kritisiert die Stadt scharf und meldet Zweifel an, dass das Entfernen des Kunstwerks zum Schutz des Steins notwendig war. Brauwer ist Vorsitzender des Fördervereins Christopher-Street-Day Nürnberg und hat beruflich mit Steinen zu tun. Ein Gespräch über Baumaterial, Erinnerungskultur und eine vergebene Chance für Nürnberg.

Herr Brauwer, Sie sind Steinmetz. Frage an den Fachmann: Wenn ich ein Nazi-Gebäude bunt anmalen will (was ich selbstverständlich nicht tun darf, weil man Nazi-Gebäude nicht bunt anmalen darf) – welche Farbe muss ich dann kaufen, damit das Nazi-Gebäude auf keinen Fall Schaden erleidet?
Bastian Brauwer: Also, in diesem Fall ist es nicht mit einer Farbe gemacht worden, sondern mit Tapetenkleister – Methylcellulose, wie der Fachmann sagt. Kleister ist der Träger, die Farbigkeit kommt durch mineralische Farbpigmente, die wie bunter Staub in dem Kleister schwimmen. So wurde das auf der Fassade angebracht.


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Klingt nach selbst angerührt.
Brauwer: Ja, das gibt es so nicht zu kaufen. Aber in der Restauration ist das eine gängige Praxis: Vor schwierigen Eingriffen, vor allem bei empfindlichen Untergründen, wird eine temporäre Sicherung gemacht, etwa indem man ganz feines Papier in Kleister getränkt als Trägerschicht drüberzieht, um den Untergrund zu sichern. So haben die Künstler das auch an der Steintribüne umgesetzt. Aus fachmännischer Sicht kann ich nur sagen: Alles richtig gemacht.

Und da bleibt kein Schaden am Stein zurück?

Brauwer: Nein. Mit warmem Wasser und Tensid – etwa Spülmittel – lässt sich das ganz leicht wieder entfernen. So hätte man es an der Steintribüne machen müssen und nicht einfach nur mit dem Hochdruckstrahler draufhalten. Das hat dem Gestein mit Sicherheit mehr geschadet.


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Warum heißt es vonseiten der Stadt dann, dass durch die Kunstaktion die Steintribüne in Mitleidenschaft gezogen wurde?

Brauwer: Das weiß ich nicht. Ich habe das Gefühl, dass man einfach einen Grund gesucht hat, weil man den Regenbogen ganz schnell wieder weghaben wollte; und nicht damit gerechnet hat, dass es so viel Gegenwind gibt. Was natürlich blauäugig ist. Wie ich in meinem offenen Brief geschrieben habe: Mit dieser Aktion hätte die Stadt Nürnberg eine Steilvorlage gehabt, diesen historischen Ort in ein ganz neues Licht zu rücken und ihn trotzdem zu bewahren. Denn es ist wichtig, dass dieser Ort in seiner Dimension und in seinem Ausmaß erhalten bleibt. Zu verstehen, was das alles für ein Wahnsinn war, das funktioniert nur, wenn man selbst dort steht.


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Wir reden hier aber schon immer noch von Steinen, die jahrein jahraus im Freien stehen und Wind und Wetter, Eis und Schnee trotzen. Wenn ich die Pressemitteilung der Stadt Nürnberg lese, habe ich das Gefühl, die Zeppelintribüne sei aus Samt, Seide und Kaschmirwolle gebaut.

Brauwer: Nein, aus Jurakalkstein (lacht).

Ein gutes Baumaterial?

Brauwer: Eigentlich sehr unproblematisch, leider nur bedingt frostbeständig. Und an der Steintribüne gibt es viele Frostschäden. Viele davon sind aber schlicht der Tatsache geschuldet, dass immer wieder brutal in das Bauwerk eingegriffen wurde. Da wurden ja nach dem Krieg mehrmals ganze Teile weggesprengt. Hinterher ist nie groß etwas unternommen worden, um die Tribüne zu schützen und zu erhalten.

Es heißt, dass da draußen am ehemaligen Nazi-Aufmarschgelände recht billig gebaut wurde. Konzipiert für 1000 Jahre sieht es dort, mit Verlaub gesprochen, schon nach nicht mal 100 Jahren nicht mehr sonderlich fresh aus...

Brauwer: Ach, so schlecht ist das gar nicht gebaut worden damals, eher mit heißer Nadel gestrickt. Und es sind wohl auch nicht unbedingt nur Fachleute am Werk gewesen. Ich glaube, es liegt weniger am Bauwerk als am Unterhalt des Bauwerks, dass der Zustand der Zeppelintribüne heute so ist, wie er ist.

Sind Sie Team "Restaurieren" oder Team "kontrollierter Verfall"?

Brauwer: Definitiv Team "Restaurieren".

Warum?
Brauwer: Wie ich in meinem offenen Brief geschrieben habe: Dieses Erfassen geht nicht, wenn da nur noch ein kaputter Steinhaufen liegt. Genauso, wie wir die Opferorte des Dritten Reichs erhalten, müssen wir das auch mit den Täterorten tun. Letztendlich sind das die letzten Zeugen, weil diejenigen aussterben, die es erlebt haben und erzählen können. Mit Blick auf die politischen Entwicklungen in Deutschland und weltweit werden solche Orte immer wichtiger. Es ist etwas anderes, wenn man einen Film über ein KZ sieht oder selbst im Krematorium steht.

Keine Bühne mehr für Nazis

Sie schreiben in Ihrem offene Brief, dass Sie vor Ort regelmäßig Neo-Nazis sehen, die dort Erinnerungsfotos schießen. Aber sowas lässt sich ja schwer verhindern. Wenn die Zeppelintribüne der Allgemeinheit offen stehen soll, dann will man als Besucher doch logischerweise hoch auf die Rednerkanzel.

Brauwer: Klar. Aber genau das ist ja das Geniale an dieser Kunstaktion: Sie entweiht diesen Ort mit einem Schlag für alle Ewiggestrigen. Die machen dort dann noch ihr Selfie, aber vielleicht nicht mehr so gerne. Weil wenn man als Nazi an seiner Pilgerstätte steht, dann will man da keinen Regenbogen im Hintergrund haben.

Wenn wir hier so über diese Kunstaktion reden, dann wundert es mich, dass in den 75 Jahren noch kein Mensch auf die Idee gekommen ist, das Ding einfach bunt anzustreichen.

Brauwer: (lacht) Vielleicht hat in den 75 Jahren einfach keiner den Mut dazu gefunden. Den Künstlern gilt mein absoluter Respekt: a) vor der Idee und b) vor der Umsetzung. Nicht fragen, sondern einfach mal machen – dass das der richtige Weg war, sieht man an der Reaktion der Stadt Nürnberg: Schnell wegwischen und dann ein halbgares Gesprächsangebot hinterher schicken.

Müsste auch Banksy erst einen Antrag bei der Stadt stellen?

Nach Kulturbürgermeisterin Julia Lehners Aussage (siehe Artikel unten links) müsste wahrscheinlich selbst Banksy, so er in Nürnberg tätig werden wollte, vorher erst einmal um Erlaubnis fragen.

Brauwer: Ich muss da an die Lennon-Wall in Prag denken. Damals hat auch keiner gefragt – es wurde gemacht, weil es einfach nötig war. Die Prager Stadtverwaltung hat die Wand zwar neu tünchen lassen, aber genützt hat es nichts: Die Botschaft war erst mal raus.

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