Gesund mit Kunst durch die Krise

29.7.2020, 14:33 Uhr
Als Vogelwesen inszenierten sich Teilnehmerinnen beim Workshop Vogel & frei Foto: privat

Als Vogelwesen inszenierten sich Teilnehmerinnen beim Workshop Vogel & frei Foto: privat

Vogel & frei haben die Masken-Kunstlerin Susanne Carl und die Tänzerin Irmela Bess ihren Workshop getauft, der am Spielzeugmuseum und der Tafelhalle angedockt war. „Der Vogel hat etwas Mystisches, er steht für Weite und Fliegen“, sagt Susanne Carl, „dazu kommt die Magie der Maske, die Schutz und Freiheit bietet.“ An sieben Tagen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops Vogelmasken gestaltet, passende Kostüme zusammengestellt und sich eigene Bildinszenierungen ausgedacht. Jeder für sich und alle zusammen – denn jeden Abend gab es eine Video-Konferenz mit den Kursleiterinnen.

Vogel & frei wurde explizit als Reaktion auf die Corona-Beschränkungen entwickelt und digital umgesetzt. „Vor vier Wochen wusste ich noch nicht, was ein Screenshot ist“, gibt Susanne Carl zu. Inzwischen sind Videokonferenzen mit dem Programm Zoom alltägliches Werkzeug für sie. Doch Technik ist nicht alles: Wie würde sich das Kunstprojekt entwickeln, so ganz ohne persönliche Begegnung und ohne Gruppenatmosphäre?

„Wir sind geflasht, was alles funktioniert“, sagt Carl. Sie schnürte Päckchen für die Teilnehmer, darin Schnabelmaske, Farben und Infobrief. Alles Weitere lief über Zoom. Vogelbilder lieferten Anregungen, die heimischen Schränke wurden zu Fundgruben fürs Federkleid und Irmela Bess führte ins Bewegungsvokabular von Vögeln ein.

In Eigenarbeit und im Austausch mit den Künstlerinnen und den Beteiligten entstanden so ausdrucksstarke Vogelmasken, einnehmende Vogelfiguren und am Schluss – als ultimatives Zusammenwirken von Spiel, Phantasie, Kreativität und Bewegung – jeweils eine Selbstinszenierung als Vogelwesen in den eigenen vier Wänden, festgehalten mit Screenshots. Vogel & frei bewirkte neben der äußerlichen auch eine innerliche Veränderung. „Ich fühle Weite, mein Vogel darf alles“, kommentierte eine Teilnehmerin, eine andere sagte: „Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so berührt und dass ich ‚meinem‘ Vogel so nahe komme.“

Auch bei gesundmitkunst im Wohnzimmer tauschten sich die Teilnehmer via Internet aus. Fotos: privat

Auch bei gesundmitkunst im Wohnzimmer tauschten sich die Teilnehmer via Internet aus. Fotos: privat

Vom Museum ins Wohnzimmer hat die Kunsttherapeutin Sabine Messner ihren Kreativ-Workshop verlegt. Mitten im ersten Durchlauf von gesundmitkunst im Museum Tucherschloss und Hirsvogelsaal hatte der Corona-Lockdown die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwischt. Gerade in Zeiten von Isolation und Sorgen, ist Sabine Messner überzeugt, sei die Beschäftigung mit Kunst besonders hilfreich. Denn Kreativität schließt Angst aus, sie aktiviert Ressourcen und fördert klares Denken – über den eigenen Tellerrand hinaus. Also packte Messner Stifte, Ton, Gips und Papier in viele Päckchen und „traf“ sich sieben Tage lang jeden Abend mit den Teilnehmenden im Netz. Die erste Video-Konferenz mit „Jitsi Meet“ diente dem Kennenlernen. „Dass sich hier eine bemerkenswerte Vertrautheit entwickelt, hätte ich so nie erwartet“, berichtet Messner.

Die „Aufgaben“ des Workshops hat sie entlang der Schätze im Tucherschloss entwickelt. Für die Selbstporträts, die die Teilnehmenden von sich malten, standen beispielsweise Bildnisse von Mitgliedern der Patrizierfamilie Pate. Auch Wandteppiche und Blumen waren Anregung. „Das Malen und Verfeinern von Ornamenten und Formen hat eine gesundheitsfördernde Begleiterscheinung: Es gibt innere Struktur.“ sagt die Kunsttherapeutin. Das Gestalten mit Ton schenkte das Gefühl „ich habe es in der Hand und kann gestalten“, ein Gipsabguss von Pflanzen forderte zum genauen Hinschauen auf. Aber auch ganz ohne therapeutischen Hintergrund: Das aktive Schaffen von Kunst hat die Laien begeistert und beflügelt. „Es sind spannende Werke entstanden“, sagt Messner. Die Werkschau zum Abschluss geriet zum Happening und im echten Leben wollen sich die Teilnehmer auch treffen, sobald das wieder möglich ist. Natürlich im Museum Tucherschloss.

Im Kunst-Erfahrungs-Raum Tucherschloss soll es auch analoge Kurse wieder geben. Denn: „Kunst kann helfen, die innere Balance zu finden und zu gesunden.“

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