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Kinderliedermacher Geraldino: "Meine Familie ist extrem"

Gerd Grashaußer über seine Autobiographie "Der Grabsänger" - 19.09.2016 16:45 Uhr

Gerd Grashaußer ist als Spaßmacher Geraldino seit über 30 Jahren bekannt. Im Nürnberger "Balazzo Brozzi" präsentiert er seine Familiengeschichte. Dort sind bis zum 9. Oktober auch seine skurrilen Kunstobjekte zu sehen. © Foto: Roland Fengler


Herr Grashaußer, warum verfasst jemand im zarten Alter von 58 Jahren seine Memoiren?

Gerd Grashaußer: Ich wollte meine ganze Kindheit einmal aufschreiben, die ziemlich exotisch war. Ich stamme aus einer ganz einfachen Arbeiterfamilie, in der es teilweise reichlich schräg zuging. Außerdem interessiert mich einfach das Medium Buch. Ich habe viele CDs veröffentlicht und Theater gespielt, aber noch nie so etwas wie einen Roman geschrieben. Meine Familiengeschichte hat sich da angeboten.

Wenn man Ihrem Buch glauben darf, kam es in Ihrer Familie zu Mord und Totschlag. Ist es nur Zufall, dass Sie nicht auf der schiefen Band gelandet sind?

Grashaußer: Naja, viele Menschen wachsen in schwierigen Verhältnissen auf, aber die wenigsten sprechen darüber. Manche sprechen mit mir über ihre Familien, wenn sie mein Buch gelesen haben. Es ist verblüffend, was da alles an Wahnsinn zu Tage tritt. Bei mir kam es halt ein bisschen geballt, von beiden Seiten, also von Vater- und Mutterseite.

Ein kleiner Junge erschießt seinen Stiefvater, ein Opa hat sich erhängt, ein Onkel säuft sich zu Tode, ein weiterer Verwandter verübt Selbstmord, eine Cousine geht auf den Strich und so weiter – das ist schon heftig!

Grashaußer: Ja, das war schon extrem bei uns.

Sie beschreiben diese Tragödien sehr lakonisch, ohne sie moralisch zu beurteilen. Waren Sie als Kind nicht schockiert?

Grashaußer: Eigentlich nicht. Natürlich war der Mord an meinem Onkel, den ich im Treppenhaus mitbekommen habe, schon ein Schock. Das ging mir jahrelang nach, und die Bilder bekam ich lange nicht aus dem Kopf, wie er da blutüberströmt im Flur lag und oben der Junge mit dem Gewehr stand. Aber ich glaube, man verdrängt das erst mal und versucht, seinen Weg zu gehen.

Ist das Buch auch ein Versuch, diese schrecklichen Dinge im Nachhinein zu verarbeiten?

Grashaußer: Ja, ich glaube schon. Vielleicht war mir das anfangs gar nicht so bewusst: Die Kindheit noch einmal Revue passieren zu lassen und dann abzulegen. Das Buch soll aber auch zeigen, dass man mit einem Hauptschulabschluss, also ohne Abitur und Studium, ein erfülltes Leben haben kann. Ich glaube, mein Buch kann Jugendlichen zeigen, dass man chaotischen Verhältnissen entkommen und ihnen eine positive Wendung geben kann.

Es war Ihnen bestimmt nicht in die Wiege gelegt, eine Künstlerexistenz zu führen. Waren Sie der Exot in der Familie?

Grashaußer: Eigentlich schon. Als ich meine Laufbahn bei der Bahn aufgegeben habe, ist für meine Eltern eine Welt zusammengebrochen. Keiner hat verstanden, wie man einen so sicheren Job kündigen kann. Aber ich bin als Jugendlicher in die Künstlerszene reingerutscht und habe mit Peter Engl das Projekt „Staubsauger“ gestartet. Auch über die Sozialarbeit habe ich Leute kennengelernt, die ganz anders denken, als meine Verwandtschaft gedacht hat. Das hat mich fasziniert und das hat mir auch eine Perspektive gegeben.

Sie treten seit über 30 Jahren für Kinder auf. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Grashaußer: Ganz viel. Als ich anfing, Musik und Theater für Kinder zu machen, da hat man versucht, die Kinder aus ihrer Passivität herauszuholen und sie zum Mitmachen zu animieren. Jetzt sind viele Kinder hyperaktiv, die muss man erstmal runterholen, deswegen baue ich jetzt auch viele ruhige Elemente ein.

War die Musik für Sie die Rettung?

Grashaußer: Musik ist mein Weg. Über Musik habe ich einen guten Draht zu den Menschen gefunden. Es ist eine Art zu kommunizieren. Das Gemeinschaftserlebnis ist mir wichtig. Das will ich auch den Kindern vermitteln: Kreativität und Spaß ohne Leistungsdruck. Musik hat mir Horizonte geöffnet. Ich habe mit den Symphonikern gespielt, aber auch mit einer Big Band oder mit einem Streichquartett. Ich bin immer noch nicht am Ende. 

Interview: Steffen Radlmaier

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