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Kleists Liebesgeschichte in Nürnberg

In den Kammerspielen wird "Das Erdbeben in Chili" düster und doch dezent gedeutet - 20.09.2020 19:23 Uhr

 Inniges Spiel: Pauline Kästner als Josephe.

20.09.2020 © Foto: Ferseter/Staatstheatere


Wenn das kein Glück im Unglück ist? Die arme Josephe, vom Vater geächtet und unehelich, dazu im Nonnenkloster Mutter geworden, ist schon auf dem Weg zum Richtplatz, wo der Scharfrichter sie erwartet. Ihr Geliebter Jenonimo, von dem sie nicht lassen wollte, ist im Gefängnis gelandet und will sich soeben aus Verzweiflung erhängen, hat bereits den Strick in der Hand, als. . .

Ja, als eben "Das Erdbeben in Chili" ausbricht – und als schreckliche Naturkatastrophe die ganze Stadt Santiago gnadenlos in Schutt, Brand und Asche legt. Josephe und Jeronimo, die beiden Liebenden, aber sind gerettet, und das im doppelten Sinne. Das Beben hat sie nicht nur verschont, es erlöst sie auch, in letzter Minute, aus der Verfolgung einer feindlichen Gesellschaftsordnung.

Ein heller Traum

Darf man sich dann aber überhaupt freuen? Ist es nicht eher verwerflich, den eigenen persönlichen Triumph im Angesicht des großen Leidens und Sterbens zu feiern? In seiner Inszenierung von Kleists berühmter Novelle lässt Jan Philipp Gloger seine drei Akteure schier in Disput darüber geraten, aus der Rolle heraustreten und in plötzlicher Aktion gestikulieren.

Aber natürlich schlägt unser Herz (wie auch Kleists) ganz für das Liebespaar, dem nach dem Wiederfinden ein utopisch-warmer Schein leuchtet und der silberne Mond dazu. Die Vögelein zwitschern im Tal bei der Stadt, und Josephe (Pauline Kästner) und Jeronimo (Amadeus Köhli) sitzen – fast – beisammen, nähern sich spielerisch mit den Fingern am Boden. Das Glück: ein kurzer heller Traum. Begonnen hat die gelungene Adaption ganz finster, mit Sascha Tuxhorn als Erzähler und Kleistscher Schatten, dem die existenzielle Krise längst innewohnt, die Angst vor dem Einsturz seiner Lebenswelt. Wie auf einem Relief treten die beiden Liebenden hinzu, stehen als Spieler auf ihrem festen Posten, übernehmen den Faden, wenn ihre Figur gemeint ist, deuten deren Handeln in kleinen Gesten an.

Nun, so sieht Theater in Corona-Zeiten eben aus, solistisch und mit Sicherheitsabstand: kleine Hoffnungszeichen in der großen Düsternis, von 46 vereinzelten Zuschauern in den Kammerspielen still registriert. Wie soll der Funke da überspringen? Gloger und sein Team machen die Not zur Tugend und
stellen sich ganz in den Dienst des Textes – der stellenweise wie ein Thriller die Spannung in klirrend klaren Sätzen verbreitet. Vom Ensemble wie dem Publikum ist die höchste Konzentration gefordert, kein Wort darf man überhören.

Das wirkt als Ganzes dann, vor dunkler Holzwand und in schwarz-weißen historischen Kostümen, manchmal so streng und leidend wie ein Ingmar-Bergman-Film. Auch an den belgischen Bühnenminimalisten Luk Perceval könnte man sich erinnert fühlen. Anders als dieser lässt Gloger keine Grenzen verwischen, bleibt brav dran an Kleists geordnetem Schrecken, musikalisch sparsam, aber effektiv von Kostia Rapoport untermalt.

Zweite Katastrophe

Das Ende hat es freilich in sich, denn das Erdbeben war nur die erste Katastrophe. Eine zweite, nicht weniger brutale folgt, wenn die Gesellschaft wieder ihr Recht fordert. Da ist man dann fast dankbar, dass die drei rundum überzeugenden Spieler so dezent bleiben, die blutige Eskalation gebrochen referieren – es ginge einem sonst durch Mark und Bein.

"Wir dünken uns frei", hieß es am Anfang, und doch sind wir Gefangene des Zufalls. Wir gehen wieder ins Theater, was für ein Glück – und doch wird dieses Erdbeben namens Corona uns noch lange lähmen.

Nächste freie Termine: 27.9., 17 und 20.15 Uhr. www. staatstheater-nuernberg.de

WOLF EBERSBERGER

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