L'Orfeo: Nürnberger Opernhaus schlägt Brücke zu Corona-Erfahrungen

5.10.2020, 09:54 Uhr
Orfeo (Martin Platz) hat sich bis an die Grenze der Unterwelt gewagt. Dorthin konnte bislang kein Lebender eindringen.

© Ludwig Olah, Staatstheater Nürnberg Orfeo (Martin Platz) hat sich bis an die Grenze der Unterwelt gewagt. Dorthin konnte bislang kein Lebender eindringen.

Die Geschichte vom Sterben der Eurydike und vom Versuch Orpheus', sie aus dem Totenreich zurückzuholen, schlug bei der Premiere am Freitag im Nürnberger Opernhaus eine tragfähige Brücke zu unseren Pandemie-Erfahrungen.Es war eine kluge Idee von Staatsintendant Jens-Daniel Herzog, nach dem Einschnitt durch Corona mit "L'Orfeo", Monteverdis aus dem Jahr 1607 stammender ersten Oper der Neuzeit, in die neue Opernsaison zu starten.

Durch den Tod von Orpheus Ehefrau Eurydike verschwindet in dieser Oper von einer Sekunde zur anderen die Lebendigkeit des Daseins, verändert sich die Welt so grundlegend wie durch den Lockdown in diesem Frühjahr.

Am Ende bleibt Orfeo (Martin Platz) nur die Musik (verkörpert von Andromahi Raptis), um seine Gefühle auszudrücken. 

Am Ende bleibt Orfeo (Martin Platz) nur die Musik (verkörpert von Andromahi Raptis), um seine Gefühle auszudrücken.  © Ludwig Olah, Staatstheater Nürnberg

Orpheus – in der italienischen Schreibweise der Oper: Orfeo – wagt jedoch Ungeheuerliches: Er, der gottgleiche Sänger, macht sich auf in die Unterwelt, um allein mit der Kraft seiner Musik die geliebte Tote aus dem Jenseits zurückzuholen. Was symbolisch natürlich die Frage aufwirft, wie sehr uns Kunst und Musik helfen können, um aus dem Corona-Tal-der-Tränen herauszukommen.

Dieser Nürnberger "L'Orfeo", wegen der Pandemie auf rund 80 Minuten verdichtet und von Frank Löhr und der Nürnberger GMD Joana Mallwitz für die hiesigen Verhältnisse bearbeitet, zielt direkt auf die Gegenwart.

Sänger und Sängerinnen machen Lockerungsübungen

Herzog, der auch die Regie übernahm, macht zu Beginn Tabula Rasa, zeigt uneitel die Mittel des Theaters in ihrer Einfachheit. Die elf Sänger und Sängerinnen, die hier zugleich das Chorkollektiv formen, kommen mit einem Stuhl auf die leere Bühne, machen Lockerungsübungen, um die sechs Monate Coronapause aus den Knochen zu kriegen. Die Tafel, an der Orfeo seine Hochzeit mit Eurydike feiert, fährt aus der Versenkung hoch.

Die Bühnenleinwand, auf der Ministerpräsident Söder zuvor per Video sein Lippenbekenntnis von der Unverzichtbarkeit der Kultur gesprochen hat, wird zum Mittel der Projektion: zur Hochzeit fliegen den Social-Media-Accounts des Brautpaars bunte Herzchen zu.

In der Inszenierung gilt konsequent das Diktum der Gegenwart: es findet nur statt, was per Smartphone gefilmt wird. Die knallbunten Bilder der Hochzeit werden abgelöst vom Innern eines Krankenwagens und einer Intensivstation, als eine Botin in Schutzkleidung die Botschaft vom Tod Eurydikes überbringt.

Beklemmende Bilder vom Lockdown

Das so ist beklemmend wie die Sequenzen aus den menschenleeren Metropolen des Lockdowns. Wenn Orfeo zur Unterwelt aufbricht, um sich von Fährmann Charon (Wonyong Kang mit kernigem Bassbariton und in schneidiger Uniform) über den Totenfluss Styx bringen zu lassen, wechselt Herzog zu apokalyptischen Aufnahmen von brennenden Ölfeldern und weckt Assoziationen zur Klimakatastrophe.


Endlich wieder Oper: Vor der Premiere von "L'Orfeo" am Nürnberger Opernhaus


Nach der gescheiterten Rückkehr Eurydikes (Julia Grüter kann als Untote ihren farbenreichen Sopran naturgemäß kaum einsetzen) folgen die Massengräber der Coronatoten. Ganz schön universalistisch und ehrgeizig gedacht, eine 80-minütige Inszenierung mit zwei so großen globalen Problemen zu beladen.

In der schnellen Abfolge wirkt vieles notgedrungen nur wie angerissen. Die Magie dieser Oper, die man nach so langer Coronapause ersehnt hat, entfaltet sich in der Bilderflut lediglich punktuell. Manche Szene wirkt plakativ, etwa wenn Pluto (bassdüster Nicolai Karnolsky) und seine Frau Proserpina (Almerija Delic) an einer langen schwarzen Tafel ihren Ehefrust in Völlerei ersticken und dann lüstern kichernd in der Versenkung verschwinden.

Vom lebenslustigen Mann zum Ausgestoßenen

Orpheus scheitert schließlich an sich selbst, dreht sich verbotenerweise nach Eurydike um und verliert sie für immer. Martin Platz verkörpert gut die Wandlung vom lebenslustigen Mann zum Ausgestoßenen, klingt am Ende stimmlich so entrückt wie ein Außenseiter. Wenn Papa Apollo (Hans Kittelmann) anruft und ihn in den Olymp der Komponisten beruft, lindert das die Einsamkeit und die Leere nicht, die der Tod hervorruft: Orpheus versteinert und Herzogs Inszenierung setzt einen starken Schlusspunkt.

Die von Komponist Frank Löhr und von Dirigentin Joana Mallwitz gekürzte und bearbeitete Fassung dieses "L'Orfeo" schafft Verbindungen und Kontraste zwischen barockem Instrumentarium – herrlich etwa die Pauken und Trompeten zum Prolog der allegorischen Figur der Musik – und modernen Konzertinstrumenten. Es fließen sogar dissonante Elemente gegenwärtiger Musik oder Big Band-Zitate ein.

Diese Klangkonfrontationen zwischen den im Graben, den Logen und im Rang verteilten Instrumentalisten sind reizvoll. Sie sind von Mallwitz, die hier selbst das Cembalo spielt, auch hervorragend und präzise organisiert, eine Demonstration der herausragenden musikalischen Intelligenz dieser Dirigentin.

Ein zu hoher Anspruch

Trotzdem wirken die in dieser Nürnberger Fassung eingefügten musikalischen Stilzitate etwas apercuhaft, gar flüchtig. Auch hier wirkt der Versuch, vom ersten Ton der Oper aus gleich die ganze Musikgeschichte umarmen zu wollen, ein wenig zu ehrgeizig und - vergleichbar mit der Bilderflut der Regie - zu gewollt.

Etwas weniger wäre bei diesem ansonsten künstlerisch mutigen und größtenteils gelungenen Unterfangen durchaus mehr gewesen. Solche Schwierigkeiten unterstreichen, was Herzog zuvor in seiner kurzen Grußbotschaft gesagt hatte: Der Weg zurück zu einem normalen Opern- und Theaterbetrieb mit und -hoffentlich irgendwann nach - Corona ist weit. Hoffen wir, dass er - anders als Orpheus Ausflug ins Totenreich - von Erfolg gekrönt ist.

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