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Mit Mut an das Übermorgen denken

NZ-Gespräch zur Kulturhauptstadt-Bewerbung - 24.11.2017 19:06 Uhr

Olaf Metzels Stuhlskulptur am Schönen Brunnen provozierte. Und ist deshalb Vorbild für manches Projekt bei der Kulturhauptstadtbewerbung. © F.: B. Hafenrichter


Das Bewerbungsbüro hat bisher allerdings noch keinen Leiter, was Philip Zerweck von der Unterstützer-Initiative #NUE2025 scharf kritisiert. Doch Kulturreferentin Julia Lehner sagt: Die Leitungsperson sei gefunden. Sehr zeitnah werde sie der Öffentlichkeit vorgestellt.

"Bisher waren wir in der Sammlungsphase", sagt Julia Lehner. "Wir haben Ideen zusammengetragen. Im Format ‚Let’s talk . . .‘ haben wir mit Fachleuten von außerhalb gesprochen. Wir haben einen Video-Wettbewerb unter Jugendlichen über deren Visionen für die Kulturhauptstadt veranstaltet. Wir haben Wunschkarten ausgelegt, auf denen jeder Bürger seine Forderungen notieren konnte. Ungefähr 2000 mit dem Wunsch nach mehr Radwegen bis zu dem nach mehr Kleinkunst sind eingegangen. Parallel dazu haben wir mit den Institutionen wie den Museen aber auch mit Freien Gruppen an der so genannten Kulturstrategie gearbeitet. Das ist eine Art Kulturentwicklungsplan bis zum Jahr 2030, der ins Bewerbungsbuch gehört. Das wird von der Europäischen Union so verlangt, die den Titel vergibt."

Philip Zerweck ist darüber verwundert, dass man auf Seiten der Stadtverwaltung den Bewerbungsdiskurs und die Kulturstrategie als parallele Aktionen betreibt. Für ihn gehört das viel enger zusammengebunden. Der Produktentwickler spricht für die Bürgerinitiative #NUE2025, von der die Bewerbung zur Kulturhauptstadt mit einem Newsletter im Internet und Kontakten in die Kreativwirtschaft unterstützt wird. Es gibt durchaus Reibungszonen zwischen der Kulturverwaltung und der Initiative. Aber Julia Lehner sagt: "Solche Aktivitäten sind absolut hilfreich."

Ich frage die Referentin, warum Nürnberg überhaupt Kulturhauptstadt werden will. Wozu braucht die Stadt den Titel? Sie erklärt, nach ihrem Gefühl, könne man mit dem Titel für die Kultur viel erreichen, und spricht von den "Needs", die in der Bewerbung eine Rolle spielen müssten. "Für mich ist es eine Notwendigkeit, dass wir einmal aus der Spur der laufenden Entwicklung treten müssen, um uns zu fragen, ob wir in die richtige Richtung gehen. Mit der Bewerbung ist ein Prozess der Selbstvergewisserung verbunden."

Und was kann Nürnberg Europa geben? Julia Lehner: "In diesem Zusammenhang verstehe ich Europa nicht als politische, sondern als kulturelle Einheit. Nürnberg war immer im Zentrum dieses geistigen Europas, nicht nur wegen seiner Handelsverbindungen sondern wegen des Humanismus, seiner bedeutenden Rolle in der Zeit der Reformation. Und selbst vom tiefsten Punkt unserer Geschichte aus, als Nürnberg der ‚Schrein des Dritten Reichs‘ war, haben wir etwas an Europa weiterzugeben. Die Chancen, die wir hatten, aus dem Tief herauszukommen, sind eine notwendige Erfahrung, um den Totalitarismus und seine Überwindung zu erklären, der derzeit ja überall droht."

Philip Zerweck sieht diese Aspekte ähnlich. Er meint ergänzend: "Für mich ist wichtig, dass Nürnberg nie Residenzstadt war. Hier ist immer alles von den Bürgern ausgegangen." Deswegen ist für ihn die Kultur von Bedeutung, die von unten kommt. Das ist durchaus weit gedacht und meint auch ein Festival wie zum Beispiel "Rock im Park". Auch stellt Zerweck sich den Großraum Nürnberg-Fürth-Schwabach-Erlangen als gemeinsame Bewerbungs-Region vor. Darin sieht er eine kulturelle Identität aus der Vielfalt, die nach Europa ausstrahlen könnte.

Es gibt freilich noch kein einziges fest umrissenes Vorhaben, das ins Bewerbungsbuch geschrieben werden könnte. Julia Lehner zeigt mir eine Folie zu einem Vortrag den sie gerade beim Deutschen Städtetag gehalten hat. Da mündet die Sammlungsphase in eine Phase der Verdichtung – sie spricht von "Flaschenhals" – in der die Ideen konkretisiert werden sollen. Lehner verweist auf eine Reihe von "Denklinien", die auch am heutigen Samstag im Caritas-Pirckheimer-Haus diskutiert werden sollen. Dabei geht es u. a. um Digitalisierung, um "Heimat und Diversity" oder um eine "zukunftsgerichtete Erinnerungskultur". Aus der Verdichtung sollen dann im ersten Quartal 2018 Projekte werden. Julia Lehner nennt sie "Appetithappen".

Unter den Appetithappen können auch außergewöhnliche und provozierende künstlerische Aktionen sein. Das goutieren die Nürnberger nicht immer, wie die Kulturreferentin seit Olaf Metzels Stuhlverkleidung des Schönen Brunnens weiß. Aber sie sagt: "Mut ist eine wichtige Disziplin beim Denken an Übermorgen. Es wird Projekte geben, die Fragezeichen aufwerfen und sich ohne Diskussion nicht gleich erklären. Den Diskurs wie damals bei Metzel will ich unbedingt. Aber diesmal wird selbstverständlich etwas ganz anderes passieren."

Wenn sich denn der Zug zur Kulturhauptstadt Nürnberg 2025 überhaupt einmal in Bewegung setzt. 

Herbert Heinzelmann

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