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Nürnberg kann Kulturhauptstadt

Initiative "NUE2025" begleitet die europäische Bewerbung solidarisch und kritisch - 30.10.2017 19:21 Uhr

Der System- und Produktentwickler Philip Zerweck (50) gehört zum Team der Initiative #NUE2025. Der Zusammenschluss von Bürgern aus Nürnberg und der Umgebung versteht sich als Plattform für alle, die sich für Nürnberg als Europäische Kulturhauptstadt 2025 engagieren wollen. Zerweck beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie Kultur ausgebildet wird, und betreibt auch den Blog Designdidaktik.de. © Foto: André de Geare


Herr Zerweck, dass Nürnberg Kulturhauptstadt werden will, findet #NUE2025 bekanntlich wunderbar. Aber was ist für Sie überhaupt Kultur?

Philip Zerweck: Die Entwicklung der Kulturhauptstädte über die Jahrzehnte zeigt, in welche Richtung es geht. In den 80er Jahren war es wichtig, zu zeigen, was man alles so an Hochkultur hat. In den 90ern entdeckte man die Subkultur. Später ging es hin zu kleineren Städten, die ihre ethnografische Prägung betonten. Und mittlerweile sind wir bei den Fragen des Zusammenlebens und der Identität angelangt. Eins ist sicher: Ein Bewerber muss selbst definieren, an welchen Kriterien er sich misst und was für ihn Kultur ist. Nicht vergessen sollte man, dass die Jury immer fragt: Was kann die Stadt Europa bieten? Und das ist nicht touristisch gemeint. Die einzige Definition, die von jedem akzeptiert werden dürfte, ist doch: Kultur ist das, wie wir zusammen leben. Und daran wollen wir von #NUE2025 mitarbeiten. Wir begleiten den Prozess konstruktiv, aber auch kritisch.

 

Und was kann Nürnberg Europa nun bieten?

Zerweck: Nürnberg muss sich anschauen, was es im Kern von den anderen Mitbewerbern unterscheidet. Das sächsische Zittau im Dreiländereck Polen, Tschechien, Deutschland will zum Beispiel mit den Nachbarstädten über die Grenzen hinweg am kommunalen Zusammenleben arbeiten. Nürnberg zeichnet im Gegensatz etwa zu Hannover, Dresden oder Kassel aus – wo ich lange gelebt habe –, dass es nie eine Residenzstadt war. Alles, was in Nürnberg passiert ist, ist von den Bürgern, durch die Bürger und für die Bürger entstanden. Residenzstädte haben ein ganz anderes kulturelles Gepräge, denn da ging es ums Repräsentieren, Blenden und Abgrenzen von dem "Plebs da unten". Ganz anders in Nürnberg. Hier wurde der älteste Kunstvereins Deutschlands gegründet: Von einem Bürger. Hier wurde die älteste Kunstakademie Deutschlands gegründet: Von Bürgern. Hier gibt es die älteste deutsche Literaturvereinigung und den weltweit ältesten Mozartverein: Alles Initiaven von Bürgern. Mir ist das aufgefallen, als ich länger woanders lebte: Nürnberger sind es nicht gewohnt, mit ihrer Kultur zu protzen. Das kann man nun negativ sehen, von wegen "Nürnberg verkauft sich schlecht". Man kann es aber auch genau andersrum sehen. Nehmen Sie die Subkultur oder auch die Industriekultur — eine Nürnberger Erfindung übrigens. Das sind alles hiesige Standbeine, die eben nicht darauf aus sind, zu blenden, sondern den Blick auf die Menschen richten und wie sie leben.

 

Sie hatten also auch schon einmal den Blick von außen. Schmort Nürnberg generell zu sehr im eigenen Saft?

Zerweck: Ich glaube, Dialoge wie das Format "Let’s Talk", bei dem Leute von außerhalb kamen und referierten, sind schon sehr befruchtend. Bei externen Fachleuten muss man allerdings aufpassen, dass sie ihre eigene Sicht nicht über die Stadt stülpen. Das sieht man etwa bei der "Kulturstrategie", die Nürnberg gerade mit Hilfe einer Berliner Agentur erstellt, die dasselbe übrigens parallel für den Mitbewerber Kassel macht, was uns sehr irritiert. Da werden Themen vorgegeben, von denen wir sagen: Das geht eigentlich an Nürnberg vorbei. Beispiel Migrationskultur: Da hat die Stadt doch überhaupt kein Problem, auch dank der sehr klugen Kulturpolitik von Hermann Glaser. Nürnberg war mit seinen Kulturläden in den Stadtteilen ja intellektueller Ursprung schon fast für ganz Mitteleuropa. Die Stadt hat eine gewaltige Integrationsleistung erbracht. Ein Problem zu schaffen, wo keines ist, ist Zeitverschwendung. Die Nürnberger Verwaltung arbeitet sehr professionell, da gibt es überhaupt keinen Zweifel. Aber über die Wahl des externen Beraters für die Kulturstrategie waren wir erstaunt. Auch darüber, dass man die Kulturstrategie und die Bewerbung zur Kulturhauptstadt als zwei getrennte Prozesse ansieht.

 

Wenn Sie sagen "wir", von wem sprechen Sie da? Wer ist Teil von #NUE2025?

Zerweck: Die Motivationen, sich zu engagieren, sind natürlich individuell verschieden, aber was uns eint, ist, dass wir uns auf das Versprechen des Oberbürgermeisters verlassen haben, dass die Bewerbung ein Stadtentwicklungsprojekt ist und das Büro daher auch im Bürgermeisteramt angesiedelt wird. Viele aus unserer Initiative kommen aus den Commercial Arts oder den Angewandten Künsten und wir sagen: In diesem Bereich ist Nürnberg ganz stark, die hiesige Web Week etwa ist die zweitgrößte in Deutschland. Außerdem sitzen Firmen wie Puma und Adidas um die Ecke. Wirtschaft, Bildung, Kultur: Das gehört alles zusammen. Auch deshalb ist es schade, dass die Kulturstrategie nun abgespaltet wurde und im Kulturreferat verortet ist. Und nun scheint auch noch das Bewerbungsbüro dort angesiedelt zu sein — dass es dort noch immer keinen Leiter gibt, halten wir übrigens für unverantwortlich. Diese Entwicklung bereitet uns Sorgen. Die anderen Referate müssen mit einbezogen werden, und zwar unmittelbar und nicht erst wenn der Prozess schon halb gelaufen ist.

 

Einbezogen werden müssen sicher auch die Bürger. Wie sehen Sie Nürnberg da aufgestellt?

Zerweck: Erst einmal: Der Stadtrat vertritt ja die Bürger. Die Auseinandersetzung damit, was die Stadt will, sollte genau in diesem Gremium stattfinden. Die Verwaltung hat das dann umzusetzen oder vielleicht auch Vorschläge zu machen. Die sehr gut funktionierende Verwaltung macht in Nürnberg jedoch alles, die Parteien im Stadtrat diskutieren dagegen wenig bis kaum. Und vor allem machen sie keine Basisarbeit, zumindest haben wir davon nichts mitbekommen. Da hinkt die Bürgerbeteiligung unserer Ansicht nach also ziemlich hinterher und mit diesem Vorgehen wird die Stadt aller Voraussicht nach Schiffbruch erleiden. Was anderes ist die Beteiligung, die von den Bürgern selbst ausgeht, da sind wir nicht schlecht dabei. #NUE2025 erreicht mit ihren Veranstaltungen auch immer mehr Leute.

 

Sie plädieren dafür, dass Nürnberg bei der Bewerbung die Region unbedingt mit einbeziehen muss. Warum?

Zerweck: Die Menschen hier leben doch nicht in einer kulturellen Identität, die an der Stadtgrenze endet. Seit Jahrzehnten gibt es eine U-Bahn, die von Nürnberg nach Fürth fährt. Das zu bedenken, wäre für die Nürnberger Bewerbung ganz wichtig: Das Konglomerat SENF, also Schwabach, Erlangen, Nürnberg und Fürth, ist ja sogar eine statistische Größe in der EU. Gottfried Wagner, der mehrmals in der Kulturhauptstadt-Jury saß, hat hier kürzlich in einem Vortrag gesagt, dass Hochschulpolitik für die Bewerbung immens wichtig sei. Wenn Nürnberg in der Welt wahrgenommen werden will, muss es sich davon freimachen, eine 500 000-Einwohner-Stadt zu sein: Nein, wir sind eine Region mit 800 000 Einwohnern.

 

Was entgegnen Sie, wenn jemand sagt, diese Bewerbung koste doch nur unnötig Geld?

Zerweck: Der Bewerbungsprozess über drei Jahre bedeutet für jeden Bürger in Nürnberg drei Euro. Das entspricht wahrscheinlich dem Stromverbrauch der Straßenlaterne vor meiner Haustür. Das Ganze kostet nicht viel Geld, sondern vor allem kreative Leistung und sich von alten Denkgewohnheiten zu verabschieden. Man sollte sich lieber mal fragen, was es uns kostet, wenn wir uns über unsere Zukunft keine Gedanken zu machen.

 

Apropos Zukunft: Schafft Nürnberg es in die Endrunde?

Zerweck: Wenn es seine Hausaufgaben macht, auf jeden Fall.

 

nue2025.eu 

Interview: SUSANNE HELMER

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