Dienstag, 20.10.2020

|

zum Thema

Nürnbergs Staatstheater-Intendant über die Arbeit in Corona-Zeiten

Jens-Daniel Herzog berichtet aus seinem geschlossenen Haus und Aktivitäten, die trotzdem weitergehen - 05.04.2020 16:11 Uhr

Im Staatstheater gibt es zwar derzeit keine Aufführungen, doch die Künstlerinnen und Künstler sind von zu Hause aus weiter für ihr Publikum kreativ.

© Foto: Michael Matejka


"Wenn man durch die Flure läuft, ist das schon eine relativ ausgestorbene Situation." Derjenige, der das sagt, ist Jens-Daniel Herzog. Der Intendant des Nürnberger Staatstheaters, das wie alle Kulturinstitutionen im Land bis mindestens 19. April geschlossen ist, arbeitet in der Corona-Zwangspause nicht im Homeoffice, sondern vor Ort. Wie er sich dabei fühlt? "Man geht morgens ins Theater und entwirft – immer auf Sicht fahrend – Handlungsanleitungen für den Betrieb", erzählt er. Woche für Woche würden die Pläne geändert, neu angepasst. Was das 600-Leute-Haus zu tun habe, werde in Absprache mit den Rechtsträgern immer wieder neu ausgerichtet.

"Das ,Organisieren des Nicht-gesehen-werdens’, das Gefühl auf Hoch-touren nichts zu produzieren, ist für einen Theaterleiter eine schmerzhafte Erfahrung und fühlt sich paradox an", sagt Herzog. "Zugleich wissen wir alle, dass die Maßnahmen absolut notwendig und richtig sind. Sowohl um die Mitarbeiter unseres großen Betriebs zu schützen, als auch aus einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung heraus", betont der 55-Jährige.

Seit 11. März ist das Vier-Sparten-Haus geschlossen, bis 19. April verliert es laut Herzog rund 1,25 Millionen Euro an Einnahmen, das sind pro Woche etwa 200 000 Euro. Gewerkelt wird weiterhin. Wartungs- und Inventurarbeiten sind zu erledigen, man versuche weiterhin Stücke zu produzieren, alles, was sich mit gebührendem Abstand machen lasse, werde gemacht. Der Chef spricht täglich mit den Abteilungsleitern, Dramaturgie, Marketing und Kommunikation arbeiten von zu Hause aus.

Auch die Künstler und Künstlerinnen sind angehalten, daheim ihre Arbeit zu machen. Sprich: sie müssen allein ihre Partitur beziehungsweise ihre Rollen lernen, speziell die Tänzer müssen sich fit halten für den ersehnten Tag, an dem der Betrieb wieder hochgefahren wird. "Wir haben ja nach wie vor Arbeitspflicht", sagt der Theaterleiter. Gerade werde angestrengt darüber nachgedacht, wie man eine Art Probensituation herstellen könnte, und die große Frage sei, auf welche Weise man den Betrieb nach der Zwangspause wieder hochfahre.

Herzog hofft, dass die Gesellschaft durch den aktuellen Mangel an Aufführungen merkt, wie wichtig es ist, gemeinsam Musik und Theater zu erleben und sich darüber auszutauschen. Kurz, "dass Kultur unersetzbar für unser Zusammenleben ist".

Bis der Kultur-Tanker wieder Fahrt aufnehmen kann, will das Team seinem Publikum mit Online-Auftritten versichern: "Wir sind für Sie da, und wir spielen weiter für Sie!". Mit dem "Digitalen Fundus" hat das Staatstheater seit längerem ein Online-Magazin, das nun mit der Rubrik "Anwesenheitsnotiz" angereichert wurde. In diesem Format fürs Leichte und Unterhaltsame kann man Schauspielerin Adeline Schebesch erleben, die aus ihren eigenen Geschichten rund um den Dutzendteich liest. Oder man hört ein witziges Corona-Medley à la Humperdinck von Julia "Gretel" Grüter und Paula "Hänsel" Meisinger. Tenor Martin Platz spielt ein "Ständchen für die Angebetete", Tänzerinnen und Tänzer verraten Fitness- und Yogatipps und Kochrezepte.

Die Künstlerinnen und Künstler seien mit viel Energie und Kreativität am Werk. "Man muss sich das mal vorstellen: Als die Coronakrise kam, war unser Betrieb in voller Fahrt. Da war es ausgesprochen schwer, ihn herunterzubremsen", versichert Herzog – und spricht damit wohl für viele andere Unternehmen jedweder Art, denen es ähnlich ging. Speziell ist an seinem Haus freilich die enorme Kreativität der Mitarbeiter und deren Drang sich künstlerisch auszudrücken.

Ein Ersatz für Aufführungen können und sollen die kleinen Beiträge nicht sein. "Die Botschaft unserer ,Anwesenheitsnotizen’ ist klar: Das Live-Erlebnis ist unersetzbar", ohne Publikum gebe es kein Theater, betont Herzog, der in Nürnberg zuletzt "La Calisto" und "Don Carlos" inszenierte. Für ihn meint "live" den direkten Austausch, das gemeinsame Sehen und Hören von Kunst und Kultur: "Zuschauer, Text und Darsteller müssen zusammenwirken".

Neben den 600 festen Mitarbeitern beschäftigt Herzogs Haus rund 100 freischaffende Künstlerinnen und Künstler. Die erleben gerade wie andere Freischaffende deutschlandweit ein Desaster, weil ihre Honorare wegbrechen. Um sie zu unterstützen, wurde im Schulterschluss mit dem Verein "Freunde der Staatsoper Nürnberg" und weiteren Fördervereinen des Hauses ein Fonds zur unbürokratischen Soforthilfe eingerichtet.

Solidarität ist Herzog wichtig. Man arbeite an Konzepten, wie derzeit freie Arbeitskapazitäten in anderen Bereichen der Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden können – etwa als Erntehilfe. Die Schneiderei produziert derweil Atemschutzmasken – zunächst nur für den Eigenbedarf. Sicher ist in Zeiten wie diesen nichts, "vielleicht gerade noch, dass der Spielplan der nächsten Saison funktioniert. . .", sagt der Theaterchef.

InfoInfos zum Spendenfonds für freischaffende Künstler: www.staatstheater-nuernberg.de

BIRGIT NÜCHTERLEIN

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Kultur