Startrampen ins Urlaubsglück

18.1.2021, 18:56 Uhr
Kühn stürzende Fassaden aus Holz und Glas: 1962 wurde der Hotelkomplex „Arc 1600“ im französischen Département Savoie gebaut. Er ist eine von 32 Ferienanlagen in den Alpen, die die Fotografen Sebastian Schels und Olaf Unverzart in ihrem Bildband zeigen.

Kühn stürzende Fassaden aus Holz und Glas: 1962 wurde der Hotelkomplex „Arc 1600“ im französischen Département Savoie gebaut. Er ist eine von 32 Ferienanlagen in den Alpen, die die Fotografen Sebastian Schels und Olaf Unverzart in ihrem Bildband zeigen. © Foto: Sebastian Schels/Olaf Unverzart

Hat hier ein Riese sein Spielzeug verloren? Oder ist ein Ufo mit Balkonen dran gelandet? Mitten in den französischen Alpen ankert ein Kreuzfahrtschiff. Zumindest sieht dieser Hotelkomplex in Puy-Saint-Vincent vor schroffer Bergkulisse so aus. Der vom Himmel gefallene Ozeanriese liegt, so scheint es, fest vertäut auf über 1500 Metern Höhe. Ein vor sich hindösender Koloss, ein Fremdkörper, ein Sinnbild für den Massentourismus – und dennoch ein ungemein melancholischer, ja fast poetisch-entrückter Anblick.

Der 1968 erbaute Riesen-Komplex ist eine von 32 Ferienanlagen in Skigebieten, die Sebastian Schels und Olaf Unverzart mit der Großbildkamera fotografiert haben. Ganz analog – und zwei Sommer lang.

Denn was hier fehlt, ist der Schnee, der sich schmeichelnd über Landschaft und Architektur legt. Und damit der Mensch. Der kommt in diese hochalpinen Gebiete nur, um Wintersport zu betreiben. Im Sommer herrscht gähnende Leere, die Hoteltanker ruhen und bröckeln vor sich hin.

Abblätternder Putz, Unkraut, das vor Hauseingängen sprießt, Wände, die Risse bekommen, Fenster, die verdrecken: Auch das zeigen die beiden in München lebenden Fotografen, die sich das Atelier und die künstlerische Herangehensweise teilen.

"Wir wollten nicht werten"

Die beschreibt man wohl am besten als dokumentarisch-distanziert. Da wird weder der erhobene Zeigefinger ausgepackt noch das digitale Bildbearbeitungsprogramm. "Wir wollten keinesfalls werten", sagt Olaf Unverzart über seine Haltung zu den Bausünden, die einst supermodern waren, heute so monströs und deplatziert wirken.

Eine gewagte Konstruktion, die weit über den Hang reicht: der Hotelkomplex „Flaine“ in Hochsavoyen.

Eine gewagte Konstruktion, die weit über den Hang reicht: der Hotelkomplex „Flaine“ in Hochsavoyen. © Foto: Olaf Unverzart/Sebastian Schels

Ihren Dienst aber tun sie noch immer als hochverdichtete und höchst funktionale Refugien des Massenurlaubs. "So hat man nur in Frankreich gebaut. Da wurden Entwürfe genehmigt, die in der Schweiz nie genehmigt worden wären", sagt Unverzart und erklärt damit die Konzentration auf das Gebiet zwischen Genf und Nizza mit Skiresorts, die im Hochgebirge auf mindestens 1500 Metern und oft noch sehr viel höher liegen.

Die allermeisten der abgebildeten Orte des Urlaubsglücks aus der Retorte sind in den "trentes glorieuses" entstanden, den glorreichen Jahrzehnten zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und Mitte der 1970er Jahre. Die Bevölkerung Frankreichs stieg enorm an in dieser Zeit, die Gebirgsregionen wurden zu Freizeitgebieten, auch weil die Menschen durch den neuen gesetzlichen Urlaubsanspruch mehr Zeit für ihre Hobbys hatten.

Schon lange hatte Unverzart, der viel mit dem Fahrrad in den Alpen unterwegs ist, den Wunsch, diese "komische Sommer-Stimmung" in den Skigebieten einzufangen. "Das hat so etwas Verlorenes und Brachiales. Es ist wie ein Durchatmen, bevor die Skifahrer kommen", sagt der 48-Jährige.

Er stammt aus der Oberpfalz, genauer gesagt aus dem Dorf Kritzenast bei Cham, wohin er auch heute noch oft und gerne zurückkehrt. An der Nürnberger Kunstakademie hat er bis 2009 unterrichtet und ist mit seinen Arbeiten in der Nürnberger Galerie von Annette Oechsner vertreten – derzeit auch mit Aufnahmen aus dem neuen, außergewöhnlichen Bildband "Été". Coronabedingt wartet die Ausstellung auf ihre Öffnung.

"Olaf Unverzart macht Dinge durch Weglassen sichtbar. In seiner künstlerischen Sprache hat er etwas sehr Malerisches. Er malt mit der Kamera", sagt seine Galeristin. Postkarten-Idyllen kommen dabei nicht heraus.

Entwurf von Marcel Breuer

Mit großen Kameras haben Schels und Unverzart große Strecken auf meist endlos langen kurvenreichen Straßen zurückgelegt. Sie waren im Retortendorf Flaine in der Haute-Savoie, das Marcel Breuer mit Hochhauskomplexen für 2000 Hotelbetten, 4000 Ferienwohnungsbetten und 1000 Betten für das Personal, mit Kino, Ladenpassage und selbst einer Kirche ausgestattet hat.

Wie ein gestrandeter Ozeanriese mitten in den Alpen ruht der Ferienkomplex in Puy-Saint-Vincent.

Wie ein gestrandeter Ozeanriese mitten in den Alpen ruht der Ferienkomplex in Puy-Saint-Vincent. © Foto: Olaf Unverzart/Sebastian Schels

Sie waren in Avoriaz, wo Fassaden so schief und quer gebaut wurden, als sei eine Lawine auf sie gestürzt. Sie waren in Les Orres, wo der Hotelkomplex wie eine Ritterburg die Straße überspannt.

Von einem "kreativen Übermut" der Architekten spricht der Architekturtheoretiker Dietrich Erben in seinem klugen Essay "Zukunftsstädte des Winterurlaubs" am Ende dieses faszinierenden Buches. Und man fragt sich, wo dieser "Übermut" heute geblieben ist.

Zwei Aufnahmen aus dem Band hängen nun in der wegen des Shutdowns zunächst bis 31. Januar geschlossenen Gruppenschau "Do you believe in happy endings?" der Galerie Oechser. Ab 17. März soll Olaf Unverzart im Rahmen des 1. Nürnberger Fotofestivals sein neuestes Projekt "Burning Heart", also brennendes Herz, dort in einer Einzelausstellung zeigen. Ein bisschen bleibt er den Sommer-Ski-Orten dabei treu: Es wird um die großen Gebirge und Ozeane der Welt gehen.

INFO: Sebastian Schels/Olaf Unverzart: "ÉTÉ", Verlag Kettler, Dortmund, 184 Seiten, 49 Euro, zu beziehen über ete-book.com

Galerie Oechnser. Gustav-Adolf-Str. 33, Nürnberg: "Do you believe in happy endings?" bis 27.2.21, derzeit wegen Lockdown geschlossen. www.oechsner-galerie.de

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