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Trotz Schwächen in der Regie: Joana Mallwitz rettet die "Cosí"

Nürnberger Dirigentin brillierte bei ihrem Debüt - 04.08.2020 09:51 Uhr

Gesellschaftsspiel vor weißer Wand mit großen Saaltüren: Regisseur Christof Loy verzichtet in seiner Salzburger Inszenierung von Mozarts „Cosi“ auf jegliche historische Einordnung oder Interpretation.

© Foto: Monika Rittershaus/ARTE


Das gelang ihr in einer historisch einmaligen Situation: Mozarts Opernklassiker "Cosí fan tutte" musste wegen der Corona-Schutzmaßnahmen im Eilverfahren um eine gute halbe Stunde gekürzt werden. Mallwitz selbst und Regisseur Christof Loy erstellten diese Fassung, die ohne Pause auskommt. Die amtierende "Dirigentin des Jahres" und erste Opern-Dirigentin in der Salzburger Festspielgeschichte gab bei der Premiere dem Werk jene Vitalität, Intensität und emotionale Wärme, die "Cosí" braucht, um nicht wie eine alberne Klamotte zu wirken.

Schließlich ist die Rahmenhandlung von Mozart und seines Librettisten Lorenzo Da Ponte reichlich schräg angelegt. Auf Betreiben des Lebemannes Don Alfonso und assistiert von der bauernschlauen Zofe Despina lassen sich zwei junge Männer auf eine Wette ein: Sie wollen die Treue ihrer Geliebten nach einem fingierten Abschied in Verkleidung und vertauschten Rollen auf die Probe stellen.

Ferrando gräbt nun Fiordiligi an, Guglielmo versucht es bei Dorabella. Beide sind sich sicher, dass ihre Verlobten treu sind, beide werden eines Besseren belehrt und schauen – ebenso wie die beiden Frauen – in die Abgründe, die in vermeintlich glücklichen Beziehungen lauern.

Im luftleeren Raum

Regisseur Christof Loy verzichtet in seiner Salzburger Inszenierung auf jegliche historische Einordnung oder Interpretation. Vor einer weißen Wand mit zwei herrschaftlichen Saaltüren gestaltet er lediglich eine Fläche für die Figuren eines Gesellschaftspiels im ansonsten luftleeren Raum. Dass dieser an der Grenze zur Belanglosigkeit entlang schrammende Entwurf Gewicht entwickelt, dass aus der komödiantischen Ausgangslage tiefe Emotionen wie Eifersucht, neue Liebe, Enttäuschung und Wut entstehen, ist einzig Joana Mallwitz, den Wiener Philharmonikern und Mozarts Musik zu verdanken.


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Dagegen wirkt in den erheblich gekürzten Rezitativen einiges holprig; Da Pontes Feinsinn und Reflexion leiden, fast nur die "Action" ist übriggeblieben. Mallwitz gelingt es, diese Verluste zu kompensieren. Ihr Mozart hat an diesem Abend im Großen Festspielhaus in Salzburg, hundert Jahre nach der Gründung der weltweit wirkmächtigsten Klassikfestspiele, nichts Rudimentäres oder Stückwerkhaftes. Und das, obwohl auch einige Arien fehlen und es zudem Einschnitte in den wichtigen Ensembleszenen gibt.

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Trotzdem gelingt Mallwitz und den Wiener Philharmonikern jene universelle, ja transzendente Berührung, die Mozarts Musik im besten Fall auszulösen vermag. So wird diese "Cosí" zu einem Archetypus der menschlichen Sehnsucht nach Nähe und Sich-im-Anderen-Wiedererkennen. Und damit zu einem wichtigen Kommentar über die sozialen Entbehrungen in Zeiten von Covid-19.

Christof Loy vermeidet in seiner Inszenierung zum Glück allzu direkte Anspielungen darauf; lediglich Despina wird als falsche Ärztin mal mit Mundschutz und Hygienedress ausstaffiert. Sogar die Verkleidung von Ferrando und Guglielmo kommt ohne Masken aus: Die beiden Männer tragen plötzlich bunte Kostüme in einer ansonsten schwarz-weißen Bühnenwelt.


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Diese Schlichtheit ist unter den besonderen Salzburger Corona-Bedingungen nicht nur zweckmäßig, sondern auch aussagekräftig: Kalt und nüchtern, langweilig und albern würde es in diesem Vakuum der Opernroutine zugehen, wenn Mozarts Musik nicht die Emotionen der Protagonisten und des Publikums erreichen würde. So fällt an Loys Personenregie immerhin die menschliche Nähe, die im Lockdown zeitweise untersagt war, positiv auf.

Auf dem Karrieresprung

Komödiantisches Talent beweisen dabei Johannes Martin Kränzle als Don Alfonso sowie Lea Desandre als Despina. Als romantisch-innige Fiordiligi überzeugt Sopranistin Elsa Dreisig, während Marianne Crebassa der so impulsiven wie neuen Partnererfahrungen nicht abgeneigten Dorabella viel Mezzo-Feuer gibt.

Dirigierte als erste Frau eine Oper bei den Festspielen: Joana Mallwitz.

© Foto: BARBARA GINDL/APA/AFP


Kein Wunder, dass es zwischen ihr und dem Selbstbewusstsein ausstrahlenden Bariton von Andrè Schuen als Guglielmo schnell funkt, während der lyrisch-noble Tenor Bogdan Volkov als Ferrando bei Fiordiligi länger warten muss.

Für Joana Mallwitz dürften nach diesem überzeugenden Debüt als erste Dirigentin einer Oper bei den Salzburger Festspielen endgültig die Weichen in Richtung internationale Karriere gestellt sein. Noch sehe sie ihren Platz als Generalmusikdirektorin in Nürnberg, sagte Mallwitz in den aktuellen Gesprächen rund um die "Cosí". Den hiesigen Klassikfans dürfte dabei das "noch" in den Ohren klingen. . .

Weitere Vorstellungen: 5., 9., 12., 15. und 18. August; Ticket-Hotline: 00 43 / 6 62 / 8 04 55 00.

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