Grund- und Förderschulen

Lehrerverbände kritisieren: "Die Pooltests kommen zu einer Unzeit"

NN-Redakteurin Kathrin Walther
Kathrin Walther

Ressort Kinder, Familie und Bildung

E-Mail zur Autorenseite

21.9.2021, 09:24 Uhr
Lehrkräfte und Schulverwaltung stimmen der Einführung von Pooltests zu - allerdings nicht dem Zeitpunkt und der engen Frist. 

Lehrkräfte und Schulverwaltung stimmen der Einführung von Pooltests zu - allerdings nicht dem Zeitpunkt und der engen Frist.  © Roland Weihrauch / dpa, NN

Als am Dienstag vor einer Woche das Schuljahr begann, waren die Lehrkräfte und Leitungen an Grund- und Förderschulen schon wieder am Ende. Grund war ein 29-seitiges Geheft, gespickt mit Fachtermini, das einen Tag zuvor am Montag an die Schulen ging: die Anleitung zur Einführung der PCR-Pooltests vom bayerischen Kultusministerium.

Für rund 500.000 Schülerinnen und Schüler in über 25.000 Klassen an rund 3.300 Standorten sollen täglich die Tests an den Schulen abgeholt und ins Labor transportiert werden - auch das Kultusministerium spricht von einem "ambitionierten Projekt". Bislang (Stand Dienstag) führen rund 39 Prozent der Grundschulen und Förderzentren Pooltests durch. Und das sind die Schwierigkeiten:

Der Zeitpunkt

Nach derzeitigem Stand sollen sich die Schulen bis 27. September für das Verfahren angemeldet haben. Die Zeit bis dahin ist als Übungsphase gedacht. Alle angefragten Stellen - Schulamtsleitungen aus Nürnberg, Stadt und Landkreis Fürth, Erlangen und Erlangen-Höchstadt, der Nürnberger Lehrer- und Lehrerinnenverein (NLLV) sowie zwei Schulleiterinnen sind sich einig: Wenn es mal läuft, dann wird dieses Testverfahren zuverlässiger, einfacher und schneller sein. Das Aber formuliert NLLV-Vorsitzende Sandra Schäfer so: "Am Schuljahresanfang ein solches Mammutprojekt in Lichtgeschwindigkeit einzuführen, ist unterirdisch."

Kultusministerium kippt etabliertes Pooltest-Verfahren im Nürnberger Land

Lehrkräfte und Schulleitungen sind gerade jetzt mit der Eingewöhnung der Kinder, mit Stundenplänen, Organisation, Verwaltung, Elternabenden ausreichend beschäftigt. Sabine Wolf, NLLV-Mitglied und Schulleiterin in Nürnberg, sagt: "Für die Einführung eines Projektes solchen Ausmaßes hätten wir mindestens ein Viertel Jahr gebraucht. Die Pooltests kommen zu einer Unzeit."

Die Einverständniserklärung

Eltern erhielten im Laufe der ersten Schulwoche ein achtseitiges Formular, an zwei Stellen mussten sie Daten ihres Kindes hinterlegen, an zwei Stellen ein Kreuz setzen. Die Einwilligung ist Voraussetzung für den Start, da für das Verfahren hochsensible Daten (des Kindes) über eine Software-Schnittstelle von der Schule an die Labore geht. Doch solch ein Rücklauf kann sich ziehen: Der Zettel bleibt tagelang im Ranzen, Eltern haben sprachliche Schwierigkeiten, vergessen die Kreuzchen zu setzen oder haben einen großen Informationsbedarf und rufen in den Schulen an. Was passiert, wenn Eltern nicht wollen, dass ihr Kind am Pooltest teilnimmt? Darauf die Antwort der Pressestelle des Kultusministeriums: "Es kann aber selbstverständlich weiterhin ein Test, der von einem Testzentrum durchgeführt wurde, als Nachweis in die Schule mitgebracht werden."

Das Verfahren

So sehen die Barcodes aus. Hinter jedem Code sind die Daten eines Kindes hinterlegt.

So sehen die Barcodes aus. Hinter jedem Code sind die Daten eines Kindes hinterlegt. © Peter Kneffel, dpa

In einem einmaligen Kraftakt müssen die persönlichen Daten der 500.000 Kinder in der Software eingepflegt werden. "Ich weiß, dass viele Schulleitungen am Wochenende durchgearbeitet haben", sagt Nürnbergs Schulamtsleiter Thomas Reichert. Getestet wird an zwei Tagen (Schnelltest: drei Tage), an denen zwei Proben genommen werden. Jedes Kind nimmt ein Wattestäbchen für den Pool- also den Klassentest und ein Wattestäbchen für den Individualtest ("Rückstellprobe") in den Mund. Pool- sowie jede Individualprobe erhalten je einen Barcode mit den Daten der Klasse bzw. des Kindes. Die Barcodes werden einzeln händisch aufgeklebt, der neunstellige Code in die Schnittstelle eingegeben. Für die Umsetzung ist das Schulpersonal - Verwaltungskräfte und/oder Lehrkräfte - zuständig. Voraussetzung: Wlan sowie Dienstcomputer sind verfügbar - "und das ist bei weitem nicht an jeder Schule der Fall", sagt NLLV-Vorsitzende Sandra Schäfer.

Kommentar: Die Lehrkräfte sind zurecht sauer

Die Logistik

Bis 10 Uhr übergibt jede Schule die Tests aller Klassen und Kinder an einen Fahrdienst, der von der Kreisverwaltung organisiert wurde. Die Fahrdienste fahren schon jetzt als Übung ohne Proben die Routen ab. Zentrale Anlaufstelle für die Region Nürnberg, Fürth, Erlangen ist der Nürnberger Hafen. Von dort werden alle Proben in das zuständige Labor SynLab nach Weiden transportiert. Für ganz Bayern gibt es zehn zuständige Labore.

Das Ergebnis

Sollte in den Pool-Proben ein positives Ergebnis sein, wird anhand der Individualproben der Klasse das betreffende Kind herausgefiltert. Bereits vor Schulbeginn am nächsten Tag sollen Schule sowie Eltern über den positiven Corona-Test digital informiert werden. Achtung: Eltern erhalten vom Labor eine E-Mail mit der Aufforderung, ihre Mailadresse freizuschalten.

Die Schnelltests

Die vorrätigen Schnelltests sollen weiter vom ungeimpften Lehr- und Verwaltungspersonal oder von Schulkindern genutzt werden, die am Tag der Pooltestung verhindert waren, teilt eine Sprecherin des bayerischen Gesundheitsministeriums auf Anfrage mit.

Schlusswort

Das Personal an den Grund- und Förderschulen geht einmal mehr über seine Grenzen. "Für die Leistungen der Lehrkräfte kann ich nur meine Hochachtung ausrücken", sagt die Fürther Schulamtsleiterin Ulrike Merkel. Heute, Mittwoch, werden sich Kultusministerium und Schulaufsicht zum zweiten Mal in einer Videokonferenz über den Stand der Dinge austauschen.

4 Kommentare