NN/NZ-Klinikcheck

Lob und Kritik: Was Mediziner über unser Krankenhaus-Ranking denken

Melanie Scheuering

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16.11.2021, 13:57 Uhr
Check: Klinikvertreter sehen den Klinik-Vergleich differenziert.

© Sebastian Kahnert/dpa Check: Klinikvertreter sehen den Klinik-Vergleich differenziert.

Der NN/NZ-Klinikcheck hat erneut eine Feuertaufe bestanden. Nach fünf Jahren in der Nürnberger Zeitung (NZ) ist unser großer Krankenhausvergleich in diesem Jahr erstmals auch in den Nürnberger Nachrichten (NN) erschienen. Ziel der Serie ist es, unserer Leserschaft durch Auswertung öffentlicher Qualitätsdaten für ganz verschiedene Bereiche stationär durchgeführter Medizin – etwa Eingriffe an Knie, Herz oder Eierstöcken – Orientierung zu bieten.

Informationen zur Methodik des NN/NZ-Klinikchecks finden Sie hier.

Positiv äußert sich Prof. Dr. Werner Lang, als Leiter der Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Erlangen (UKEr) ausgezeichnet für Halsschlagader-Operationen: „Die Kombination aus Klinikranking und Information der Bevölkerung ist sehr gut.“ Es sei wichtig, komplexe Zusammenhänge gut verständlich zu erklären. „Der Wettbewerb der Kliniken ist ein Ansporn für uns. Es freut uns riesig, dass wir zum dritten Mal auf Platz eins liegen“, sagt Lang. „Wir wollen das auch ein viertes Mal schaffen.“

Das Klinikum Nürnberg, Sieger bei Gallenblasen-OPs, begrüßt laut Pressesprecherin Sabine Stoll „grundsätzlich alle Bemühungen, die Leistungen von Krankenhäusern für Patientinnen und Patienten so transparent wie möglich zu machen. Beim methodischen Vorgehen der verschiedenen Klinik-Rankings gibt es aber deutliche Unterschiede. Deshalb steht mal die eine Klinik ganz oben, mal die andere“.

Vielfach Sieger des NN/NZ-Klinikchecks: Prof. Dr. Andreas Blana (Chefarzt der Urologie am Klinikum Fürth) mit Prof. Dr. Martin Emmert (links, Universität Bayreuth) und Prof. Dr. Oliver Schöffski (Universität Erlangen-Nürnberg) bei der Übergabe unseres Zertifikats 2021.

Vielfach Sieger des NN/NZ-Klinikchecks: Prof. Dr. Andreas Blana (Chefarzt der Urologie am Klinikum Fürth) mit Prof. Dr. Martin Emmert (links, Universität Bayreuth) und Prof. Dr. Oliver Schöffski (Universität Erlangen-Nürnberg) bei der Übergabe unseres Zertifikats 2021. © Tim Händel

Prof. Dr. Andreas Blana, Chef der Urologie am Klinikum Fürth, ist seit Jahren Spitze bei der Radikalen Prostataentfernung bei Prostatakrebs. „Das Verfahren des NN/NZ-Klinikchecks ist von allen, die ich kenne, das objektivste“, sagt er. „Dahinter steht kein wirtschaftliches Interesse, wie etwa beim ,Focus-Siegel‘, das nach Zuteilung teuer erworben werden muss.“

Prof. Dr. Peter Hubert Grewe, Chefarzt der Medizinischen Klinik 1 am Klinikum Neumarkt, kam mit der ambulant erworbenen Lungenentzündung (Pneumonie) auf Platz eins und sagt: „Der Bürger wird im NN/NZ-Klinikcheck gut informiert. Auch für das Team ist es Motivation, zu wissen, wir haben exzellent abgeschnitten. Lob ist der beste Motivator.“

Prof Dr. Peter Hubert Grewe, Chefarzt der Medizinischen Klinik I am Klinikum Neumarkt, ausgezeichnet für die Behandlung der ambulant erworbenen Pneumologie.

Prof Dr. Peter Hubert Grewe, Chefarzt der Medizinischen Klinik I am Klinikum Neumarkt, ausgezeichnet für die Behandlung der ambulant erworbenen Pneumologie. © Eduard Weigert

Prof. Dr. Heinz Scholz, Chefarzt der Frauenklinik in Neumarkt, freut sich über den Sieg in den Kategorien Mammachirurgie und Gynäkologische Operationen: „Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung sind in der Medizin höchst relevante Instrumente, um Behandlungsergebnisse nachhaltig zu verbessern.“ Aber: „Zur Systematik der Untersuchung gibt es sicherlich unterschiedliche Aspekte und Meinungen.“

Dr. Gerald Prechtl, kommissarischer Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie an der Klinik Hallerwiese Nürnberg, ist Nummer eins bei Leistenbruch-Operationen. Er sagt, Patienten hätten einen „immensen Bedarf“, sich vor einer Operation zu informieren, hinterfragt aber die Qualitätsindikatoren: „Die Sterblichkeit innerhalb von 30 Tagen nach einer Leistenbruch-OP gibt es quasi nicht. Wer danach stirbt, muss vorher schwer krank gewesen sein oder kam bei einem Unfall ums Leben.“

Peter Krappmann, Vorstandschef des Klinikums Fürth, hat es zum Strategieziel seines Hauses gemacht, beim NN-/NZ-Klinikcheck in den kommenden drei Jahren „immer unter den Top 5 zu sein“. Gleichwohl kritisiert er das aus seiner Sicht nicht ausreichende Erhebungsverfahren. „Dafür müsste ein größeres Datenvolumen genutzt werden“, sagt Krappmann.

Prof. Dr. Oliver Schöffski von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Prof. Dr. Martin Emmert von der Universität Bayreuth haben die Methodik des Klinikchecks konzipiert und nehmen mit ihren Teams jährlich die Auswertung vor. Sie stützen sich auf Daten, die deutsche Krankenhäuser verpflichtend dokumentieren müssen, und die vom Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) erhoben werden.

Informationen zum Forschungsprojekt finden Sie hier.

Welche Indikatoren das Institut abfragt – oder eben nicht –, legt wiederum der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) fest, in dem Ärzte, Vertreter der gesetzlichen Krankenkassen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft sitzen; Patientenvertreter stehen beratend zur Seite.
Um die Aussagekraft des Klinikchecks zu erhöhen, haben die Wissenschaftler die Fallzahlen beim jeweiligen Eingriff – unstrittig ein wichtiger Qualitätsindikator – sowie die Patientenbewertungen der Weissen Liste hinzugenommen.

„Seit einiger Zeit arbeiten wir daran, auch Zertifizierungen aufzunehmen, also spezielle Qualitätsnachweise für die Behandlungen“, sagt Emmert. Das IQTIG ist bereits vom G-BA beauftragt, Kriterien zur Aussagekraft von Zertifikaten und Qualitätssiegeln zu entwickeln. Da aber allein der Definitionsprozess noch bis Anfang 2022 läuft, ist dieser Aspekt bislang nicht in den Klinikcheck eingeflossen.

Ein Umstand, den Prof. Dr. Matthias W. Beckmann, Chef der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen, scharf kritisiert. Verbunden mit der Ampelgrafik würden so „Patientinnen auf den falschen Weg gebracht“. Er bezieht sich unter anderem auf die Folge zur Mammachirurgie, also zur operativen Entfernung von Brustkrebs. Abgesehen vom Klinikum Neumarkt waren die anderen Platzierten in der Top-Gruppe 1 nicht für die Brustkrebs-Behandlung zertifizierte Häuser. Bei ihnen waren aber alle vom IQTIG gemessenen Indikatoren unauffällig gewesen. Das UKEr-Brustzentrum hatte einen auffälligen Indikator und kam so in Gruppe 2.

Kritik an den Kriterien

Beckmann beurteilt aber die ausgewerteten Kriterien als „nicht ausreichend“. Er selbst hat 2011 gemeinsam mit den Chefs der zertifizierten Brustzentren in Nürnberg und Fürth eine Studie veröffentlicht, die auf Daten des Bayerischen Krebsregisters von fast 4000 Frauen beruht. „Die Versorgung in einem zertifizierten Brustzentrum zeigt unabhängig von den klassischen Prognosefaktoren eine signifikante Verbesserung des Gesamtüberlebens“, fasst Beckmann die Ergebnisse zusammen. „Das liegt daran, dass die Zertifizierung der Deutschen Krebsgesellschaft mit besonders hohen Anforderungen an die Versorgungsqualität verbunden ist.“ Eine logische Schlussfolgerung. Allerdings gibt es auch Studien, die keine Überlegenheit der zertifizierten Zentren ergeben haben.

Indes bricht auch der Neumarkter Lungenspezialist Grewe eine Lanze für zertifizierte Zentren: „Es darf dadurch, dass wir die ambulant erworbene Pneumonie exzellent behandeln, nicht der Eindruck entstehen, dass wir jede seltene Lungenerkrankung genauso exzellent behandeln wie ein Top-Zentrum. Die Patienten dürfen keine Angst haben, in die Lungenfachklinik nach Nürnberg Nord oder Regensburg zu gehen, falls die nicht ganz so gut abschließen.“

So sehr sich das Team des NN/NZ-Klinikchecks über das Lob der Ärzte freut, so ernst nimmt die Redaktion von NN und NZ kritische Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge. Schon jetzt arbeiten wir an der nächsten Auflage unseres Klinikrankings mit dem Ziel, Sie als unsere Leserinnen und Leser künftig noch besser informieren zu können.

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