Die Ethik stellt die Leitplanken in der Corona-Krise

16.4.2020, 15:47 Uhr
Von Altergrenzen in der intensivmediznischen Versorgung hält Theologe Johannes Rehm nichts.

Von Altergrenzen in der intensivmediznischen Versorgung hält Theologe Johannes Rehm nichts. © picture alliance / dpa

„Kein Prinzip verträgt die letzte Konsequenz“, versucht Johannes Rehm eine erste Annäherung.Der Pfarrer, der den „Dienst in der Arbeitswelt“ der evangelischen Landeskirche in Nürnberg leitet und sich auch als Dozent an der Universität in Erlangen vor allem mit Wirtschafts- und Sozialethik beschäftigt, verweist auf das Beispiel des Jesus von Nazareth. Der habe sich einmal um einen unheilbar Kranken gekümmert – und sich damit über ein Feiertagsgebot hinweggesetzt. „Aber der Schabbat ist für die Menschen da – und nicht umgekehrt“, folgern die Theologen.

Eine Regelübertretung, aber eindeutig im Einsatz für das Leben. Bezogen auf mögliche Extremsituationen in Kliniken unserer Tage kann das nur heißen: Mit rigiden Vorgaben, beispielsweise Altersgrenzen bei der Versorgung mit Intensivmedizin, ist nichts gewonnen. In der Verzweiflung mögen sie als Krücken dienen – unterm Strich aber könnten sie mehr Unheil stiften als nützen.

„Schon jetzt geht ja unter Älteren die Angst um, dass es für sie im Zweifel keinen Beatmungsplatz gibt. Wenn sich aber der Eindruck breit macht, dass die gesamte ältere Generation quasi abgeschrieben würde, wäre das verheerend und absolut inakzeptabel.“ Aber nicht erst, wenn es um Leben oder Tod geht, seien „Leitplanken“ gefragt: „Das spüren wir jetzt, wo Arbeitsplätze ins Rutschen geraten“, stellt der 62-Jährige fest.

Wie weit muss der Abbau hingenommen werden, um Firmen zu retten? Und wie lassen sich Grundwerte dort zur Geltung bringen, wo sonst Wettbewerb und Gewinnmaximierung oberstes Gebot sind? Generelle Antworten sind schwer möglich, weil die individuellen Verhältnisse so vielfältig sind. Indes wird gerade da ein anderes Grundproblem sichtbar, der Faktor Zeit: „In vielen Fällen sind die Folgen unserer Entscheidungen schwer abzuschätzen, weil keiner weiß, wie es in ein paar Wochen und Monaten aussieht“, gibt Rehm zu bedenken.


Die Triage erklärt: Wer wird im Notfall beatmet, wer nicht?


Auch in der Corona-Krise bleibt Wissenschaftlern und Politikern derzeit nichts anderes übrig als „auf Sicht zu fahren“. Das ist und bleibt unbefriedigend, für umso wichtiger hält der Sozialethiker Entscheidungsfindungen im gemeinsamen Suchen und in „dialogischen Prozessen“. Unterdessen hat die Wissenschaft natürlich kluge Begriffe entwickelt, um wenigstens so etwas wie Schneisen ins Chaos der Wirklichkeit zu schlagen. So schlägt das Pendel hin und her zwischen dem Festhalten an Grundnormen auf der einen (Prinzipienethik) und der pragmatischen Orientierung am Hier und Jetzt (Situationsethik) auf der anderen Seite, zwischen dem, was Menschen brauchen, um gut zu leben (Bedarfsethik) und der subjektiven Verantwortungsethik. „Letztlich kommt es auf eine gute Balance von alledem an“, betonzt Rehm – und weiß doch, dass der Graben zwischen Theorie und Praxis trotzdem tief bleiben kann. „Ich wehre mich gegen ein System ethischer Urteilsbildung, auch das kann in die Irre führen.“

Unantastbar bleibt für ihn jedoch eine Leitplanke wie die unbedingte Achtung der Menschenwürde. „Jede und jeder ist ohne wenn und aber ein gleichberechtigtes Geschöpf, also nach christlicher Auffassung ein Ebenbild Gottes“, so Rehm. „Die Nächstenliebe ist der Dreh- und Angelpunkt.“ Doch wenn sich in tragischen Situationen selbst ein Verletzung der hehrsten Grundnormen nicht zu umgehen ist, werden sich die Betroffenen der zwangsläufigen Schuld stellen müssen. Die Beschäftigung mit den Grundkonflikten einer womöglich verhängnisvollen Abwägung von Menschenleben zieht sich freilich bereits durch die Jahrhunderte. Zuletzt hatte in den Kirchen vor allem die Auseinandersetzung um den Dienst mit der Waffe, also um die Friedensethik, enorme Spannungen und Zerreißproben heraufbeschworen. Dabei gilt weitgehend als Konsens: Wer den Einsatz von Waffen grundsätzlich ablehnt, kann damit – wenn er oder sie Leben hätte retten können – ebenso schwere Schuld auf sich laden wie jene, die als Soldaten dienen, zumindest solange sie eindeutig als Verteidiger agieren.


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