Donnerstag, 01.10.2020

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Dieter Nuhr nimmt Entschuldigung der DFG nicht an

Forschungsgemeinschaft hatte zuvor einen Beitrag des Kabarettisten gelöscht - 06.08.2020 11:49 Uhr

Dieter Nuhr tritt als Kabarettist und Moderator auf.


"Wissen bedeutet nicht, dass man sich zu hundert Prozent sicher ist, sondern, dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben", sagt Dieter Nuhr. "Wissenschaft ist gerade, dass sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert." Mit diesem Beitrag hat sich der Kabarettist an der Kampagne #fürdasWissen beteiligt. Damit wirbt die Deutsche Forschungsgemeinschaft zu ihrem 100. Jubiläum.

Auf Twitter hat das seit der Veröffentlichung vor knapp einer Woche zu über 600 Kommentaren und teils heftigen Reaktionen geführt. "Ist ja ein bisschen, als würde der Papst das Grußwort zum deutschen Atheistentag sprechen...", schreibt eine Nutzerin. "Ihr seid ja von allen guten Geistern verlassen", meint ein anderer. "Fand den ein Entscheidungsträger persönlich ganz witzig, oder was?" Oder auch: "Dieter Nuhr kommentiert die Relevanz von Wissenschaft? Was kommt als nächstes, Clemens Tönnies gibt einen Vortrag über den arbeitnehmerfreundlichen Arbeitsplatz?" Auf Facebook, wo der ganze Beitrag zu lesen ist, sind es sogar knapp 4500 Kommentare.

Witze über den Islam und Greta

Dieter Nuhr hat in der Vergangenheit immer wieder polarisiert, weil er sich auf der Bühne über den Islam oder den Klimawandel lustig gemacht hat. Seine Witze über Greta Thunbergs Rede beim UN-Klimagipfel im vergangenen Herbst führten vor allem auf Twitter zu einer Welle der Entrüstung. Im Laufe der Corona-Pandemie kristisierte Nuhr mehrmals das Handeln von Politik und Wissenschaft. In seiner ARD-Sendung mutmaßte er, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel dem Virologen Christian Drosten inzwischen "hörig" sei.

Die aktuelle Diskussion hat die DFG zum Anlass genommen, Nuhrs Kampagnen-Beitrag von ihrer Webseite zu löschen. Auf Twitter steht er weiterhin. "Zu ihrem Bedauern sah sich die DFG nicht in der Lage, kurzfristig und während einer zum Teil aggressiven Twitter-Diskussion eine klare Einschätzung zu den Kommentaren vorzunehmen", schreibt die Organisation. "Die DFG hat sich daher am 31. Juli entschieden, den Beitrag von der Seite “DFG2020 – Für das Wissen” und aus ihrem Youtube-Kanal zu nehmen und die Situation näher zu beleuchten."


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Doch auch diese Aktion ging nach hinten los: Das Löschen hat erneut zahlreiche böse Kommentare ausgelöst. Nuhr selbst kritisierte die Entscheidung mit einer langen Stellungnahme auf seinem Facebook-Account."Dass Kritik aufkommt, wenn ich mich äußere, erstaunt mich nicht weiter", schreibt der Kabarettist darin unter anderem. "Neu ist, dass nun eine Organisation wie die Deutsche Forschungsgesellschaft, die eigentlich wie keine andere für freies Denken stehen sollte, den Ideologen im Netz nachgibt."

Die DFG hat sich entschuldigt: "Die Entfernung des Beitrags erfolgte ohne weitere Erläuterung und ohne vorherige Information an Herrn Nuhr, was die DFG ausdrücklich bedauert und wofür sie sich bei Herrn Nuhr entschuldigt. Auch möchte die DFG betonen, dass sie mit der Entfernung des Beitrags keineswegs Herrn Nuhrs persönliche Einstellung zur Wissenschaft bewerten wollte."

"Kritik als Ketzerei"

Nuhr will diese Entschuldigung nicht annehmen. Das Vorgehen der DFG hält er für inakzeptabel: Die DFG beteiligt sich somit aktiv daran, Kritik als Ketzerei zu verfolgen und Andersdenkende mundtot zu machen", schreibt Nuhr. "Ich halte das indessen für ein Phänomen, das die demokratische Diskussion ernsthaft gefährdet, schon weil sie indessen den Wissenschaftsbetrieb weltweit erreicht hat.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist das Organ zur Selbstverwaltung der Wissenschaft im Land. Sie hat einen Etat von mehr als drei Milliarden Euro im Jahr, um Projekte an Hochschulen und Instituten zu finanzieren. Wissenschaftler bewerben sich um diese Mittel mit langen Anträgen. Eine wichtige Fördervorraussetzung ist seit einigen Jahren auch, dass die Forscher anschießend in der Öffentlichkeit kommunizieren, was sie tun. Wissenschaftskommunikation nimmt einen immer wichtigeren Stellenwert ein. Der Steuerzahler soll wissen, wohin sein Geld fließt.


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"An sich ist die Kampagne ein guter Ansatz, weil die DFG hunderte Leute zu Wort kommen lässt und so ein buntes Bild entsteht", sagt Michael Jungert, Leiter des Zentralinstituts für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen an der Universität Erlangen-Nürnberg. "Man hätte Dieter Nuhr anschließend ausführlicher interviewen können, um das Ganze in einen Kontext zu setzen", schlägt er vor.

"So hätte man sich inhaltlich mit der Kritik von allen Seiten auseinandersetzen können." Das Löschen an sich hält er für keine geeignete Lösung. "Ich hätte versucht, die kritischen Stimmen mit einer Moderation aus der DFG und Herrn Nuhr persönlich zusammenzubringen, um einen Dialog zu ermöglichen - das wäre auch jetzt noch sinnvoll."

Das sieht man nun auch offenbar bei der DFG so: Der Audiobeitrag wurde wieder online gestellt.


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