Forderung klingt paradox

Heftige Welle befürchtet: Masken-Aus für Geimpfte als Schutz vor schwerer Grippe?

21.9.2021, 05:46 Uhr
Experten fürchten für den kommenden Winter eine starke Grippe-Welle. 

Experten fürchten für den kommenden Winter eine starke Grippe-Welle.  © Maurizio Gambarini, dpa

Es ist ein Thema, dass Medizinerinnen und Mediziner derzeit beschäftigt. Nun wagt der Schweizer Infektiologe Andreas Widmer einen Vorstoß.

"Es würde Sinn machen, wenn für Geimpfte in Läden und Bahnhöfen oder auch in Büros nur noch eine Maskenempfehlung statt eine Maskenpflicht gälte", so der Präsident des Schweizer Zentrums für Infektionsprävention gegenüber der Tageszeitung 20 Minuten.

Wie einige weitere Infektiologen, fürchtet Widmer eine geballte Erkältungs- und Grippewelle, weil die Menschen nicht mehr regelmäßig mit diesen Viren in Kontakt kämen und sich das Immunsystem nicht an sie gewöhnen würden.

Infektiologe: "Mir graut vor dem Winter"

"Mir graut vor dem Winter", so Widmer gegenüber 20 Minuten. "Dieser Aufbau der Immunität fehlte letztes Jahr, weil die Bevölkerung wegen der Maskenpflicht lange Zeit keine Immunabwehr gegen Grippe- und Erkältungsviren aufbauen konnte. Die Grippe kann zurückschlagen und uns hart treffen."

Ähnliches fürchtet Huldrych Günthard, Infektiologe am Universitätsspital Zürich: "Wenn wir Pech haben, gibt es zusätzlich zum bereits hohen Niveau von Corona-Infektionen eine Megawelle von respiratorischen Infekten aller Art, die bisher aufgrund der Schutzmaßnahmen zurückgedrängt waren und nun virulenter geworden sind", erklärt er der Neuen Züricher Zeitung.

Tatsächlich fand die Grippewelle in Deutschland im vergangenen Jahr faktisch nicht statt. 564 gemeldete Infektionen zählt das RKI für die Saison 2020/21. Im Jahr davor waren es 186.000.

Grippe-Welle: RKI warnt vor zusätzlicher Belastung für Krankenhäuser und Ärzte

Das Gleichgewicht im Zusammenspiel zwischen Menschen und Viren sei "durch die Pandemie und durch die Maßnahmen gestört", sagte Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt bereits im März im Coronavirus Update des NDR. Dadurch sei die Häufigkeit von Infektionen zwangsläufig künstlich verschoben worden.

Das RKI mahnt deshalb in seiner Herbst-Winter-Strategie, dass Krankenhäuser "auch angesichts der zusätzlich zu erwartenden Belastung durch akute Atemwegsinfektionen" auf "ein verstärktes Krankheitsgeschehen" vorbereitet werden sollten. Neben - natürlich - Sars-CoV-2 zählt dazu auch die Grippe und das Respiratorische Syncytial-Virus (kurz RSV), einem der typischen Erkältungserreger.

"Wenn es uns gelingt, beides miteinander zu verknüpfen, macht mir die nächste Influenzawelle keine Sorgen"

Um das möglichst zu verhindern, hat der Mediziner Klaus Wahle eine andere Lösung parat als sein Schweizer Kollege. Weil keiner genau wisse, wie ausgeprägt die nächste Grippewelle werde, rät der Professor und Sprecher des Projekts Grippeschutz, im Tagesspiegel, sich frühzeitig impfen zu lassen. Der Höhepunkt der Influenza-Infektionen liegt üblicherweise im Januar. Zudem pocht er auf ein strikteres Hygiene-Verhalten: "Wenn es uns gelingt, beides miteinander zu verknüpfen, macht mir die nächste Influenzawelle keine Sorgen. Sie wird dann nämlich nicht kommen."