Mit Tom Hanks vor der Kamera: Die zwölfjährige Berlinerin Helena Zengel erobert Hollywood

6.2.2021, 06:00 Uhr
Auf dem Kutschbock mit einem der größten Stars der US-Filmindustrie. Inzwischen sind Tom Hanks und Helena Zengel eng befreundet.

Auf dem Kutschbock mit einem der größten Stars der US-Filmindustrie. Inzwischen sind Tom Hanks und Helena Zengel eng befreundet. © Bruce Talamon/Universal Pictures via www.imago-images.de, NN

Es ist eine Sensation: Am Dienstag wurde die 12-jährige Berliner Nachwuchsschauspielerin Helena Zengel für einen Golden Globe nominiert, den wichtigsten Preis nach dem Oscar – und das in einer Kategorie mit Glenn Close, Olivia Colman und Jodie Foster. Helena who? – das wird man nicht mehr lange fragen: Sie war das Kreische-Kind in "Systemsprenger" und erhielt für diese Rolle auf Anhieb die Lola als beste (und jüngste!) Hauptdarstellerin!


12-Jährige aus Deutschland für Golden Globe nominiert


So wurde auch Hollywood auf die bezaubernde Berliner Göre aufmerksam - und jetzt legt der deutsche Jung-Star ihr Hollywood-Debüt hin, und das an der Seite von Oscarpreisträger Tom Hanks. Wenn jetzt das Western-Roadmovie "Neues aus der Welt" ab dem 10. Februar über Netflix in unsere Heimkinos kommt, werden wir über Helena genau so verblüfft sein wie Herr Hanks. Nach der Nominierung für den Golden Globe ist Helena Zengel auch von der Screen Actors Guild für deren jährliche Preisverleihung nominiert worden.

Herzlichen Glückwunsch zur Golden Globe-Nominierung, Helena! Wie hast Du den Tag erlebt, als Du zusammen mit Glenn Close, Olivia Colman und Jodie Foster nominiert worden bist?

Helena Zengel: Was für ein Tag! Das war der schönste Tag meines Lebens! Ich war gerade beim Möhren kaufen für mein Pferd, meine Mama hat im Auto auf mich gewartet und als ich zurück kam, war die PR Agency "42West" am Telefon und Mama meinte: "Du hast es geschafft, Du bist für den Golden Globe nominiert!" Im ersten Moment konnte ich gar nichts sagen, weil ich so gar nicht damit gerechnet hatte. Eigentlich hieß es gegen 14.00 Uhr käme - wenn denn dann - ein Anruf und es war da schon 15.00 Uhr. Das ist so unglaublich für mich, ich bin immer noch total überwältigt, irgendwie sprachlos und gleichzeitig könnte ich schreien vor Glück!

Helena, Du gibst mit erst 12 Jahren Dein Hollywood-Debüt- und das an der Seite von Superstar Tom Hanks. Wusstest Du vorher, wer das ist? Kanntest Du seine Filme?

Zengel: Seinen Namen kannte ich und ich wusste auch, dass er ein Schauspieler ist. Aber mir war nicht klar, wie superberühmt er ist, weil er ja eher Filme für Erwachsene macht.

"Ab Mitte der Dreharbeiten wurden wir richtig enge Freunde"

Welcher seiner Filme hat Dich besonders beeindruckt?

Zengel: Forrest Gump! Ich hab’ alle Filme gemocht, die ich von Tom gesehen habe, aber Forrest Gump habe ich so oft geschaut, dass er einer meiner Lieblingsfilme geworden ist. Der Film ist so gut, weil der Typ so schräg ist. So... anders. So sonderbar, aber auch süß!


"Systemsprenger": In maßlos toller Wut


Wie verlief dann Deine erste Live-Begegnung mit Tom Hanks?

Zengel: Am Anfang war ich noch ein bisschen nervös, weil alles so neu war. Und ich glaube, er auch..! Zuerst habe ich auch noch nicht alles in Englisch verstanden. Später hat sich das gelegt, da war ich entspannter. Und wenn ich mal etwas nicht verstand, hat Tom es erklärt. Ab der Mitte der Dreharbeiten wurden wir richtig enge Freunde und sind heute noch in Kontakt.

Was schätzt Du an ihm?

Zengel: Also Tom ist total lustig, er hat immer einen Witz auf Tasche. Er ist sehr selbstbewusst, super-nett und ein krasser Gentleman! Er ist zu jedem Quatsch bereit... Oh, und sportlich ist er auch! Wir sind viel rumgerannt und manchmal hat er mich Huckepack genommen.

Du spielst ein deutschstämmiges Mädchen, das bei einem Indianerstamm aufwuchs und erst nach und nach der Hanks-Figur vertraut. Also wie im echten Leben bei Euch?

Zengel: Nun, wir haben uns erst so zwei, drei Tage vor Drehstart kennengelernt. Das sollte so sein, weil wir uns zu Anfang der Filmstory auch nicht kennen. Das Fremdeln ist dann einfacher zu spielen.

Schauspiel-Tricks von Tom Hanks

Hanks war einer der ersten Hollywood-Celebritys, die sich mit Corona infiziert hatten. Hattet Ihr zu der Zeit auch Kontakt?

Zengel: Ja, seit Ende des Drehs schreiben wir uns E-Mails oder schicken uns Fotos über SMS... WhatsApp haben die Amerikaner ja meistens nicht. Wir schicken uns auch Videos, in denen wir uns von unseren Tagen erzählen. Auch als er Corona hatte, haben wir viel gechattet. Da wusste ich noch nicht so genau, wie das alles ist, mit den Nebenwirkungen und so. Tom hat mir alles erklärt. Es ist schon sehr cool, was er alles zu erzählen hat, wenn er neue Filme dreht.


Schauspieler Tom Hanks und Ehefrau waren mit Coronavirus infiziert


Wie geht es Dir mit der ganzen Corona-Situation?

Zengel: Das ist schon alles sehr düster, weil man nicht weiß, wie es weitergeht und wie das alles weg gehen soll. Es ist auch schade, dass wir mit diesem Film nicht auf Promo-Tour durch die ganze Welt gehen konnten! Das macht mich immer noch traurig. Ich hoffe einfach, dass Corona uns in Ruhe lassen wird, wenn wir uns jetzt alle an die Regeln halten.

Szene aus dem Film

Szene aus dem Film "Systemsprenger".  © e-arc-tmp_20190917-175303-010.jpg, NN

Was hast Du von Tom Hanks gelernt - und was hast du ihm vielleicht beigebracht?

Zengel: Ich habe von ihm viel über das Schauspielen gelernt, er hat mir ein paar Tricks gezeigt, z.B. wie man auf Kommando weinen kann. Er hat ja schon so viel Erfahrung... - Und ich habe mein Englisch verbessert. Er hat mir auch beigebracht, wie man mit dem Planwagen fährt. Dafür hab’ ich ihm dann bisschen das Reiten beigebracht. Und etwas Deutsch. Er lief dann rum und fragte jeden: "Wo finde isch etwas zu essen? Ich suche Kaffee und Pflaumenkompott." (lacht)

Verrätst Du uns, wie man "à la Hanks" weint?

Zengel: Wenn die Tränen nicht von alleine kommen wollen, dann ziehe ich den Gaumen runter, dadurch muss ich gähnen, aber das unterdrücke ich dann - und dann kommen die Tränen. Das baut sich richtig auf. Das ist ein technischer Trick.

Wer half Dir dabei, die Sprache der Kiowa-Indianer so beeindruckend zu sprechen?

Zengel: Das Kiowa habe ich von Menschen gelernt: von dem ältesten Mitglied der Kiowa, Dorothy – sie wird bald 90 Jahre alt! - und Mrs. Watkins, die lange mit den Kiowa zusammengearbeitet hat. Sie brachte mir nicht nur die Sprache bei, sondern auch ihre Songs. In den drei Wochen vor Drehstart habe ich jeden Tag anderthalb Stunden gelernt.

Du hattest kaum Text und musstest das Meiste über Mimik und Gestik transportieren. Wie schwierig war das?

Zengel: Mit Text ist es schon leichter. Den lerne ich halt auswendig und brauch’ ihn dann nur richtig betonen. Wenn mir nur Mimik und Gestik bleibt, ist es schwerer, dem Zuschauer die Emotionen zu verkaufen. Aber das macht die Rolle auch sehr interessant. Ehrlich gesagt mache ich beides ganz gerne.

Erstes Halloween in den USA

Was ist Dir von den Dreharbeiten besonders stark in Erinnerung geblieben?

Zengel: Auf jeden Fall die tollen Menschen, die ich kennenlernen durfte, die Tiere und die Landschaft. Der erste und der letzte Drehtag waren schon sehr emotional. Spannend war der Dreh in der Western-Stadt, in den ganzen alten Häusern. Früher war das eine echte Stadt, die man gern als Kulisse für Western benutzt hat. Jetzt ist die Stadt Geschichte und wird nur noch für Filme benutzt. Ich fand es aufregend, dass man dort überall herumlaufen und sich das Leben von damals vorstellen konnte! Und dann gab’s natürlich noch Halloween!

Wie hast Du in den USA Dein erstes Halloween gefeiert?

Zengel: Das ganze Set war geschmückt, sogar das Auto zum Drehort! Wir haben "Trick or Treat" gespielt, sind zu den Wohnwagen gelaufen und haben Süßes oder Saures gesammelt. Wir waren natürlich verkleidet, hatten Kürbisgesichter geschnitzt und haben im Make-Up-Trailer die Musik aufgedreht und getanzt. Zu essen gab’s Cupcakes mit blutigem Zuckerguss und Würstchen, die wie abgebissene Finger aussahen. Und ich durfte das erste Mal vor der Kamera reiten! Das war echt der perfekte Tag! Am Abend hat Tom mir auch noch einen Song beigebracht, der ging so: (singt) "The space goes down, down, Baby, down, down, the Roallercoaster, sweet, sweet Baby…" Ich weiß nicht, ob der Song bekannt ist, aber es war auf jeden Fall ein sehr lustiger Abend!

Na, so ein Erlebnis lässt sich ja nicht mehr toppen...!

Zengel: ...höchstens, wenn ich mal in der "Mädchen-WG" lande! Das gibt’s ja: Vier Wochen Urlaub auf Gran Canaria, nur mit Freundinnen, und dann gemeinsam Abenteuer bestehen...

Das ist ein TV-Format für Kinder, oder?

Zengel: Ja, genau! (lacht)

Helena Zengel mit ihrer Mutter Anne.

Helena Zengel mit ihrer Mutter Anne. © POP-EYE/Rene du Vinage via www.imago-images.de, NN

Wie bist Du überhaupt mal zur Schauspielerei gekommen?

Zengel: Das alles hat angefangen, als ich ungefähr vier Jahre alt war. Ich konnte immer schon gut meine Gefühle zeigen und stand immer gerne im Mittelpunkt. Mein Selbstbewusstsein habe ich von meiner Mama. Sie ist so eine starke Frau. Von ihr habe ich gelernt, nicht schüchtern zu sein, sondern mich zu trauen, mich zu zeigen. Auf jeden Fall hat Mama eine Freundin, die eine Schauspielagentur leitet. So bin ich zur Schauspielerei gekommen. Am Anfang spielte ich nur kleine Rollen, nur ein paar Tage lang, dann wurde das immer mehr. Ich habe aber nie wirklich gelernt, Schauspielerin zu sein. Das kommt einfach nur aus meiner Leidenschaft fürs Spielen.

Was sagen Deine Freunde dazu, dass du Schauspielerin bist?

Zengel: Die sind sehr neugierig und haben viele Fragen. Aber die beantworte ich auch gerne. Mir ist es aber auch wichtig, dass das gerade in der Schule keine große Rolle spielt, ob ich Schauspielerin bin oder nicht. Mit meinen Freunden will ich einfach nur Spaß haben.

Was machst Du noch neben der Schauspielerei und der Schule?

Zengel: Am liebsten bin ich mit Freunden im Stall oder nehme Reitunterricht. Generell bin ich gerne an der frischen Luft. Außerdem spiele ich Klavier, so auf dem Niveau von "Für Elise", manchmal spiele ich dann auch was vor. Meine Mama hat bald Geburtstag, für sie werde ich ein kleines Konzert spielen. Ansonsten mache ich gerne viel Sport, aber immer mal was anderes. Ich habe Leichtathletik gemacht, sechs Jahre lang Eiskunstlauf, und ich tanze viel. Meine neuste Entdeckung ist das Skateboardfahren. Sport und Bewegung machen mir unglaublich viel Spaß. Und Nähen, das ist auch noch eines meiner Hobbys!

Jüngste Preisgewinnerin der "Lola"

Hat Dein Tag etwa 72 Stunden?

Zengel: Nee, nee, auch nur 24. Aber ich unternehme gerne viel. Von Tom bekam ich zwei Bücher geschenkt, die er selbst geschrieben hat. Die will ich demnächst lesen. Das eine heißt "Schräge Typen" und das andere handelt von ihm und seiner Karriere. Da freue ich mich jetzt schon drauf.


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Wie fühltest Du Dich, als Du mit "Systemsprenger" auf der Berlinale so großen Erfolg hattest und später auch noch als jüngste Schauspielerin überhaupt mit der "Lola" geehrt wurdest?

Zengel: Als ich den Filmpreis gewann oder auch in diesem Berlinale-Wahn war, fühlte ich mich wie in einer riesigen Luftblase voll Euphorie: Man ist die ganze Zeit glücklich, lernt viele neue Menschen kennen und schläft ganz wenig, weil man total aufgeregt ist. Das ist ein irres Gefühl, das auch ein bisschen süchtig macht... wie dieser Beruf überhaupt! Nervös bin ich nur, wenn ich eine Dankesrede halten muss. Ich will ja niemanden vergessen! Bei der Lola war mir besonders wichtig, mich bei meiner Mama zu bedanken: Sie ist bei allem dabei und hat mich immer unterstützt.

Euer Regisseur hat verraten, dass Du den Zuschlag bekommen hast, weil Du beim Casting Deiner Mutter kräftig in die Hand gebissen hast...

Zengel: (lacht) Stimmt! Beim Casting übernahm sie die Rolle von Tom... und ich wollte realistisch sein.

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