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Abzug von US-Truppen: So profitierten Städte in der Region

In anderen Regionen könnte der Abschied zu Aufschwung führen - 31.07.2020 05:56 Uhr

Mit dem Südstadtpark gewann das Gelände der ehemaligen William-O.-Darby-Barracks in Fürth an Attraktivität.

© Foto: Ralf Rödel


Es ist ein gewaltiger Schlag für die mittlere Oberpfalz: 4500 amerikanische Soldaten sollen schon bald aus Vilseck (Landkreis Amberg-Sulzbach) abziehen. Auch den Standort Grafenwöhr wird es wohl treffen, wenn auch in geringerem Umfang.


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Sollten die Abzugspläne tatsächlich Realität werden, wäre die Herausforderung für die strukturschwache Region enorm. Zuletzt gab es in Grafenwöhr dank der amerikanischen Präsenz trotz der nur 6500 Einwohnern 35 prosperierende gastronomische Betriebe. Nach dem Abzug wäre diese Zahl wohl schnell nur noch einstellig. Und auch viele andere Unternehmen und Zivilangestellte würden finanziell gewaltig gebeutelt werden.

Ganz anders wäre die Situation wohl als in anderen Städten der Region, wo der Abschied der Amerikaner nach dem Kalten Krieg zu einem beispiellosen Aufschwung geführt hat. Als etwa in Ansbach eine US-Panzerdivision aus der Hindenburg-Kaserne abzog, entstanden dort die Hochschule Ansbach und das Einkaufszentrum Brücken-Center. In Schwabach arbeiten auf dem Gelände der ehemaligen O’Brien Barracks heute 650 Menschen, mehr als 700 Menschen leben dort.

"Glücksfall der Geschichte"

"Wir hatten schon lange darauf gehofft, dass die Amerikaner aus Erlangen abziehen", erzählt Siegfried Balleis (CSU), von 1996 bis 2014 Oberbürgermeister der Stadt Erlangen. "Als am 1. Juli 1993 die Nachricht vom Abzug kam, hätten in der Stadtverwaltung fast die Korken geknallt", erinnert sich Balleis, der damals noch Wirtschafts- und Liegenschaftsreferent war.

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Schon Heinrich Lades (CSU), sein OB-Vorvorgänger, erkundigte sich mehrmals im US-Hauptquartier in Heidelberg, wann die Amerikaner denn endlich verschwinden würden.

"Die ganze Kaufkraft ist ja innerhalb der Kaserne geblieben. Außer Kneipen, der Gastronomie und Taxifahrern hat niemand davon profitiert", meint Balleis. Ein "Glücksfall der Geschichte" sei es gewesen, dass diese 136 Hektar in bester Innenstadtlage plötzlich frei wurden.


Abzug der US-Truppen wäre für die Oberpfalz eine Katastrophe


Auf dem Gelände der ehemaligen Ferris Barracks entstand mit dem Röthelheimpark ein völlig neuer Stadtteil, in dem Siemens kräftig investierte und für seine Medizinsparte eine neue Heimat fand.

Anders als in den meisten anderen Städten, konnte in Erlangen die Kommune selbst zuschlagen und mehr als 100 Hektar des ehemaligen Kasernengeländes selbst erwerben.

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Etwa 5000 Menschen haben heute in dem mit Grünflächen und einem großen Naturschutzgebiet garnierten Areal ihre Heimat gefunden, speziell im nördlichen Teil auch in einer ganzen Reihe von denkmalgeschützten Häusern. "Da hängen an den Außenfassaden noch die Ringe, an die die Pferde der Kavallerie angebunden waren", erzählt Balleis.

Entlastungsstadt für 5000 Menschen

"Die Immobilienpreise waren hier schon immer hoch. Ohne den Röthelheimpark wäre Erlangen heute aber wohl das teuerste Pflaster der Republik", meint der ehemalige OB.

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Noch mehr als Erlangen profitierte Fürth vom Abzug der Amerikaner. Hier gab es gleich vier große Konversionsflächen, darunter drei Kasernen und eine Wohnsiedlung.

"Anfang der 1990er haben wir noch geglaubt, dass die Amerikaner in Fürth bleiben und nur aus den Monteith Barracks in Atzenhof abziehen", erzählt Joachim Krauße, ehemaliger Baureferent der Stadt Fürth.

Weil Wohnungen extrem knapp waren, wurde deshalb eine große Satellitenstadt in Atzenhof geplant, auch der dortige Golfplatz hätte verschwinden sollen. "Die Stadtentwicklung war ziemlich am Ende, es gab keine Flächen mehr. Deshalb wurde eine Entlastungsstadt für 5000 Menschen geplant", erzählt Krauße.

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Doch als klar war, dass gleich vier Flächen und damit 280 Hektar frei werden würden, revidierte man die Pläne schnell und plante in Atzenhof sehr viel moderater und grüner.

"Es war eine extrem harte Zeit für die Stadt", erinnert sich Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD). Nahezu zeitgleich mit dem US-Abzug, der 2000 Zivilangestellte betraf, beutelte auch noch die Grundig-Krise die Stadt. Plötzlich 1200 zusätzliche Wohnungen zu haben, war deshalb zunächst nicht nur ein Segen.

"Die Befürchtungen waren groß, dass da vor allem Sozialhilfeempfänger und ehemalige Gefängnisinsassen einziehen", erzählt Jung. Man hatte Angst davor, dass Vandalen ein Chaos in den leerstehenden Vierteln hinterlassen würden. Ein Sicherheitsdienst schaffte Abhilfe.

Fürth wurde plötzlich interessant

"Das war aber gleichzeitig ein großer Vorteil gegenüber heutigen Großprojekten. Die Stadt hatte sehr freie Hand, die Flächen zu entwickeln. Die Bevölkerung wollte vor allem, dass es schnell geht", sagt Krauße. Schon ein Jahr nach dem Abzug 1995 wurde ein Konzept zur Umgestaltung im Stadtrat abgesegnet, zehn bis zwölf Jahre später war es weitgehend umgesetzt.

"Es ging ein Knoten auf in Fürth. Mangelnde Flächen und Enge waren jahrelang kein Thema mehr", sagt Krauße. Zuvor hatten mehrere Unternehmen Fürth verlassen, jetzt war Fürth plötzlich wieder interessant für Investoren.

Die Wohnungen waren anfangs allerdings schwer zu vermarkten. Erst als Gebäude abgerissen wurden, um in der William-O.-Darby–Kaserne den Südstadtpark zu schaffen, gewann das Gelände schlagartig an Attraktivität und zog auch gehobenere Schichten in die Kleeblattstadt. "Das würde ich jedem bei solchen Projekten unbedingt raten. Es ist unglaublich wichtig, genug Grün und Freiflächen einzuplanen und lieber auf ein paar Wohnungen zu verzichten", verdeutlicht Jung.

Fürths Oberbürgermeister schätzt dass Fürth ohne den US-Truppenabzug heute 6000 bis 8000 Arbeitsplätze und mindestens 10 000 Einwohner weniger hätte.

Äpfel vor Panzer gerollt

Auch Herzogenaurach war lange durch die Präsenz der Amerikaner geprägt. Aus einem ehemaligen Fliegerhorst der Luftwaffe machten sie zunächst eine Abhörstation, ehe sich 1972 die Artillerie hier niederließ.

"Als Fünfjähriger habe ich Äpfel auf die Straße gerollt und sie von den Panzern überfahren lassen", erinnert sich German Hacker, seit 2008 Bürgermeister von Herzogenaurach.


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Das Areal, das die Amerikaner schnell "Herzo Base" getauft hatten, weil sie "Herzogenaurach" nicht aussprechen konnten, wurde 1992 von der US-Army verlassen. Eine Gesellschaft, die zu 90 Prozent adidas und zu zehn Prozent der Stadt gehörte, führte fortan die Geschäfte.

Heute hat adidas längst seinen Hauptsitz aus der Innenstadt in die Herzo Base verlagert und sich auf der Hälfte des Geländes ausgebreitet. In einem neu entstandenen Wohngebiet leben heute 1300 Menschen. Wenn in drei bis vier Jahren alle Häuser bezogen sind, sollen es 2500 sein.

"Die Herzo Base war ein Riesengewinn für die Stadt, ein goldener Schritt", meint Hacker. Auch deswegen hat Herzogenaurach zwischen 2009 und 2019 rund 9000 Arbeitsplätze hinzugewonnen und kann heute bei 24 000 Einwohnern 25 000 Arbeitsplätze aufweisen.


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