Corona-Pandemie: Was die Übersterblichkeit aussagt - und was nicht

2.2.2021, 14:23 Uhr

Fast eine Million Menschen sind 2020 gestorben, dem Jahr, in dem Deutschland mit der Corona-Pandemie zu kämpfen hatte. Nach der Auswertung des Statistischen Bundesamts, das die Sterbezahlen im Land erfasst, verloren in den 12 Monaten des Jahres 982.489 Menschen ihr Leben - so viele, wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Das sind rund 48.000 mehr als im Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Die graphische Darstellung, die das Bundesamt liefert, macht den Zuwachs an Todesfällen noch deutlicher: Die blaue Kurve, die für 2020 steht, übersteigt im Jahresverlauf häufig die rote, die den Durchschnitt der Vorjahre darstellt, zeigt immer wieder Ausreißer nach oben.

Doch wie ausgeprägt war die Übersterblichkeit im Jahr 2020 im Vergleich zu den Vorjahren genau? Für Laien ist eine Deutung kaum möglich. Denn die Statistiker geben zunächst Rohdaten heraus, also Zahlen, die weder die demographische Entwicklung noch andere Faktoren innerhalb der Bevölkerung berücksichtigen.

Dabei spielt ein Faktor eine wesentliche Rolle: Deutschland altert, das Durchschnittsalter steigt. Der Anteil der Über-80-Jährigen hat in einigen Bundesländern in den letzten vier Jahren um etwa 30 Prozent zugenommen, womit natürlicherweise ein Anstieg der Todeszahlen einhergeht.

Berechnungen, die die Demografie nicht einbeziehen, sind deshalb kaum aussagekräftig, wenn es darum geht, die Entwicklung der Sterblichkeit zu deuten. “Ich bin mit den Kollegen vom Bundesamt durchaus in Diskussion darüber, welche Art der Darstellung der Sterbezahlen am sinnvollsten ist”, sagt Göran Kauermann von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Der Statistiker forscht seit Beginn der Corona-Pandemie an der Einordnung der Rohdaten. Anders als es das Bundesamt tut, stellen er und seine Kollegen die Zahlen in Relation, berücksichtigen die Bevölkerungsentwicklung.

Statistiken liefern unterschiedliche Ergebnisse

Dafür gibt es allerdings kein standardisiertes wissenschaftliches Verfahren - weswegen verschiedene Statistiker zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. “Die Argumentation des Bundesamtes basiert darauf, dass die Daten möglichst schnell und unverarbeitet zur Verfügung gestellt werden sollen - was ich durchaus nachvollziehen kann”, sagt Kauermann. Ähnlich formuliert es auch das Amt selbst auf Nachfrage. “Es ist uns wichtig, einfache und transparente Maßzahlen zu verwenden, mit denen sich die zentralen Entwicklungen darstellen lassen”, heißt es seitens der Behörde.

Außerdem sei es auch in anderen nationalen Statistikämtern und der europäischen Statistikbehörde Eurostat üblich, die absoluten Sterbefallzahlen zum Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre ins Verhältnis zu setzen, um die aktuellen Entwicklungen zu bewerten.

Eine Einordnung der Rohdaten durch die Wissenschaftler läuft in etwa so ab: Zu Beginn des Jahres wird anhand von Kriterien wie der Altersstruktur die Anzahl der erwarteten Todesfälle ermittelt. Je nachdem, ob die tatsächliche Zahl am Ende des Jahres darunter oder darüber liegt, bewerten die Wissenschaftler diese dann als Über-, Unter- oder Normalsterblichkeit. Im Jahr 2018 lag der tatsächliche Wert beispielsweise um 0,91 Prozent über dem von den LMU-Wissenschaftlern errechneten Wert, im Folgejahr 2019 dann wieder um 1,88 Prozent darunter. 2020 übertraf die Zahl der Todesfälle die eigenen Berechnungen wieder - und zwar um 1,05 Prozent. Keine signifikante Abweichung, so die Einschätzung des Wissenschaftlers.

Aufschluss darüber, welche Auswirkungen die Pandemie auf die Bevölkerung hat, gibt erst eine genauere Betrachtung der Zahlen. Setzt man den Fokus beispielsweise auf die Daten zu den Über-80-Jährigen, liefern sie für 2020 Erkenntnisse, die die Statistiker der LMU in einer Publikation mit vernichtenden Worten beschreiben: “Die Maßnahmen haben das Ziel, die Alten zu schützen, verfehlt.” Die Zahlen, so die Begründung, zeigten deutlich, dass die Lockdown-light-Maßnahmen, die am 1. November in Kraft traten, das exponentielle Wachstum in fast allen Altersgruppen stoppen konnten - nur nicht bei den Hochbetagten.

Erst mit dem zweiten, also dem harten Lockdown, stabilisierten sich die Zahlen auch in dieser Altersgruppe. Über die Kausalität - also darüber, ob diese Stabilisierung wirklich mit strikteren Maßnahmen zusammenhängt - sage das allerdings noch nichts aus. Denn zeitgleich mit dem härteren Lockdown wurden auch konsequente Schutzkonzepte in Alten- und Pflegeheimen durchgesetzt. Eine Konzentration der Schutzmaßnahmen auf die Altersgruppe der Über-80-Jährigen, wie sie die Publikation der Statistiker nahelegt, hält das Bundesgesundheitsministerium allerdings für nicht durchführbar.

Bei einer hohen Inzidenz in der Allgemeinbevölkerung sei es zunehmend schwierig, den Eintrag in Hochrisikogruppen zu verhindern, heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums gegenüber den Nürnberger Zeitung. “Um Risikogruppen zu schützen, ist es deshalb notwendig, die Inzidenz in der Bevölkerung stark zu reduzieren."

Untersterblichkeit zu Beginn des Jahres

Ein signifikanter Unterschied in der Sterblichkeit der Über-80-Jährigen im Vergleich zu den Vorjahren zeigt sich auch Anfang 2020. Wo in den frühen Monaten des Jahres aufgrund der Grippesaison in der Regel eine Übersterblichkeit verzeichnet wird - ein Beispiel hierfür ist der Grippe-Peak im März 2018, bei dem die Kurve steil nach oben verlief - blieben diese erhöhten Sterbezahlen Anfang 2020 komplett aus. “Möglicherweise eine Folge davon, dass die Menschen ab Januar, Februar bereits sehr darauf geachtet haben, die Hygieneregeln einzuhalten”, vermutet der Statistiker Kauermann.

So wurde zu Jahresbeginn sogar eine leichte Untersterblichkeit verzeichnet. Dann allerdings stiegen die Zahlen der Corona-Infektionen, und damit auch die Zahl der Todesfälle. “Trotzdem”, sagt Kauermann, “hatten wir, bedingt durch den schnellen Lockdown, zu keinem Zeitpunkt einen so hohen saisonalen Peak wie in manchen anderen europäischen Ländern.”

Große regionale Unterschiede

Betrachtet man die Sterbefälle regionalspezifisch, sticht vor allem eins ins Auge: Zwischen den Bundesländern gibt es erhebliche Unterschiede. Während beispielsweise in Schleswig-Holstein in den letzten Wochen des Jahres unterdurchschnittlich viele Menschen starben, zeichnete sich in Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen wochenweise eine deutliche Übersterblichkeit ab. Und das, obwohl die Zahlen von den LMU-Statistikern bereits altersadjustiert, also um die Tatsache bereinigt wurden, dass die Bundesländer zum Teil sehr unterschiedliche Altersstrukturen aufweisen.

In Bayern und Baden-Württemberg lag diese Übersterblichkeit bei etwa 20 Prozent, in Thüringen waren es um die 30 Prozent. Sachsen lag im Dezember ganze 70 Prozent über dem altersbereinigten Wert, aktuelle Zahlen für 2021 reichen sogar bis zu 100 Prozent.

Einen direkten Zusammenhang zwischen Inzidenzen und Todeszahlen herzustellen, ist allerdings ebenfalls schwer. Denn Unterschiede bei den Teststrategien und der Datenerfassung können die Darstellung verzerren.

In der Nicht-Berücksichtigung der starken regionalen Abweichungen liegt nach Auffassung des Wissenschaftlers eine Schwachstelle der aktuellen Strategie zur Pandemie-Bewältigung. Er sagt: “Beim Blick auf die Zahlen müsste man sich ganz klar fragen: Ist es sinnvoll, zu versuchen, mit nationalen Maßnahmen eine Krankheit zu besiegen, die sich regional komplett anders darstellt?”

Ein regionalspezifischeres Vorgehen hält man beim Bundesgesundheitsministerium hingegen für nicht zielführend. Zu “dynamisch” verhalte sich das Infektionsgeschehen, und verändere sich dementsprechend auch regional relativ schnell. “Das macht es sehr schwer, Regionen eindeutig zuzuteilen.” Außerdem könnten bundeseinheitliche Maßnahmen einfacher kommuniziert werden und seien damit transparenter, heißt es.

"Evidenzbasiertes Handeln häufig nicht erkennbar"

Ein zentrales Problem der aktuellen Corona-Politik sieht Kauermann von der LMU auch in der fehlenden Kausalität. “Ein wirklich evidenzbasiertes Handeln ist häufig nicht erkennbar”, sagt er. Aus wissenschaftlicher Sicht sei es sinnvoller, genau zu untersuchen, welche Maßnahme welche Wirkung zeige. Genau das passiere aber kaum. Schulen würden entweder komplett geöffnet oder geschlossen, ohne das Infektionsgeschehen in den Landkreisen einzubeziehen und zu beobachten. Was wirkt und was nicht, basiert oft auf Zufällen. Deutschland stochert zu häufig im Nebel.