Experte erklärt: Das steckt hinter Corona-Verschwörungstheorien

23.8.2020, 05:23 Uhr
„Frag Q“ und „Wir sind Q“ steht auf den Smartphones dieser US-Bürger, die sie während einer Veranstaltung von US-Präsident Donald Trump in die Höhe halten.

„Frag Q“ und „Wir sind Q“ steht auf den Smartphones dieser US-Bürger, die sie während einer Veranstaltung von US-Präsident Donald Trump in die Höhe halten. © Foto: Mario Tama/Getty Images North America/afp

Herr Butter, Corona wird genutzt, um (endlich) die Grundrechte zu beschneiden, während global agierende Umstürzler der Weltwirtschaft den finalen Todesstoß versetzen wollen, um alles ins Chaos zu reißen. Wer glaubt so etwas?

Michael Butter: Zweifellos sind solche Theorien stets eine Antwort auf Unsicherheit und Ambivalenz, weshalb sie in Zeiten von Corona besonders attraktiv erscheinen – weil sie eine vermeintliche Sicherheit schaffen. Man "weiß" dann, wo es hinführen soll und wer dahintersteckt. Deswegen ändern Verschwörungstheoretiker auch niemals ihre Meinung oder Argumentation, ganz im Gegensatz zu Experten, Journalisten oder Politikern, die ja immer wieder auf die Realität reagieren, sobald es neue Erkenntnisse gibt. Das verwirrt manche, und denen liefern Verschwörungstheorien eine schöne, einfache Antwort.

Michael Butter ist Professor für amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Verschwörungstheorien, dazu leitet er derzeit ein EU-Forschungsprojekt. Er gilt als anerkannter Experte auf diesem Gebiet und hat sich auch als Buchautor einen Namen gemacht.

Michael Butter ist Professor für amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Verschwörungstheorien, dazu leitet er derzeit ein EU-Forschungsprojekt. Er gilt als anerkannter Experte auf diesem Gebiet und hat sich auch als Buchautor einen Namen gemacht. © FOTO: privat

Warum aber hat ein Virus solchen Ideen einen so großen Schub verpasst?

Butter: Weil die Bedrohung dadurch nicht nur eine kleine Randgruppe betrifft, sondern existenziell ist. Kann man sich treffen, wenn ja, unter welchen Bedingungen? Alle sind angespannt, fühlen sich zuhause eingesperrt, normale Strukturen sind quasi aufgelöst. Und in gewissen Verschwörungs-Communities im Netz, wo man sich bisher nur manchmal bewegt hat, bewegt man sich auf einmal den halben Tag, weil man vielleicht durch Kurzarbeit mehr Freizeit hat.

In den USA ist das noch viel ausgeprägter, über QAnon etwa stolpert man auf vielen Kanälen. Lässt sich nachvollziehen, seit wann diese Bewegung existiert?

Butter: Hinter QAnon steckt keine neue Verschwörungstheorie. Im Grunde ist es eine erweiterte Version der Verschwörungstheorie zu "Pizzagate", die im US-Wahlkampf 2016 kursierte. Da ging es um Vorwürfe, dass Führungspersönlichkeiten innerhalb der US-Demokraten, insbesondere Hillary Clinton, aus einer Pizzeria in Washington heraus einen Kinderporno-Ring betreiben.

Wer steckt hinter dieser Geschichte?

Butter: Das wurde strategisch von Trump-Unterstützern eingesetzt, etwa Michael Flynn jr., Sohn des nationalen Sicherheitsberaters. Auch Donald Trump junior hat Tweets über Pizzagate geteilt, um
Hillary Clinton zu schaden. Das hat letztlich so gut funktioniert, weil es aufgebaut hat auf viel älteren Verschwörungstheorien, die in den USA schon seit Jahrzehnten zirkulieren und die sogenannte liberale Eliten mit Satanismus und Kinderschändung in Verbindung bringen.

Wann fiel erstmals der Begriff QAnon?

Butter: Er tauchte kurz nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten in gewissen Message Boards auf. Dort gibt sich ein gewisser Q – der Buchstabe steht für den Namen der Person, Anon für "anonymous", also anonym – als Insider in der Trump-Regierung aus. Er behauptet zu wissen, wie der US-Präsident gegen die vorgenannte demokratische Verschwörung vorgeht. Dabei beobachte ich eine gewisse Verschiebung: Normalerweise ist es so, dass Verschwörungstheoretiker stets Zeichen interpretieren oder Beweise sammeln für die Verschwörung und diese vermeintlichen Erkenntnisse dann in die Öffentlichkeit tragen. Bei QAnon ist das anders. Er stellt sich hin und sagt: "Wir wissen ja alle, dass es diese Verschwörung gibt", setzt diese also als gegeben voraus, bleibt aber sehr kryptisch in seinen Äußerungen, wann nun wie gegen diese vorgegangen werden soll.

Also hebt er das Spiel auf eine andere Ebene?

Butter: Ja, ich erkenne zwei Effekte: Zum einen ist gleichermaßen die Last weg, die Verschwörung aufklären zu müssen, denn laut QAnon kümmert sich Donald Trump ja schon darum. Zum anderen hält das ganze Konstrukt dessen Anhänger bei der Stange. Schließlich trat Trump im Wahlkampf sehr martialisch mit dem Slogan "Drain the Swamp" auf ("Trocknet den Sumpf aus"), was vielen, die solchen Theorien nachhängen, suggerierte, dass er im Fall einer Wahl sofort gegen die angeblichen Kinderschänder vorgehen werde.

. . . was er bis heute nicht getan hat.

Butter: Natürlich nicht. QAnon bittet die Menschen um Geduld und lässt wissen, Trump sei weiter an der Sache dran, es dauere aber noch, bis man etwas vorzeigen könne.

QAnon diskreditiert aber nicht nur Politiker, sondern auch Managerlegenden wie den Microsoft-Gründer Bill Gates oder Amazon-Chef Jeff Bezos.

Butter: Die passen prima ins Bild der mauschelnden liberalen Eliten: Bezos ist Inhaber der Washington Post, die sehr Trump-kritisch berichtet. Also muss er ja Teil der Verschwörung sein. Im Grund ist das, was Q beschreibt, der Kampf zwischen den "Mächten des Guten" (Trump und seine Entourage) gegen die "Mächte des Bösen", den sogenannten Tiefen Staat, von dem man annimmt, dass er in allen Institutionen Amerikas verwurzelt ist und gegen die Trump-Administration arbeitet. Auch die Corona-Pandemie wird wahrgenommen als ein Komplott des Tiefen Staates, um den Republikaner loszuwerden.

Deswegen wird die Gefahr des Virus also heruntergespielt?

Butter: Ja, für viele US-Bürger ist Corona nicht real oder zumindest völlig übertrieben – ähnlich, wie das in Deutschland in gewissen Kreisen zirkuliert. Laut Q soll Panik geschürt werden, um das Vertrauen in Trump zu unterminieren und dessen Wiederwahl zu torpedieren.

Das Fehlen jeglicher Belege stört die Anhänger solcher Theorien nicht?

Butter: Nein, gar nicht. Laut QAnon sind die alle längst in der Pizzagate-Affäre erbracht worden. Daneben gibt es natürlich genug Quellen im Internet, wo Sie angebliche Beweise für alles Mögliche finden, beispielsweise dass Bill Gates die Weltbevölkerung dezimieren und einen globalen Impfzwang durchsetzen will, der unsere DNA verändert.

Wie stehen Sie zu der Aussage, dass Amerika offenbar besonders anfällig für Verschwörungstheorien ist?

Butter: Zumindest haben sie dort eine lange Tradition. Zu Zeiten von George Washington wurde gemunkelt, es gäbe ein Komplott des englischen Königs George III. gegen die amerikanischen Kolonien – eine Mär, die seinerzeit die Unabhängigkeitsbewegung stützte und legitimierte. Ich glaube, dass Verschwörungstheorien vom 17. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Europa und den USA gleichermaßen populär waren.

Zum Beispiel?

Butter: In Europa herrschte um das Jahr 1800 die Furcht vor den Freimaurern und den Illuminaten, denen man unter anderem unterstellte, die Französische Revolution angezettelt zu haben. Diese Furcht griff auf Amerika über. John Adams, der zweite Präsident der USA, war überzeugt, dass die Illuminaten die junge amerikanische Republik zerstören wollten, nachdem sie Frankreich sozusagen bereits erledigt hatten. Das waren keine Minderheiten-Meinungen. Verschwörungstheorien waren nicht eine stigmatisierte Wissensform wie heute, sondern akzeptiertes Wissen.

Wann kippte diese Denkweise?

Butter: In den 1950er Jahren setzte ein Stigmatisierungsprozess gegenüber solchen Gedankenkonstrukten ein, Verschwörungstheorien wanderten aus der Mitte der Gesellschaft an die Ränder. Durch das Aufkommen des Internets ist das alles dann wieder viel sichtbarer geworden.

Gleichzeitig sind fact-checker aufgetaucht, die so manche Theorie prüfen und zerlegen . . .

Butter: Dennoch haben Verschwörungstheorien durch das Internet einen gewaltigen Schub erfahren. Ihre Thesen sind für nahezu jedermann überall verfügbar geworden. Noch in den 1970ern, 1980ern oder 1990ern waren das oft hermetisch abgeriegelte Subkulturen, die fand man gar nicht so leicht. Man musste sehr viel Zeit aufwenden, um Gegenerklärungen zu allgemeingültigen Thesen zu finden. Heute googeln Sie einmal, dann haben Sie das schon auf dem Bildschirm.