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Fränkische Forscher: So verändert Corona unsere Sprache

Krise kreiert viele neue Wörter - und Laien zu Experten - 21.06.2020 05:50 Uhr

Das Standardwerk der deutschen Sprache: der Duden.

© Frank May/dpa


Nicht nur Virologen und Politiker beschäftigen sich deshalb mit dem Virus, sondern auch Sprachwissenschaftler. Einer von ihnen ist Wolf Peter Klein, Inhaber des Lehrstuhls für deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Würzburg. "Seuchen hatten schon immer auch eine sprachliche Dimension", sagt der Professor. Mit seinem Team sammelt er zurzeit alles, was ihnen zur Corona-Sprache unterkommt, neue Wörter, Presseartikel, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Webseiten, Corona-Tagebücher und so weiter. "Wir wollen alles bündeln und zugänglich machen, damit es erforscht werden kann."

Eigentlich ein Übersetzungsfehler

Menschen tauschen sich aus und entwickeln für neue Situationen auch eine Art neue Sprache. Noch zu Beginn des Jahres hätte niemand gewusst, was mit Begriffen wie Lockdown oder Social Distancing gemeint ist. Nun prägen die Wörter Alltags-Gespräche. Dabei machen manche oft noch nicht einmal Sinn.

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Schließlich muss sich niemand sozial distanzieren, sondern nur räumlich. "Wir alle wissen, dass jetzt soziale Nähe gefragt ist: Kooperation und Verantwortung füreinander", sagt etwa Regula Venske, Präsidentin des deutschen PEN-Zentrums. Die Schriftstellervereinigung appelliert "an alle, denen unser Gemeinwohl und unsere Sprache am Herzen liegen" lieber Begriffe wie ‚physische Distanz‘ oder ‚körperlicher Abstand‘ zu nutzen. "Man mag sagen, dass es derzeit dringlichere Probleme gibt, als Worte auf die Goldwaage zu legen", sagt Venske. "Aber Sprache prägt unser Denken und unser Verhalten."

Corona als Mädchenname

Der Denkfehler entsteht durch die Übersetzung. Im Englischen steht "social" vor allem für "gesellig" und solche Zusammenkünfte sind gerade schlecht. Im Deutschen steht "sozial" dagegen auch für Werte wie Gemeinwohl und Solidarität – genau das, was durchaus gefordert ist.

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Die Gesellschaft für deutsche Sprache, die auch die Wahl zum Wort des Jahres organisiert, hat sogar eine eigene Corona-Serie gestartet. In Folge sieben erklären die Autoren, dass Corona schon seit dem zweiten Jahrhundert als Mädchenname genutzt wird. In Bayern und Österreich sind einige Wallfahrtsorte der Heiligen Corona gewidmet.

In den vergangenen zehn Jahren wurden 20 Neugeborene in Deutschland Corona oder Korona getauft. "Aus heutiger Sicht empfiehlt sich das natürlich nicht mehr", schreiben die Autoren. Zu groß sei die Gefahr von Hänseleien.

"Spannend, solche Entwicklungen live mitzuverfolgen"

Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim trägt auf einer Webseite ganz neue Wörter zusammen. Jeder kann Vorschläge einreichen. Das reicht von A wie Abstandsgebot und AHA-Regel, über C wie Corona-Frisur, N wie Niesetikette, P wie Präventionsparadox und S wie Spendenzaun bis hin zu W wie Wohnzimmer-Work-out und Z wie Zweite Welle. Zu jedem Begriff liefern die Autoren eine Definition und Beispiele für den Gebrauch.

"Es ist spannend, solche Entwicklungen live mitzuverfolgen", sagt Sprachwissenschaftler Klein aus Würzburg. "Durch das Internet haben wir heute auch sehr viel mehr Material zur Verfügung als etwa bei der Pest im 14. Jahrhundert." Im nächsten Semester will der Professor eine Vorlesung anbieten, in der die Studenten einen historischen Vergleich der Seuchen-Sprachen ziehen. Sprichwörtlich hat sich etwa die Wahl zwischen Pest und Cholera bis heute gehalten. Abwarten, was mit Covid-19 passiert.

EU-Dienst will Glossar erstellen

Sprachwissenschaftlich interessant ist auch, dass medizinische Fachbegriffe wie Übersterblichkeit, Triage, Aerosole und Viruslast nicht mehr nur von Experten für Experten genutzt werden. Neuerdings sprechen auch viele Laien "Virologisch". Außerdem blicken die Forscher über die Grenzen: Der Übersetzungsdienst der Europäischen Kommission hat bereits angekündigt, ein Glossar für wichtige Corona-Wörter erstellen zu wollen, damit es international keine Missverständnisse gibt.

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In Großbritannien arbeiten etwa nur ganz bestimmte Leute im Homeoffice. So heißt im Englischen das Innenministerium. Wer zu Hause am Schreibtisch sitzt, nennt das dort "wfh" – working from home. Auch der Lockdown ist im Englischen eigentlich ein Begriff für das Abriegeln eines Hauses oder Stadtteils etwa bei einem Bombenfund oder einer Geiselnahme. Ein Shutdown bezeichnet die Stilllegung oder vorübergehende Schließung eines Betriebs.

Der oder die Butter?

Das Coronavirus selbst steht schon seit 2003 im Duden, weil damals der Erreger Sars-Cov-1 ins Land kam. Ein "Virustyp, der Wirbeltiere infiziert und beim Menschen Erkältungskrankheiten auslöst", heißt es als Erklärung. Die Redaktion des Wörterbuchs empfiehlt "das" als Artikel, umgangssprachlich sei aber auch "der" Virus erlaubt.

"Über diese sogenannten Genus-Variationen lässt sich viel diskutieren", sagt Professor Klein. "Das ist nichts Krisentypisches." In Bayern und Schwaben sagen manche Menschen "der" Butter im Rest Deutschlands eher "die" Butter. Es heißt zwar "der" Teil einer Menge, aber "das" Teil, wenn von einem bestimmten Stück die Rede ist. Genau solche Zweifelsfälle sind Kleins Spezialgebiet. "Wir recherchieren die Herkunft und Verwendung der Wörter und stellen Material zusammen, welche Variante wann vorkommt", erklärt er.

Begriffe verschwinden wieder

Langweilig wird es dabei nie, denn Sprache verändert sich ständig. "Im 18. Jahrhundert hat sich Deutsch den Platz als die Wissenschaftssprache erkämpft, davor war es Latein, heute ist es Englisch", sagt Klein. Das ist auch ein Grund dafür, warum die Leute aktuell oft englische Begriffe verwenden: weil viel über wissenschaftliche Zusammenhänge diskutiert wird und die Pandemie die ganze Welt betrifft.

Manche Wort-Neuschöpfungen kommen und gehen. Wie etwa die "Öffnungsdiskussions-Orgien", die Bundeskanzlerin Angela Merkel im April kritisiert hat. "Das wird sich kaum im Kernwortschaft etablieren", vermutet Klein. Sein Team verfolgt, "welche Wörter Eintagsfliegen sind und welche bleiben". Von Kassettenrekordern oder Disc-Mans spricht heute keiner mehr – die Wörter sind mit den Dingen aus dem Alltag verschwunden. Hoffentlich ergeht es so auch irgendwann Corona.

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