Kritik am Westen

"Kollektives Versagen": Afghanistan-Experte nach Desaster im Interview

16.8.2021, 14:57 Uhr
Die Taliban haben Afghanistan übernommen.

Die Taliban haben Afghanistan übernommen. © Stringer via www.imago-images.de, imago images/SNA

Herr Hans, haben Sie Freunde in Afghanistan? Was hören Sie von denen? Machen Sie sich Sorgen um diese?

Heinz Hans: Ich habe Freunde in Mazar-i-Sharif, Herat, Kandahar und Kabul. Die hatten teilweise auch schon das erste Taliban-Regime überlebt. Die Lage für meine Freunde in Afghanistan ist genauso unübersichtlich wie für mich. Hoffnung bereitet der Umstand, dass die Taliban Fachleute und Bürokraten benötigen, um administrieren zu können. In Kandahar haben sich Piloten der afghanischen Streitkräfte den Taliban angeschlossen und fliegen mit Hubschraubern herum. Aber die Ungewissheit wie die Zukunft mit den Taliban aussehen wird und wie meine Freunde damit zurechtkommen belastet mich ziemlich.

Zu Beginn des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr hieß es, die Freiheit werde auch am Hindukusch verteidigt. Müssen wir jetzt um die Freiheit fürchten?

Hans: Nein, die Freiheit von Europa und Deutschland ist durch die erneute Machtübernahme der Taliban in Afghanistan nicht bedroht. Die Taliban wirken sich zunächst einmal auf die regionalen und Nachbarstaaten aus. Außerdem müssen sie jetzt erst einmal ihre Machtstruktur etablieren und festigen. Dann kann man weiter sehen, was passiert.

Gibt es aus Ihrer Sicht Kardinalfehler, die beim Afghanistan-Engagement des Westens vor 20 Jahren gemacht wurden?

Hans: Es gibt nicht nur einen Kardinalfehler. Es war nicht weitsichtig, die Taliban bei der Umsetzung des Petersberger Abkommens im Dezember 2001 völlig außen vor zu lassen. Schließlich wurden die Taliban nicht eliminiert. Nach ihrer Niederlage tauchten sie in Afghanistan und Pakistan unter und tauschten lediglich den Taliban typischen dunklen Turban (Lungi) gegen die flache erdfarbene Wollmütze (Pakol) und warteten ab, wie sich die Lage in Afghanistan entwickelte. Ihre Gesinnung veränderte sich nicht. Außerdem war die Annahme für Landeskenner naiv, dass man als "top-down-Maßnahme" Afghanistan die Demokratie verordnen könne. Das mag in den afghanischen Städten mehr oder weniger gut funktionieren, aber nicht auf dem Land mit 70 Prozent Lese- und Schreibunkundigkeit. Der Westen nahm 20 Jahre lang die Korruption und Unfähigkeit der afghanischen Regierungen zur Kenntnis und unternahm dagegen nichts.

Hätte man es besser machen können und wenn ja, wie? Oder ganz aus Afghanistan 'raushalten? Warum ist der teure Militäreinsatz gescheitert?

Hans: Man hätte konsequent die Verwendung der Hilfsgelder und eine Qualitätskontrolle organisieren müssen. Bei Beanstandungen hätte es Budgetkürzungen geben müssen. Afghanistans Haushalt finanziert sich zu 90 Prozent aus westlichen Hilfsgeldern. Das reiche Deutschland wollte sich aus Afghanistan nicht heraushalten, um auf der Weltbühne die deutsche Unterstützung der UN-Resolution 1378 vom 14. Dezember 2001 zu zeigen. In dieser Resoluten wurde ein Plan für die Übergangsphase in Afghanistan verabschiedet. Der teure Militäreinsatz ist gescheitert, weil während der 20 Jahre die militärischen Ziele mehrfach verändert wurden, die westlichen Truppen für Nationbuilding nicht ausgebildet waren und es keine Exitstrategie gab.

Jeder machte, was er für richtig hielt

In den Medien ist vom "totalen Scheitern des Westens" die Rede. Sehen Sie das auch so?
Hans: Afghanistan war ein großes Experimentierlabor, in dem jede dort anwesende Nation mehr oder weniger das machte, was sie für richtig hielt. Es gab ein internationales und nationales kollektives Versagen.

Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass die afghanische Armee, die ja auch durch die Bundeswehr ausgebildet werden sollte, so rasch die Segel gestrichen hat?

Hans: Die afghanische Armee hat etwa 300.000 Soldaten, die von den USA mit modernem Gerät ausgestattet wurde. Die Taliban werden auf etwa 50.000 Kämpfer geschätzt. Die korrupte Führung der afghanischen Armee, Polizei und Sicherheitskräfte war dilettantisch. Wenn Armee und Polizei Benzin, Waffen und Munition verkaufen, es zeitweise keine Besoldung und Verpflegung gibt, dann ist die Kampfmoral schlecht und man gibt seinen Stützpunkt einschließlich Waffen und Gerät auf, weil sich die Sinnfrage stellt, ob man im Kampf fällt oder überlebt. Die Masse der 34 Provinzen und 421 Distrikte wurde den Taliban kampflos überlassen.

Taliban exportieren erbeutetes Kriegsgerät

Ist es richtig, dass der Westen die Taliban auch noch aufgerüstet hat, weil er so viel Kriegsgerät hinterlassen hat?

Hans: Die Taliban haben von der Afghan National Army (ANA) soviel modernes Kriegsgerät übernommen, dass man die Taliban als die in der Welt best ausgerüstete Extremisten-Kampftruppe bezeichnen kann. Zum Teil wurden gepanzerte Fahrzeuge, wie Humvees, auf Tiefladern nach Pakistan transportiert, weil die Taliban davon mehr erbeuteten als sie nutzen konnten. Allein auf dem Flughafen Baghram fanden die Taliban fast 1.000 Fahrzeuge aller Art der US-Streitkräfte vor. In Kandahar wurden russische MI-17 Hubschrauber und amerikanische UH-60 Black Hawk Hubschrauber übernommen. Ein Problem wird die Wartung und Instandsetzung der Fahrzeuge und des fliegenden Gerätes sein. Wenn die Taliban qualifizierte Techniker finden sollten, kann das Kriegsgerät durch Kannibalisieren von defektem Gerät noch eine Zeitlang in Betrieb gehalten werden.

Die jetzt gestürzte afghanische Regierung galt als durch und durch korrupt. Ist das so und hätte der Westen das verhindern können?

Hans: Die extrem zentralistisch organisierte afghanische Regierung funktionierte seit 2001 nur durch Korruption, die das Schmiermittel war. Dadurch konnten die sich überlagernden vielschichtigen ethnischen, religiösen, tribalen und traditionellen Spannungen gemildert werden. Verhindert werden hätten Korruption und Versagen durch Dezentralisierung der Machtverhältnisse und Wahlen der Provinz- und Distriktgouverneure, die an Ergebnissen und nicht an Versprechungen gemessen werden.

Die Politik zeigt sich jetzt überrascht, wie schnell die Taliban vordringen und entschuldigen damit jetzt den chaotischen überstürzten Abzug von Ausländern und afghanischen Helfern. Hat man das wirklich nicht vorhersehen können? Was machen eigentlich die westlichen Geheimdienste?

Hans: Der schnelle Kollaps der afghanischen Regierung war nicht vorhersehbar. Dass der Kollaps früher oder später kommen würde, war den Afghanistan-Fachleuten klar. Die Medien dramatisieren oft die gegenwärtigen Umstände des Abzuges. So schlecht läuft das gar nicht. Natürlich hätte man sich etwas mehr Geschwindigkeit und Kreativität der Lehnstuhl-Bürokraten in den zuständigen Ministerien der westlichen Länder bei der Organisation des Abzugs gewünscht. Die Geheimdienste waren in Afghanistan sehr mit sich selbst beschäftigt. Die Zukunft der afghanischen menschlichen Geheimdienst-Quellen und Kollaborateure war zu organisieren. Auch die Frage der zukünftigen Aufklärung Afghanistans mit technischen Mitteln auf taktischer und operativer Ebene war zu regeln.

Verzögerung aus formalen Gründen

Warum starten erst jetzt Militärflugzeuge aus Deutschland zur Evakuierung nach Afghanistan? Ging das nicht früher?

Hans: Es wird berichtet, dass die Bundeswehr bereits am Freitag oder Samstag nach Afghanistan hätte fliegen können. Das soll aus formalen Gründen, die das Auswärtige Amt zu verantworten habe, nicht möglich gewesen sein.

Wird jetzt in Afghanistan die Reset-Taste gedrückt, also alles wie vor 20 Jahren wieder installiert: Steinzeit-Islamismus, Unterstützung für Terroristen, Unterdrückung der Frauen, Scharia und so weiter, oder werden die Taliban es in Zukunft anders machen? Kann es in irgendeiner Weise "geläuterte" Taliban geben?

Hans: Bis jetzt ist noch nicht zu beurteilen, welchen Kurs die Taliban 2.0 einschlagen werden. Klar scheint zu sein, dass Afghanistan ein stark islamisch geprägtes Emirat werden soll. Zum Überleben benötigen die Taliban ausländische Unterstützung. Wie weit die Saudis und Pakistan "läuternd" auf die Taliban einwirken wollen und können, ist noch nicht übersehbar. Russland, China und die zentralasiatischen Anrainerstaaten haben bis jetzt noch nicht erkennen lassen, ob sie für eine politisch wirtschaftliche Kooperation mit den Taliban Bedingungen stellen und rote Linien ziehen werden.

Wird Afghanistan wieder ein Rückzugsort und Ausbildungszentrum für den islamistischen Terrorismus werden, so dass der Westen in ein paar Jahren wieder eingreifen muss?

Hans: In dem US-Taliban Vertrag vom Februar 2020 verpflichten sich die Taliban, Verbindungen zu anderen Terrorgruppen zu kappen. Man wird beobachten müssen, ob sich die Taliban daran halten.

Behördliche Hilflosigkeit

Die Rolle des Nachbarlands Pakistan in dem Konflikt wird als sehr zwielichtig beschrieben. Wie sehen Sie das?

Hans: Das Vorgehen der Taliban wurde vom pakistanischen Geheimdienst Inter Service Intelligence (ISI) monatelang, wenn nicht sogar jahrelang operativ geplant und die Durchführung beratend unterstützt.

In Pakistan leben viele Taliban-Führer mit ihren Familien und verfolgen wirtschaftliche Interessen. Dadurch ist die Taliban-Führung Pakistan zugeneigt und erpressbar. Pakistans strategischer Nutzen nach der aktuellen Entwicklung ist eine eher Pakistan freundliche Regierung in Kabul, die Ausschaltung des Einflusses von Indien auf Afghanistan und die potentielle Lenkung von Handelsströmen der zentralasiatischen Republiken über Afghanistan zu den pakistanischen Häfen am arabischen Meer. Die Inder versuchten bislang erfolglos ,diese Handelsströme über den Iran zu lenken.

Wie beurteilen Sie den Umgang Deutschlands mit den afghanischen Mitarbeitern und Helfern?

Hans: Der Umgang Deutschlands mit den afghanischen Mitarbeitern ist geprägt von behördlicher Hilflosigkeit und einem nicht gerade entscheidungsfreudigen Abwägen von vorgegebenen administrativen Zuwanderungsregularien und vorgegebenen oder auch tatsächlich vorhanden humanitären Aspekten. Die Berliner Ministerien haben sich bei der Erfassung Daten des betroffenen Personenkreises, der Bewertung der Daten und daraus folgender Ansprüche und Maßnahmen, wer tatsächlich gefährdet ist, Zeit gelassen. Hier spielt sicher auch die bevorstehende Bundestagswahl eine bremsende Rolle.

Wird es zu einer neuen Flüchtlingswelle nach Europa, insbesondere Deutschland, kommen?

Hans: Es wird eine Flüchtlingswelle geben. Es ist aber nicht erkennbar, wohin diese Flüchtlinge sich bewegen werden. Die Haltung der traditionellen Transitländer Iran und Türkei gegenüber neuen afghanischen durchreisenden Migranten scheint sich etwas zu ändern. Die Türkei soll bereits afghanische Migranten bei Grenzwechsel vom Iran in die Türkei zurück in den Iran gedrängt haben.

Meinen Sie, dass der Westen, die USA, die Nato, EU und so weiter, aus dem Desaster gelernt hat oder ist zu befürchten, dass man dieselben Fehler immer wieder machen wird?

Hans: Es ist zu hoffen, dass der Westen gelernt hat, dass Demokratie nicht in allen Kulturkreisen eine Staats- und Gesellschaftsform ist, die auch von der Bevölkerung mitgetragen und erwünscht wird. Ob dieser Lernprozess sich zum Beispiel in Mali bemerkbar machen wird, ist abzuwarten.

Sehen Sie Ansätze, wie der Westen in Zukunft mit der Situation in Afghanistan umgehen wird oder ist der Eindruck allgemeiner Ratlosigkeit richtig?

Hans: Der Westen würde gut beraten sein, wenn er eine auf klare vereinbarte Regeln basierende Kooperation mit der neuen afghanischen Regierung setzen würde. Diese Regeln sollten multilateral mit Kabul vereinbart werden. Ob das angesichts der Spannungen zwischen USA, Russland und China gelingt bleibt abzuwarten.

Zur Person:

Heinz Hans war Stabsoffizier im Amtsbereich des Verteidigungsministeriums. Er wurde lange Jahre in Afghanistan und Pakistan in verschiedenen Verwendungen eingesetzt, lebte dort und bereiste diese Länder im Rahmen seiner Aufgaben intensiv. Er ist der Mit-Herausgeber eines "Who is Who in Afghanistan". Im Rahmen der Betreuung afghanischer Zuwanderer durch das DRK (Suchdienst) und durch zahlreiche persönliche Kontakte zu in Afghanistan lebenden Afghanen ist er tagesaktuell über die Entwicklungen in Afghanistan unterrichtet. Derzeit wohnt er in Unterfranken.

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