Kommentar: Hört auf die jungen Menschen!

18.3.2021, 14:33 Uhr

Die Jugend, das ist Trunkenheit ohne Wein. Man versteht, was Goethe mit dem Gedichtvers meinte – aber den Teenagern von heute muss der Satz wie Hohn erscheinen. Seit einem Jahr läuft ihr Leben nüchtern, ernüchtert. Jung sein heißt sich austesten. Lange aufbleiben, blödeln, singen, tanzen, Führerschein machen. Raufen, rumfahren, reinschnuppern. Zugehörigkeiten probieren, Bier probieren, Küssen probieren. In der Corona-Pandemie ist das alles verboten, mehr oder weniger. Das spontane Leben ist zum Infektionsschutz auf seine planbaren Nützlichkeiten reduziert: Arbeiten, Lernen, Organisieren, Beschulen, Überwachen, Versorgen. Und die Seele?

Bundestagsabgeordnete sind im Durchschnitt 53 Jahre alt

Die Corona-Krise stresst mit Ausnahme der unschuldigen Babys jede Altersgruppe. Doch der Rentner kann schon auf gelebtes Leben zurückschauen. Kindern und Jugendlichen dagegen läuft, so paradox das klingt, die Zeit davon. Sie können Erfahrungen ihrer Altersspanne nicht machen und nicht nachholen – eine Einschränkung, die in hochentwickelten Ländern zuletzt nur noch marginalisierte Gruppen traf.


Jugendliche fühlen sich in Corona-Krise wenig gehört


Die Forderungen von Jugendverbänden, Psychologen und Seelsorgern, die zuletzt lauter auf die Corona-Folgen für junge Menschen hinwiesen, sind daher wichtig: Ja, die Politik sollte bei ihren Schulgipfeln und Öffnungsplänen viel öfter die jungen Stimmen befragen und deren Ideen anhören. Die Anbieter von Berufsorientierung, Jugendarbeit und Freizeit sind ebenfalls gefordert, im Lockdown aktiv auf ihr Publikum zuzugehen – da sind manche verzagten Akteure sehr schnell von der Bildfläche verschwunden. Vielleicht, weil das Durchschnittsalter in Deutschland bei Mitte vierzig liegt. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestags sind im Durchschnitt 53 Jahre alt.


Corona-Pandemie: Ruf nach einem Jugendgipfel


Jungsein lässt sich nicht digitalisieren, und es lässt sich nicht mit Spazierengehen, Lesen und Kochen trösten. Wenn die Alten durch das Virus in ihrer Gesundheit am meisten gefährdet sind, so sind es die Jungen in ihrer Selbstfindung. Beide Formen der Schädigung sind unumkehrbar. Wenn manche Ältere da auf die eigenen Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit verweisen, hilft das wenig. 1945 ist nicht 2021. Die Jungen und Mädchen von heute sind Kinder unserer Zeit: einer Leistungsgesellschaft, in der man vernetzt und informiert sein muss, um Ziele zu erreichen – und um überhaupt erst mal welche zu entwickeln.

Es geht nicht darum, die Generationen gegeneinander danach auszuspielen, wer’s am schlimmsten hat. Sondern es geht um den Respekt gegenüber den Jungen, die – darüber wird nämlich noch gar nicht geredet – die Last der Konjunkturpakete und Corona-Kredite vielleicht ein Arbeitsleben lang abbezahlen müssen. Und die noch nicht einmal dagegen protestieren, weil sie es nur so kennen, wie alles durch Corona eben wurde.