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Kommentar zu 30 Jahre Mauerfall: Zusammenwachsen dauert

Die Wende ist eine Geschichte über Wunder und Wunden - 09.11.2019 05:44 Uhr

Am 9. November jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. © dpa


"Nun wächst zusammen, was zusammengehört." Dieser Satz von Willy Brandt wurde zum geflügelten Wort. Aber stimmt er? Wuchs da etwas zusammen in den 30 Jahren seit dem Mauerfall? Und: Gehören die ehemalige DDR und die alte West-Republik zusammen? Damals hatten viele Zweifel. Etlichen Westdeutschen waren die Uckermark oder Dresden fremder als die Provence oder Pisa. Logisch: Der Osten war ja eingemauert.

Und es waren am Anfang mutige Bürgerrechtler, die damals die Mauer ins Wanken brachten. Mit ihrem Protest gegen dieses Unrechtsregime, das die DDR war und das niemand verharmlosen darf; wer sich gegen es auflehnte, riskierte viel – bis hin zum eigenen Leben.

"Wir sind das Volk", riefen sie. Daraus wurde "Wir sind ein Volk" – der Wunsch, mit dem Westen, seiner Freiheit und seinem Wohlstand, zusammenzuwachsen.


30 Jahre Mauerfall: Schreiben ohne Mauer im Kopf


Es gab aber kein echtes Zusammenwachsen. Der Prozess der Wiedervereinigung wurde geprägt und als Experiment ohne Anleitung vorangetrieben von der alten Bundesrepublik. Gerade diejenigen, die das Regime dort zum Einsturz brachten, wurden auf dem Weg zur Einheit nicht mitgenommen – viele andere auch nicht.

Möglich, dass es angesichts der Dramatik dieses Wunders des Mauerfalls und der mühsamen außenpolitischen Durchsetzung der Einheit keine Alternative gab. Doch das "Abwickeln" der DDR und ihrer Bürger samt ihrer Biografien hinterließ Spuren und Narben. Lebensläufe wurden umgemodelt, oft über den Haufen geworfen. Da blieben Wunden, da blieben Kränkungen bei einem Gutteil der Wende-Generation.

Natürlich gelang auch vieles, gibt es teils jene blühenden Landschaften, die Helmut Kohl versprochen hat. Es sind aber teils Landschaften ohne Leben.

Die Ost-West-Kluft wird im Laufe der Jahre und Generationen geringer werden; für Junge ist sie meist längst kein Thema mehr. Die Stadt-Land-Kluft aber ist im Osten noch ausgeprägter als im Westen. Dort fühlen sich Menschen alleingelassen, weil die Infrastruktur fehlt und weil es kaum "Kümmerer" gibt.

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Angeheizte Opfer-Gefühle

Die fehlen an zu vielen Orten. Und in die Bresche springen oft aus dem Westen stammende AfD-Funktionäre, die das Opfer-Gefühl vieler Ostdeutscher anfeuern. Sie füllen so jene Lücke, die Staat, Land und Kommunen, aber auch die anderen Parteien zugelassen haben – ein sträflicher Fehler mit sichtbaren Folgen. Da braucht es dringend mehr Nähe, mehr Engagement und Empathie, damit jene seltsame Mischung aus Staatsverdruss und zugleich starker Staatssehnsucht nicht noch mehr wächst.

Hilfreich wäre eine Stimme, die zusammenführt – wie einst Willy Brandt. Leider zeigt gerade Angela Merkel wenig Neigung, solche Brücken zu bauen. Die aber sind immer noch nötig, damit wirklich und gut zusammenwächst, was zusammengehört.

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Alexander Jungkunz

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