Die Zahlen steigen

Kommentar zum bevorstehenden Corona-Winter: Schon wieder nichts gelernt?

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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1.11.2021, 13:37 Uhr
Teils schon wieder überlastet: Intensivstationen in deutschen Kliniken.

© DPA_PictureaAlliance_MarcelKusch, obs Teils schon wieder überlastet: Intensivstationen in deutschen Kliniken.

Es sieht sehr danach aus, als könnte sich jener Albtraum wiederholen, der vor einem Jahr zu einem Winter mit alarmierenden Corona-Zahlen führte: Gesellschaft und Politik machen 2021 weitgehend die gleichen Fehler wie 2020. Dazugelernt hat offenbar niemand - auch aus Angst vor unpopulären Beschlüssen.

Kliniken schlagen Alarm

Die Inzidenzen steigen seit ein paar Wochen drastisch. Das wird sich fortsetzen. Sie sind nicht mehr der einzige Indikator für die Brisanz der Lage. Doch auch die Lage in etlichen Kliniken wird prekär. Manche Intensivstationen laufen voll. Zu schaffen macht den Krankenhäusern fehlendes Personal: Etliche Pflegekräfte verließen die Branche. Und wenn Kliniken wegen all dieser Engpässe Patienten über ihre Kapazitätsgrenzen hinaus aufnehmen, dann müssen sie (siehe das Beispiel Fürth) dafür Strafzahlungen leisten - ein unverständlicher Schritt.

Erinnern Sie sich noch, wie das vor einem Jahr war? Da drängten alle Experten auf rasche Maßnahmen, auf einen echten Lockdown. Im Oktober war das, doch die Ministerpräsidenten fanden nicht den Mut zu solch weitreichenden Beschlüssen. Sie hatten zuvor teils Lockerungen eingeleitet, viele dachten, Corona sei abgehakt. Die Politik spielte erst mal auf Zeit - und genau das rächte sich.

Auch nun drängt Merkel zum Handeln

Zu den mahnenden Stimmen gehörte damals Angela Merkel. Sie meldet sich auch nun, als Übergangs-Kanzlerin, zu Wort - besorgt und mit der Bitte um rasches Handeln. Es darf in der Tat kein politisches Vakuum entstehen. Die designierten Ampel-Partner müssen den Schulterschluss mit den noch amtierenden Ministern und mit den Ländern üben und bald beraten, wie der Herbst und der Winter bewältigt werden können.

Wieder fehlt das Tempo bei den Impfungen. Diesmal bei den Auffrischungs-Boostern vor allem für die Älteren. In den Kliniken ist rund ein Viertel der Corona-Patienten geimpft - überwiegend über 60-Jährige, deren Immunschutz nicht mehr ausreichend war. Jetzt erst macht die Politik da Druck.

Viele dachten, Corona sei kein Thema mehr

Und auch das erinnert an 2020: Lange redeten Politiker von Lockerungen. Jetzt erweckte die Debatte darüber, ob die ausgerufene epidemische (Not)Lage verlängert werden soll oder, so nun die Beschlusslage, nicht, bei vielen erneut den Eindruck, Corona sei kein Thema mehr.

Ist es aber doch. Und dürfte es bis ins Frühjahr bleiben. Die meisten Bürger handeln vernünftig, halten sich an Regeln, tragen dort Maske, wo das auch weiterhin angebracht ist. Mehr Impfungen: Ja, die wären wichtig. Doch ein Teil der Impfgegner lässt sich auch durch noch so einhellige Experten-Argumente nicht abbringen von seinem Nein - eine Folge der Polarisierung und der Parallel-Welten, die im Internet mit abstrusen Behauptungen entstanden. Erreichbar sind manche dieser Skeptiker leider erst, wenn sie selbst erleben, dass dieses Corona gerade in seinen Varianten (und neue werden kommen) eben doch nicht nur ein Schnupfen ist.