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Kühle Köpfe gesucht: Was wir vom Zweiten Weltkrieg lernen sollten

Frieden ist heutzutage ein prekäres Gut - Gefragt sind Versöhner - 31.08.2019 14:50 Uhr

Die Ende August 1942 bis Stalingrad vorgestoßene deutsche 6. Armee mit rund 280000 Mann unter Generaloberst Friedrich Paulus wurde Ende November 1942 von der sowjetischen Armee eingekesselt. © dpa


Gegen 4.40 Uhr tauchten die deutschen Bomber auf über Wielun, 21 Kilometer von der damaligen deutschen Grenze entfernt. Eine Übung, dachten viele. Nein, es war der Auftakt für den Vernichtungskrieg, den Hitlers Regime vor 80 Jahren startete. Von den 16.000 Einwohnern des Städtchens wurden rund 1200 getötet, wahllos und willkürlich.

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Und am Ende des Krieges standen 55 Millionen Tote – den verhältnismäßig größten Anteil an Opfern musste Polen hinnehmen, dieser so oft hin- und hergerissene, zeitweise von der Landkarte verschwundene Staat.

Schmerz bei Überlebenden sitzt tief

An diesem Sonntag um 4.40 Uhr werden die Präsidenten Polens und Deutschlands in Wielun an die Opfer des deutschen Angriffs erinnern, dann geht es zur größeren Gedenkveranstaltung in Warschau. Alles Geschichte, lange her? Es gibt noch einige Überlebende in Wielun, ihr Schmerz sitzt tief. Und die polnische Regierung bringt, kurz vor den Wahlen im Nachbarland, ein brisantes Thema aufs Tapet: die Forderung nach deutschen Reparationen für die Kriegsschäden.

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Im Jahr 1935 ging es der erst 30 Jahre alten Spielstätte unter den Augen Adolf Hitlers an den Kragen. Bis heute sind die Auswirkungen von dem, was Architekt Paul Schultze-Naumburg mit dem Umbau anrichtete, zu spüren. Denn vom einstigen Prunk und Stuck im Jugendstil ließ er nicht viel übrig.


Nahezu eine Billion kommt da in manchen Rechnungen zusammen. Realistisch? Eher der Versuch der PiS-Partei, die nationale Karte zu spielen. Denn rechtlich gehen die Chancen nahe null, dass Warschau von Berlin Hunderte Milliarden von Euro einfordern kann; das räumen auch polnische Politiker ein.

Aussöhnung bleibt Meisterwerk

Geld kann auch nicht das Mittel sein, um jene hohen Güter zu sichern, die Europa nach dem Krieg erreicht hat: Frieden und gute Nachbarschaft, ja Freundschaft – erst im Westen des lange (und durch Hitlers Krieg) geteilten Kontinents, dann, nach 1989/90, in ganz Europa. Die Aussöhnung mit Frankreich und dann mit Polen bleibt ein Meisterwerk von Politikern, die Brücken bauten und entschiedene Gegner jedes Nationalismus waren – Konrad Adenauer (mit Charles de Gaulle) und Willy Brandt allen voran.

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Wie sicher ist dieser mühsam errungene Frieden? Europas Stabilität muss sich immer wieder beweisen; die Kluft zwischen Ost und West ist zuletzt wieder gewachsen. Da ist die künftige EU-Kommissionschefin von der Leyen herausgefordert; sie braucht dazu starke Partner.

Gefährlich instabil

Und weltweit? Es gibt Brandherde, die eskalieren können. In der Straße von Hormus, im Konflikt zwischen China und den USA, der noch als Währungs- und Wirtschaftskrieg geführt wird, im Nahen Osten rund um Syrien.

Und es gibt weltweit zu viele Orte wie Wielun. Wo Bomben fallen, die Menschen töten. Im Jemen, in Afghanistan – die Liste ist zu lang für den Platz hier. Hinzu kommt die Gefahr durch die sich wegen akuter Tatenlosigkeit verschärfende Klimakrise samt ihren Folgen für den Frieden (Flucht, Umweltdesaster).

Wir bräuchten global denkende Friedensbewahrer. Versöhner. Kühle Köpfe. Zu entdecken sind aktuell leider wenige.

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