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Lockerungen für Geimpfte: Wieder müssen die Jungen zurückstecken

Entscheidung belastet Zusammenhalt der Gesellschaft - 03.05.2021 18:59 Uhr

Geimpfte sollen mehr Freiheiten bekommen.

21.04.2021 © Karl-Josef Hildenbrand, dpa-tmn


Natürlich ist es richtig, vollständig Geimpften mehr Freiheiten zu geben: kein Test für den Einkauf, den Friseur- oder Zoobesuch, keine Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren, keine Quarantäne. Doch der Zeitpunkt, dies zu erlauben, ist denkbar ungünstig und wird zur Belastung für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Ein kleines Zahlenspiel: Von den 83 Millionen Deutschen haben rund 6,4 Millionen beide Impfungen bekommen. Zu den beiden Gruppen mit höchster und hoher Priorität zählen aber 13,3 Millionen Menschen - Ältere zum Beispiel und solche mit Vorerkrankungen. Das ebenfalls gefährdete Personal in Krankenhäusern und Kita gar nicht mitgezählt.

Nur jeder zweite der Risikogruppen profitiert

Anders formuliert: Von den Lockerungen, die der Bund auf den Weg bringen will und die der Freistaat weitgehend übernehmen dürfte, profitieren nicht einmal alle besonders Gefährdeten, sondern nur jeder zweite von ihnen. Dass die Geimpften ohne Test in Läden gehen dürfen, während ebenso Gefährdete noch auf ihren Impftermin warten, ist Letzteren schwer zu vermitteln.


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Problematisch ist das Signal, das die Bundesregierung aussendet, aber erst recht für all jene, die zu den Jüngeren in unserer Gesellschaft zählen. Zwar ist absehbar, dass die Impfreihenfolge bald Geschichte sein wird, doch auch dann können Millionen von Menschen nicht auf einmal und sofort geimpft werden. Für sie heißt es also: Zurückstecken, schon wieder. Zum inzwischen dritten Mal.

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Zu Beginn der Pandemie verordnete die Politik auch jüngeren Menschen Kontaktverbote, obwohl sie - in der Regel - weniger gefährdet sind. Das Argument: die Älteren vor Ansteckung schützen. Berufstätige Eltern verzichten seither darauf, ihre Kinder zu den Großeltern zu bringen. In manchen Familien gibt es bis heute keinen oder nur wenig Kontakt zu Verwandten und noch seltener Verabredungen mit Freunden.

Staat unterschlägt Risiko

Bei der Impfkampagne stellten die Jüngeren ihre Bedürfnisse ein weiteres Mal hinten an, die meisten taten es aus voller Überzeugung. Mit dem Lohn, dass sie nun erneut zusehen müssen, wenn diejenigen, auf die sie die ganze Zeit Rücksicht genommen haben, plötzlich mehr dürfen sollen als sie selbst. Der Anblick eines Geimpften, der bloß seinen Impfpass zücken muss, um in den Laden zu kommen, wo man selbst erst im Testzentrum war und dann auf sein Ergebnis warten musste, wird sicher für Unmut sorgen.

Die Argumentation, der Staat müsse Menschen, von denen nachgewiesen kein größeres Infektionsrisiko ausgeht, ihre Freiheitsrechte zurückzugeben, erscheint freilich stichhaltig. Doch sie unterschlägt ein anderes Risiko, auf das jüngst der Virologe Martin Stürmer hingewiesen hat. Er argumentiert, dass eine hohe Zahl von Geimpften bei gleichzeitig vielen Neuinfektionen die Gefahr erhöht, dass das Virus zu einer Variante mutiert, die resistent gegen die Impfung ist. Das kann nach einem Jahr Pandemie niemand wollen. Besser also: Wir warten alle noch ab - und freuen uns dann über die Rückkehr der Freiheit. Gemeinsam.


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