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Neuer US-Präsident Biden: Die Rückkehr der Empathie

Der 78-Jährige spricht vom Sieg der Demokratie - 20.01.2021 21:20 Uhr

In seiner Antrittsrede schwört US-Präsident Biden die Bürger auf Einheit ein.

20.01.2021 © ANDREW CABALLERO-REYNOLDS, AFP


Es ist die Schweigeminute. Es ist Joe Bidens Aufruf, der Toten der Pandemie zu gedenken, der wohl am kontrastreichsten den Unterschied zu seinem Vorgänger symbolisiert. Mit gesenktem Haupt steht der neue Präsident im kräftigen, kalten Wind, der über den Parlamentshügel weht. Alle dort Versammelten tun es ihm nach. Die Geste allein macht schon deutlich, was sich ändert, nachdem Donald Trump, der Schönredner der Pandemie, der die Gefahr meistens herunterspielte oder andere für eigene Versäumnisse verantwortlich machte, das Weiße Haus verlassen hat. Mit ihm, signalisiert der weißhaarige Mann auf der Tribüne, kehrt die Empathie zurück in die Machtzentrale. Die Ernsthaftigkeit. Das Gegenteil burschikosen Schlendrians.

Versprechen der Einheit

Die Schweigeminute markiert das Ende einer Rede, die als einer der kürzeren in die Chronik amerikanischer Inaugurationen eingehen wird. Etwas länger als zwanzig Minuten steht Biden auf der Bühne an der Westseite des Kapitols, um zu skizzieren, was ihm wichtig ist. Das Schlüsselwort lautet: Unity. Einheit. Schon im Wahlkampf ist der Demokrat mit dem Versprechen angetreten, Brücken zu bauen über Gräben, die unter dem Spalter Trump noch tiefer und breiter geworden sind. Das Versprechen wiederholt er, es ist das Motiv, dem er alles unterordnet, eigentlich das einzige seiner Rede. „Ohne Einheit gibt es keinen Frieden, nur Verbitterung und Wut“, sagt Joseph Robinette Biden jr. In der Geschichte der Nation habe es nur wenige Momente gegeben, in denen die Herausforderungen größer gewesen wären als heute. Um sie zu meistern, um Amerikas Seele zu heilen und seine Zukunft zu sichern, reichten Worte nicht aus.

Dazu bedürfe es der Einheit, einer Sache, die in einer Demokratie am flüchtigsten sei. „Wir müssen diesen unzivilisierten Krieg beenden, der Rote gegen Blaue, Land gegen Stadt, Konservative gegen Progressive ausspielt.“ Das könne gelingen, wenn man sich nur für einen Augenblick in die Schuhe des anderen hineinversetze. Politik müsse kein loderndes Feuer sein, das alles zerstöre. Nicht jede Meinungsverschiedenheit müsse ein Grund für totalen Krieg sein. Man möge ihm zuhören, wendet sich der 78-Jährige an die Anhänger Trumps. Wenn man dann immer noch anderer Meinung sei, dann sei das eben so. „So geht Demokratie. Das ist Amerika“.


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Gleich zu Beginn, als er zurückblendet auf den 6. Januar, an dem ein rechter Mob das Kapitol stürmte, spricht Biden von der Demokratie, die letztlich die Oberhand behalten habe. Und hatte er noch vor Wochen, unter dem Eindruck der Pandemiezahlen, von einem dunklen Winter gesprochen, so klingt es diesmal um eine Nuance optimistischer. „Ein Winter der Gefahr und der Möglichkeiten“, sagt er.

Um 11.49 Uhr Ortszeit, elf Minuten vor dem Zeitpunkt des Machtübergangs, wie ihn die Verfassung festlegt, hatte er seine rechte Hand zum Schwur erhoben und die linke auf eine Bibel gelegt, die sich seit 1893 im Besitz seiner irisch-amerikanischen Vorfahren befindet und deren Einband ein Keltenkreuz ziert. Lady Gaga, die bereits den Wahlkampfendspurt an Bidens Seite bestritt, singt die Nationalhymne. „This land was made for you and me“, singt Jennifer Lopez.

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Nach der Ansprache des neuen Staatschefs stimmt der Countrysänger Garth Brooks, nachdem er seinen Cowboyhut abgelegt hat, „Amazing Grace“ an. Wenigstens das: Am Ritual auf der Bühne hat sich nichts geändert im Vergleich zu früheren Jahren, auch wenn es nicht an Ratgebern fehlte, die Biden aus Sorge um seine Sicherheit nahelegten, auf den Auftritt im Freien zu verzichten. Im Januar 1945, im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs, wurde der kranke Franklin Delano Roosevelt im Weißen Haus vereidigt, und es gab Historiker, die Biden empfahlen, sich daran ein Beispiel zu nehmen. So weit ist es dann doch nicht gekommen, doch ansonsten ist es eine Zeremonie, die auf alles verzichtet, was den Inauguration Day in jüngerer Vergangenheit immer auch zu einem Volksfest werden ließ.


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Auf der National Mall, der von Museen und Denkmälern gesäumten Grünfläche zwischen Kapitol und Lincoln Memorial, gibt es keine Menschenmassen, die dem neuen Präsidenten zujubeln. Stattdessen hat man unzählige Sternenbanner auf dem Rasen platziert. Auf der Pennsylvania Avenue gibt es keine Parade, über der sonst immer, alle vier Jahre, ein Hauch von Karneval lag. Auf der Tribüne hinter Biden sitzen, Stoffmasken vor Mund und Nase, etwa zweihundert geladene Gäste, darunter, mit Ausnahme Trumps und des hochbetagten Jimmy Carter, alle noch lebenden Präsidenten der USA.

Rund zweitausend Gäste dürfen auf der Wiese vorm Kapitol Platz nehmen, aber das war’s dann auch schon. Lange vor dem 20. Januar war klar, dass die große Party pandemiebedingt ausfallen würde. Doch erst die Angst, dass gewaltbereite Anhänger Trumps, angeführt von rechtsextremen Milizen, auch Bidens Vereidigung stören könnten, hat die Feierlichkeiten auf das absolute Minimum reduziert.

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Und das Zentrum Washingtons in ein Heerlager verwandelt. Wer an diesem Mittwoch versucht, sich dem Kapitol von Norden her zu nähern, kommt nicht mal bis zur Union Station, bis zum Bahnhof der Metropole, knapp einen Kilometer vom Parlamentsgebäude entfernt. Überall Metallzäune, überall Betonbarrieren, überall Checkpoints, an denen Bewaffnete stehen. Nur wer eine fälschungssichere Einladung für die Zeremonie vorzeigen kann, wird nach gründlicher Kontrolle durchgelassen. Das gesperrte Areal, von den Behörden Green Zone genannt, umfasst praktisch die gesamte Innenstadt.

Sicherheitsmaßnahmen wie in Bagdad

Green Zone - den Begriff kannten Amerikaner bisher nur aus Bagdad. So hieß, nach dem Einmarsch 2003, das abgeriegelte Viertel rund um Regierungsgebäude und US-Botschaft. Die Nationalgardisten, die den Washingtoner Sperrbezirk bewachen, hat man nochmals überprüft, nachdem Gerüchte über potenzielle Aufrührer in ihren Reihen die Runde gemacht hatten. Zwölf wurden vom Dienst suspendiert, zwei, weil sie sich in sozialen Medien in einer Weise über bestimmte Politiker äußerten, die das FBI als bedrohlich einstufte.

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Patriotismus und Proteste: Die Bilder der US-Wahl 2020

Lange Schlangen vor den Wahllokalen, besondere Hygienebestimmungen und Proteste: Viele US-Amerikaner haben in den Wahllokalen ihre Stimmen für Amtsinhaber Donald Trump oder Herausforderer Joe Biden abgegeben. Bis ein Gewinner feststand, dauerte es mehrere Tage, die Auszählung in einigen entscheidenden Bundesstaaten zog sich hin. In Washington kam es zu Protesten, das Weiße Haus war streng bewacht und abgeriegelt.


Und Trump? Er fliegt am Morgen an Bord des Präsidentenhubschraubers zur Luftwaffenbasis Andrews, bevor ihn die Air Force One nach Florida bringt, nach Palm Beach, wo er vor Jahren den Strandclub Mar-a-Lago erwarb. Auf der Rollbahn des Stützpunkts stehen seine Kinder und deren Partner, hinter ihnen Mark Meadows, sein letzter Stabschef im Weißen Haus. Es ist eine auffallend kleine Runde. Mike Pence, sein lange bis zur Selbstverleugnung loyaler, nichtsdestotrotz von ihm zum Schluss nur noch angefeindeter Stellvertreter, glänzt durch Abwesenheit, während er später bei Biden auf der Tribüne sitzt. Logistische Gründe, heißt es offiziell, was freilich kein neutraler Beobachter glaubt.

"Wir sehen uns bald"

Jedenfalls schafft es Trump einmal mehr, seinen Nachfolger, dem er nie zum Sieg gratulierte, nicht beim Namen zu nennen, als er über ihn redet. Zwar wünscht er Bidens Regierung Glück und Erfolg, allerdings verbindet er das mit einer gehörigen, für ihn so typischen Prise Selbstlob. Nach dem Motto, dass die Ausgangsposition dank seiner Vorarbeit kaum besser sein könnte. „Ich denke, sie werden große Erfolge haben. Sie haben das Fundament, um etwas wirklich Spektakuläres zu tun.“

Schließlich, ehe er zu Klängen des Siebziger-Jahre-Songs YMCA von den Village People ins Flugzeug steigt, das vage Versprechen eines Comebacks, in den Ohren seiner Gegner eher eine Drohung. „Wir werden in irgendeiner Form zurückkehren“, sagt Trump. „Habt ein gutes Leben. Wir sehen uns bald.“


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Seit 1869, als Andrew Johnson der Inauguration des Bürgerkriegsgenerals Ulysses Grant fernblieb, ist er der erste scheidende Präsident, der die feierliche Amtseinführung seines Nachfolgers boykottiert. Tags zuvor hatte er, sich zum letzten Mal seiner Macht bedienend, 143 Begnadigungen ausgesprochen. Der prominenteste Fall: Der Rechtspopulist Steve Bannon, einst Chefstratege im Weißen Haus, muss vor Gericht nicht mehr dafür verantworten, dass er zum Spenden für den Bau eines Mauerabschnitts an der Grenze zu Mexiko trommelte, und dann, als das Geld floss, fast eine Million Dollar abzweigte, um seinen opulenten Lebensstil zu finanzieren.

Frank Herrmann

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