Nürnberger Prozesse: 100-jähriger Chefankläger findet bewegende Worte

Manuel Kugler
Manuel Kugler

Redaktion Politik und Wirtschaft

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20.11.2020, 20:27 Uhr
Kam 2010 bei der Eröffnung des Memorium Nürnberger Prozesse in die Stadt: Benjamin Ferencz.

© Armin Weigel, NN Kam 2010 bei der Eröffnung des Memorium Nürnberger Prozesse in die Stadt: Benjamin Ferencz.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, US-Außenminister Mike Pompeo, Ministerpräsident Markus Söder. Es sind die großen Namen aus der Politik, die an diesem Abend in Nürnberg, beim Erinnerungsakt zu 75 Jahren Nürnberger Prozesse im Justizpalast, für Aufsehen sorgen. Benjamin Ferencz dürfte im Vergleich dazu wenigen ein Begriff sein, und doch dürften es seine Worte sein, die nachhallen.

Benjamin Ferencz war Chefankläger im sogenannten Einsatzgruppenprozess, 100 Jahre ist er inzwischen alt. Er ist der letzte Zeuge, der heute noch aus erster Hand von den Kriegsverbrecherprozessen berichten kann. Mit einer Video-Grußbotschaft eröffnet er die Veranstaltung im historischen Schwurgerichtssaal 600.

„Während ich hier spreche", sagt Ferencz, "gehen die Kriege weiter". Überall auf der Welt würden Menschen getötet, massive Angriffe geplant. "Wir geben täglich Milliarden von Dollar für die Herstellung von Waffen aus, um noch mehr Menschen zu töten", sagt Ferencz. "Und wir schicken junge Menschen in die Welt, um andere junge Menschen zu töten, die sie nicht einmal kennen, die womöglich noch nie jemandem etwas zuleide getan haben."

Eine Form des Wahnsinns

Das sei "eine Form des Wahnsinns", fährt Ferencz fort. "Manche mögen sagen, ich sei verrückt, aber ich denke, es ist genau anders herum. Das ist also die Welt, in der wir leben."

Der 100-Jährige schließt mit einem Appell: "Ich werde nicht mehr lange leben. Sie müssen sich dieser Realität stellen. Tun Sie, was in Ihrer Macht steht. Mein Prinzip ist ‚Recht statt Krieg‘. Und ich verbinde das immer mit: ‚Niemals aufgeben. Niemals aufgeben. Niemals aufgeben.‘“

Vergleichsweise leer und beinahe düster ist der Saal 600 an diesem Abend - wegen der Corona-Pandemie sind lediglich die Ehrengäste anwesend, das Publikum kann nur virtuell zusehen.

„Der Prozess war eine Revolution. Er schrieb nicht nur Rechtsgeschichte, er schrieb Weltgeschichte", sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede. Die Verhandlung in Nürnberg habe die Saat für die Entstehung einer internationalen Strafgerichtsbarkeit gelegt, eine Saat, die aber erst nach dem Ende des Kalten Krieges aufgehen konnte - mit der Schaffung des Internationalen Strafgerichtshofs.

Steinmeier äußert die Hoffnung, dass die künftige US-Regierung den „Wert internationaler Strafgerichtsbarkeit erkennt“. Denn bislang verweigern sich die Vereinigten Staaten dem Internationalen Strafgerichtshof.

Söder zu Corona-Demos: "Was für ein irrer Gedanke!"

Die Nürnberger Prozesse hätten gezeigt, dass "kein Staat, keine Regierung, kein Politiker" über den Menschenrechten stehe, sagt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. "Hier", sagt der Nürnberger mit Blick auf seine Heimatstadt, „ist die Zivilisation neu geboren worden".

Dass vor dem Justizpalast die Bewegung "Querdenken" zum Protest aufgerufen hat - nach eigenen Angaben nicht, um den Erinnerungsakt zu stören, sondern um darauf aufmerksam zu machen, dass das jüngst beschlossene Infektionsschutzgesetz "die massivsten Grundrechtseinschritte in der Geschichte der Bundesrepublik" vollziehe -, dafür hat Söder kein Verständnis. Zu einer angeblichen Parallele des Jahres 2020 zu 1933 sagt er: "Was für ein irrer Gedanke!"

Eine Aufzeichnung des Erinnerungsakts ist am Sonntag, 22. November, um 13 Uhr auf Phoenix zu sehen.

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