Peter Wohlleben: "Steigerwald sofort zum Nationalpark machen"

15.2.2021, 05:50 Uhr
Deutschlands bekanntester Waldschützer: Förster Peter Wohlleben. Vor einem Millionenpublikum wirbt er sein Jahren für eine auch ökologisch nachhaltige Forstwirtschaft.

Deutschlands bekanntester Waldschützer: Förster Peter Wohlleben. Vor einem Millionenpublikum wirbt er sein Jahren für eine auch ökologisch nachhaltige Forstwirtschaft. © Foto: picture alliance/TT NEWS AGENCY/Christine Olsson

In Pandemiezeiten hat der Wald an Bedeutung gewonnen – er ist einer der wenigen frei begehbaren Freizeitorte, die uns geblieben sind. Sind die vollen Wälder Fluch oder Segen?

Mich freut das. Menschen stören im Wald ja nicht, solange sie nicht anfangen, Bäume abzusägen oder alles platt zu fahren. Natürlich ist das eine Zusatzbelastung, doch man sollte die Kirche im Dorf lassen. Forstwirtschaft und Jagd sind viel größere Belastungen.

Also erfreuen wir uns reinen Gewissens des Waldes?

Ja. Wohin soll man denn sonst? Ich animiere regelrecht dazu, in den Wald zu gehen. Wer sich dort länger aufhält, dem geht es besser, das ist wissenschaftlich belegbar. Deutschland hat glücklicherweise ein großzügiges Recht, wir dürfen alle Wälder, auch die, die sich in Privatbesitz befinden, frei betreten. Ansonsten wäre der Lockdown kaum mehr zu ertragen.

Viele empfinden den Wald sogar als Kraftquelle. Woraus resultiert dieses enge Verhältnis?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch eine genetische Bindung an den Wald haben. Ein Besuch im Wald wirkt wie eine Kraftquelle und senkt den Blutdruck, das wirkt noch Tage nach. Wir können auch den Rauch von Holzfeuer besser vertragen als unsere Urahnen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass unser Gehirn nur deswegen so groß werden konnte, weil wir an Holzfeuern unser Essen gekocht haben. Für ein Holzfeuer braucht man Holz, dafür Bäume. Es gibt also eine entwicklungsgeschichtliche Verbindung. Deshalb ist es für mich klar, dass es uns zu unseren Wurzeln hinzieht.

Wenn die Bande so eng sind, warum zerstören Menschen dann den Wald?

Das ist so ähnlich wie mit der Massentierhaltung. Kein Mensch mag Schweine quälen, wenn wir so ein Tier vor uns sehen, wollen wir es am liebsten streicheln. Und doch essen wir das Fleisch aus den Fabriken.

Sind unsere Wälder nicht auch zu Fabriken geworden? Dort wachsen Bäume einige Jahre, dann kommt der Harvester…

Forstwirtschaftlich ist der Wald ein Warenlager, da wird immer nur in Holz gerechnet. Ich würde sanftere Wege mit der Natur gehen, wir haben den Klimawandel – und die Bäume reagieren. Wir sollten ihnen die Zeit geben. Stand heute wird es auch in Zukunft Wälder geben. Bislang galt die Devise: Wie viel Holz brauchen wir – das muss der Wald dann liefern. Ich würde das gerne umdrehen: Wie viel Wald brauchen wir – dann schauen wir, was wir an Holz entnehmen können, ohne das Ökosystem zu schädigen.

Ein radikaler Wandel, vor allem für die Holzindustrie.

Die muss sich sowieso umstellen. Schauen wir in Ihre Gegend: Franken ist regenmäßig nicht besonders verwöhnt. Die großen Nadelholzplantagen, wie es sie im Reichswald noch gibt, werden in den nächsten zehn bis 15 Jahren ohnehin absterben. Über die Hälfte Deutschlands ist davon betroffen, weil es sich um künstlichen Nutzwald handelt. Konventionelle Forstwirtschaft wird auf Dauer kaum mehr etwas liefern können.

Da wäre es doch naheliegend, die letzten intakten Wälder zu schützen. Die Politik sieht das in Bayern anders: Der ökologisch wertvolle Buchenwaldbestand im Steigerwald soll nach Ansicht der Staatsregierung nicht zum dritten Nationalpark im Freistaat erhoben werden. Ein Fehler?

Das Land Bayern ist Holzverkäufer. Wenn Sie die Firma Toennies fragen, ob wir genügend Tierschutz praktizieren, wird die Antwort möglicherweise lauten: selbstverständlich. So ist das auch bei den Staatsforsten – die denken in verkauften Festmetern. Sie sollten lieber Ökologen fragen. Wälder wie den Steigerwald gibt es kaum mehr in Deutschland, deren Anteil liegt bundesweit im Promillebereich. Es ist deshalb dringend erforderlich, solche Wälder sofort zu sichern. Denn das sind genau die, die beste Chancen haben, den Klimawandel zu überleben. Ein Wald wie der Steigerwald kann sich an heißen Tagen bis zu zehn Grad im Schnitt runterkühlen im Vergleich zur freien Landschaft. Wenn Sie den durchforsten, drehen Sie automatisch das Thermostat hoch. Und die verbleibenden Bäume werden dann auch krank. Also: Sofort einen Nationalpark draus machen!

Da wird so mancher Förster, der im Moment dort Bäume fällt, einwerfen: Wir wirtschaften doch nachhaltig…

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Das, was derzeit passiert, ist eine reine Mengennachhaltigkeit. So macht das jeder Kartoffelbauer – der erntet auch jedes Jahr dieselbe Menge. Ob er dafür viel Gift auf die Felder spritzen muss, spielt bei der Mengennachhaltigkeit keine Rolle. Wir müssen die Wälder erhalten, so wie sie sind – denn das sind empfindliche Ökosysteme. Wenn man aber hingeht und sagt, durch Bäume absägen erzielt man eine Verbesserung, dann verhält man sich so wie ein kleines Kind, das die Taschenuhr vom Opa mit dem Hammer reparieren will. So argumentiert aber die Forstwirtschaft.

Die behauptet auch, dass sie mit neuen Bäumen den Wald retten können: Die Douglasie wird da gerne als Allheilmittel für den Umbau hiesiger Bestände genannt.

Die gilt als Wunderbaum in Deutschland. Dabei gehen diese Bäume reihenweise kaputt im Klimawandel. Die nächste Douglasie, die abstirbt, steht 50 Meter von meinem Büro entfernt. Douglasien vertragen Trockenheit eben auch nicht, das bringt also gar nichts. Fremde Baumarten können unsere heimischen Bakterien, Pilze usw. gar nicht verdauen. Der Wald baut sich selbst um, wir müssen ihm nur die Zeit dafür geben, anstatt einen gesunden Baum nach dem anderen zu fällen.

Eine Erkenntnis, die sich in der Forstverwaltung noch nicht durchgesetzt hat…

Leider. Wir Menschen sind nach wie vor ein Bestandteil der Natur. Deshalb sollten wir uns viel besser mit der Natur verbinden, damit wir sie intuitiv schützen können.

Sie haben Kritiker, die behaupten, Sie seien auf der emotionalen Ebene unterwegs, also unwissenschaftlich…

Die Hauptkritik kommt von Forstwissenschaftlern und von Lobbyisten. Damit kann ich gut leben. Ich arbeite mit vielen Wissenschaftlern zusammen. Dass ich mich einer emotionalen Sprache bediene, sehe ich eher als Stärke an. Ich versuche, die Menschen auch zu unterhalten, Natur kann unglaublich unterhaltsam sein. Das soll auch Spaß machen!

Den Herzschlag der Bäume spüren

Peter Wohlleben sorgte mit seinem Buch "Das geheime Leben der Bäume", das in viele Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft wurde, für Aufsehen.

In seinem neuesten Werk "Das geheime Band zwischen Menschen und Natur" geht es um unsere Sinne. Wohlleben schreibt, dass der Mensch bestens ausgestattet ist, wenn es um seine Sinne geht. "Wir nutzen das nur nicht, genau dazu will ich ermuntern."

Weil der Mensch ein integraler Bestandteil der Natur ist, sollte er sich viel intensiver mit ihr verbinden – um sie besser vor Eingriffen schützen zu können. Unter anderem darüber wird Wohlleben in der Reihe "NN-Wissen" sprechen. Ein kurzweiliger und spannenden Abend erwartet die Zuhörer.

"Der Herzschlag der Bäume" mit Peter Wohlleben, NN-Wissen, 25.2.2021, ab 18 Uhr via Zoom. Karten zu 15 € sind unter www.tickets.nordbayern.de erhältlich.

Technik-Check ist möglich. Anmeldung dazu: event.support@pressenetz.de

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