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Smog weg, Wasser klar: Rettet Corona-Pandemie das Klima?

Fridays For Future im Dilemma: "Schwierig, den richtigen Ton zu treffen" - 30.03.2020 17:15 Uhr

Eine Demonstration von „Fridays for Future“ im Januar 2020 in Erlangen.

© Foto: Harald Sippel


Das Wasser ist so klar wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Fische schwimmen im Kanal von Venedig. Dass sie da sind, das wussten die Einwohner der Lagunenstadt natürlich, das Meer ist lebendig. Nur gesehen hat sie niemand, in der oft braunen Brühe, die entsteht, wenn Boote Sediment aufwirbeln. Natale wurde in Venedig geboren, kennt die Stadt, ihre Eigenheiten, die Touristen, von denen Jahr für Jahr Millionen in la Serenissima, "die Durchlauchigste", strömen. Sie schaden der Stadt, mahnen Umweltschützer, zerstören das Weltkulturerbe mit Kreuzfahrtschiffen, Massentourismus und billigen Souvenirs. "So, wie jetzt wegen Corona, hab ich Venedig noch nie gesehen", sagt Natale. "Es ist still und leer, ich glaube das ist heilsam." Seit Wochen steht die Stadt unter Quarantäne - und die Stadt blüht auf.

Bilder wie diese gehen um die Welt. Der Frankfurter Flughafen wurde zum Mega-Parkplatz für Jets umfunktioniert, die wegen der Pandemie am Boden bleiben, die Smog-Wolken über Chinas Städten verschwinden, Kraftwerke werden gedrosselt, weil in vielen Fabriken der Betrieb ruht. Es scheint, als schaffe die Angst vor Sars-CoV-2, dem Erreger, mit dem sich mittlerweile gut eine halbe Million Menschen infiziert hat, was die internationale Klimabewegung seit Jahren verzweifelt versucht. Rettet etwa eine Krankheit die Umwelt?

Bessere Luft in Rom, weniger Kohleabbau in China

Zumindest vorübergehend verschafft das Coronavirus dem Klima wohl Luft zum Atmen. In der Region um Wuhan, der chinesischen Millionen-Stadt, in der das Virus im Januar erstmals ausbrach, ging der Ausstoß von Stickstoffdioxid, kurz NO2, spürbar zurück - das zeigen Satellitenbilder der US-Raumfahrtbehörde Nasa. Ihr europäisches Pendant, die Esa, beobachtet ähnliches über dem Mittelmeerraum und Italien. Das Nationale Statistikamt in China meldet zudem für die ersten zwei Monate des Jahres, dass rund sechs Prozent weniger Kohle im Vergleich zu 2019 abgebaut wurden. Auch in Rom, wo es im Frühling statt nach Blumen eher nach Mopeds und dem Dieseldunst veralteter Busse riecht, hat sich die Situation entspannt.


Greta Thunberg ruft wegen Corona-Krise zu Online-Aktionen auf


Deutschland könnte wegen des brachliegenden Luft- und Pendlerverkehrs nun überraschenderweise seine Klimaziele für 2020 doch erreichen und die Treibhausgasemission im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent senken. Genaue Berechnungen fehlen zwar noch, auch, weil unklar ist, wie lange und in welchem Umfang Ausgangsbeschränkungen hierzulande bestehen bleiben.

100 Millionen Tonnen CO2-Emission in Deutschland weniger?

Die Denkfabrik Agora Energiewende hat sich trotzdem an zwei Szenarien gewagt - eines, in dem die Auflagen nur wenige Wochen dauern und eines, in dem die Krise drei Monate lang anhält. So oder so werde der Lockdown zu "signifikanten CO2-Einsparungen führen", sagt Umweltingenieur Frank Peter gegenüber dem Deutschlandfunk. Er hat an der Analyse des Thinkthanks mitgewirkt. "Wir sagen, dass die Coronakrise abhängig davon, wie lange sie dauert, 30 bis 100 Millionen Tonnen zusätzlich mindert." Das entspräche rund einem Achtel aller Kohlenstoffdioxid-Emissionen Deutschlands aus dem vergangenen Jahr.

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Gute Nachrichten, eigentlich. Experten rechnen aber mit einem sogenannten "Rebound-Effekt" - dann, wenn die Maßnahmen gelockert werden, werde der Ausstoß an Schadstoffen in die Höhe schnellen. "Nach der Krise sind diese Emissionen wieder da", sagt Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, der mit Blick auf den derzeitigen Reisestopp der Deutschen von einem "Einmaleffekt" ausgeht. Vergleichbare Effekte wurden etwa nach der Finanzkrise 2008 gemessen. Damals ging der Ausstoß an Treibhausgasen zwar nur leicht, aber messbar zurück - um dann massiv zuzulegen. Etwa weil Staaten wie China gigantische Subventionsprogramme starteten, um Infrastrukturprojekte wie Straßen und Kraftwerke zu forcieren.

"Corona kann nicht bedeuten, andere Krisen zu befeuern"

All das, warnen Öko-Aktivisten in Deutschland, drohe auch hierzulande nach der Corona-Krise. "Geld, das ausgegeben wird, muss so verteilt werden, dass es mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar ist", fordert Helena Marschall, eines der Gesichter der bundesweiten Fridays-for-Future-Bewegung. "Diese Finanzspritzen, die derzeit diskutiert werden, dürfen nicht benutzt werden, um klimaschädliche Industrien und Bereiche anzukurbeln." Die 17-Jährige fordert klare Richtlinien für die Hilfsprogramme, die die Bundesregierung derzeit plant. "Corona kann nicht bedeuten, dass wir andere Krisen weiter befeuern, um den Markt zu retten."


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Ob das Coronavirus zum Fluch oder Segen für das Klima wird, entscheidet sich jetzt, mahnen Aktivisten. "Das Thema ist gerade in den Hintergrund geraten", sagt Marschall. "Die Leute hören, die Emissionen sinken, wir müssen uns darum jetzt nicht mehr kümmern. Aber das ist eine tragische Fehlinterpretation."

"1,4 Millionen Menschen, das kann nicht einfach weg sein"

Mit Corona ist das Klima aus den Medien verschwunden, damit hat Fridays for Future zu kämpfen. Wie viele Menschen man überhaupt noch erreiche, das wisse man nicht, sagt Marschall. "Wir haben so einen Rückhalt in der Bevölkerung. Zuletzt waren 1,4 Millionen Menschen für das Klima auf deutschen Straßen - nur weil die Klimakrise gerade nicht so präsent ist sind diese Menschen nicht einfach weg." Mit internen Online-Seminaren und digitalen Streiks, etwa über Livestreams im Netz, versuche man die Bewegung in der Öffentlichkeit präsent zu halten. "Aber wenn uns die Hauptaktionsform, also Schulstreiks und Demos auf den Straßen, wegbricht, dann müssen wir uns schon erst zurechtfinden." Es gehe darum, jetzt den richtigen Ton zu treffen und Corona nicht zu verharmlosen.

Für den 24. April hatte Fridays for Future einen weiteren globalen Klimastreik geplant, Hunderttausende auf der ganzen Welt sollten auf die Straßen gehen, um den Druck auf die Politik zu erhöhen. Dass der Protest in gewohnter Manier stattfindet, scheint ausgeschlossen. "Aber wir haben noch ganz viele Ideen, wie wir das verantwortungsbewusst und den Sicherheitsvorkehrungen entsprechend machen können", sagt Marschall. "Ich denke, es wird eine Kombination aus Offline-Elementen, die jeder alleine und dezentral machen kann, und einem Online-Climatestrike werden." Derzeit berät die Bewegung noch intern, wie die Aktion konkret aussehen kann.

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"Skolstrejk för Klimatet" steht auf ihrem Schild, wie so oft. Greta Thunberg protestierte in New York, in ihrer Heimat Schweden, in Hamburg, begeisterte Zehntausende überall auf der Welt für das Klima auf die Straße zu gehen. Jetzt sitzt die 17-Jährige mit ihrem Hund Moses, einem weißen Labrador, auf dem Boden ihrer Wohnung. Sie schien nicht zu bremsen. Die letzten Wochen aber verbrachte Thunberg zuhause, sprach nur in Fotos und mit wenigen Zeilen zu ihren gut zehn Millionen Abonnenten auf Instagram. Es ist stiller geworden um die junge Schwedin. Das Gesicht der weltweiten Klimagerechtigkeitsbewegung hat sich, so sagt sie es selbst, "wahrscheinlich mit dem Coronavirus infiziert" - auch sie kann sich dem Thema, das die Schlagzeilen dominiert, nicht entziehen.

Warum die Corona-Politik Fridays For Future Mut macht

Fridays For Future will aus der Situation Mut schöpfen. Natürlich sei es frustrierend, dass sich die Politik jetzt bei Corona genau an die Vorgaben der Wissenschaft halte, in der Klimafrage aber nicht. "Gleichzeitig kann das aber ja auch zeigen, was politisch möglich ist", sagt Marschall, der Status Quo sei veränderbar. "Wir sehen, es liegt nicht an einem grundsätzlichen Unwillen der Politik, zu handeln. "

Die Klimakrise ist vielleicht vorerst medial in den Hintergrund getreten, weg ist sie deswegen aber noch lange nicht, sagt die 17-Jährige. "Wir werden noch eine starke Stimme sein, wenn es darum geht, wohin die vielen Milliarden verteilt werden." Spätestens dann, wenn Rom wieder nach Diesel stinkt, Smog über China liegt oder sich die Kanäle in Venedig wieder braun färben.

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