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"Untauglich": Epidemiologen kritisieren Inzidenz als Pandemie-Maßstab

Tenor: "Wir setzen falsche Prioritäten" - 16.04.2021 11:29 Uhr

Forschern des TU Wien-Spin-off Nanographics gelang diese Aufnahme des Corona-Erregers. Es handelt sich dabei nicht um computergenerierte Modelle, sondern um durch neue Techniken entstandene 3D-Abbildungen "echter" SARS-CoV-2-Viren aus schockgefrorenen Proben.

18.01.2021 © Peter Mindek, dpa


Während der aktuelle Chef-Virologe der Charité, Christian Drosten, die Regelungen nicht für ausreichend hält, um die Lage auf den Intensivstationen zu entschärfen, hadert sein Vorgänger Detlev Krüger mit der Bemessungsgrundlage. In einem offenen Brief an den Deutschen Bundestag waren er und der ehemalige WHO-Experte Klaus Stöhr eindringlich vor der vom Bundeskabinett angestrebten Veränderung des Infektionsschutzgesetzes.


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"Wir raten dringend davon ab, bei der geplanten gesetzlichen Normierung die '7-Tages-Inzidenz' als alleinige Bemessungsgrundlage für antipandemische Schutzmaßnahmen zu definieren", schreiben Krüger und Stöhr in ihrem Brief, den die Zeitung "Welt" veröffentlicht. Auch andere Medien, wie etwa der Sender N-TV, berichteten darüber.

"Drastisch unterschiedliche Bedeutung"

Der Inzidenzwert gebe "aufgrund der durchaus erwünschten Ausweitung von Testaktivitäten zunehmend weniger die Krankheitslast in der Gesellschaft wieder", so die Experten. "Die im Gesetzesvorhaben vorgesehene 7-Tages-Inzidenz differenziert nicht, in welchen Altersgruppen, Lebensräumen und Bevölkerungsgruppen Infektionen auftreten. Eine gleich hohe Inzidenz kann dramatisch unterschiedliche Bedeutung haben."

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Ähnlich sieht das auch der Epidemiologe Gérard Krause, nennt die 7-Tage-Inzidenz in einem Interview mit der "Tagesschau" sogar "untauglich. Die Sieben-Tage-Inzidenz entkoppelt sich immer mehr von der eigentlichen gesundheitlichen Lage." Wie seine Kollegen sieht auch er als Grund für die hohen Inzidenzen die vermehrten Tests. "Soweit ist das gut, aber die Sieben-Tage-Inzidenz reflektiert nur die positiven Tests - und nicht, ob die Menschen auch erkrankt sind. Dazu kommt, dass der Wert nicht berücksichtigt, welche Bevölkerungsgruppen betroffen sind." Zudem würden die schweren Erkrankungen durch die Impfungen seltener.


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Krause schlägt in dem Interview zudem auch einen alternativen Wert vor: "die Anzahl der intensivmedizinischen Neuaufnahmen binnen einer Woche pro 100.000 Einwohner der Herkunftsorte der Patienten." Das würde, so die Meinung des Experten, die Lage besser abbilden als die bisherige Sieben-Tage-Inzidenz.

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