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Verschwörungstheoretiker: "Alle als Spinner abzutun, wird vielen nicht gerecht"

Trump hält der Bamberger Psychologe nicht für einen Verschwörungstheoretiker - 12.05.2020 05:55 Uhr

Vor der Lorenzkirche in Nürnberg demonstrierten zahlreiche Menschen gegen die Corona-Beschränkungen. © Eduard Weigert


Herr Raab, woran erkenne ich Verschwörungstheoretiker?
Marius Raab: Aus unserer empirischen Forschung wissen wir: In jedem Menschen steckt ein kleiner Verschwörungstheoretiker, was den einen oder anderen Lebensbereich betrifft. Der Begriff ist als Abgrenzung oder Zuschreibung deshalb problematisch. Es geht eher um die Inhalte, die jemand vertritt.

Und wenn mein Nachbar plötzlich vor einer Zwangsimpfung im Geiste von Bill Gates warnt, die er kommen sieht?
Raab: Erst mal mit ihm reden. Wird jemand aber hetzend, – dann am besten das tun, was man auch ohne Verschwörungstheorie täte: Kontra geben und dagegen einstehen. Vorsicht bei einfachen Antworten auf komplizierte Fragestellungen.

Sind Verschwörungstheoretiker gefährlich für eine Demokratie?
Raab: Per se nicht. Eine Verschwörungstheorie kann sich für Bürgerrechte einsetzen, aber auch gegen Juden Stimmung machen. Es geht darum, genau auf die Inhalte zu zuschauen.

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Spielen Verschwörungstheoretiker tendenziell radikalen Parteien in die Hände?
Raab: Ja. Denn es geht meistens um Sorgen – ob berechtigt oder nicht. Menschen, die Sorgen haben, sind anfällig für radikale Zuspitzungen. Das kann etwa mit dem Gefühl zu tun haben, keinen Einfluss mehr zu haben, keine Teilhabe an der Gesellschaft. Und so ein Gefühl ist unabhängig vom Wohlstand und kann gut situierte Menschen ebenso überkommen wie andere.

Ist Donald Trump in Ihren Augen Verschwörungstheoretiker?
Raab: Er hat schon öfter Dinge gesagt, die darauf hindeuten. Und dann wieder das Gegenteil davon. Verschwörungstheoretiker hingegen sind eher Menschen mit festen Überzeugungen, die sie nicht jeden Tag ändern. Sie glauben, was sie sagen. Da sehe ich bei Trump eher ein politisches Kalkül.

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Von den Freimaurern bis zu den Reichsbürgern: Wie kompliziert ist es für Sie in der Forschung, die einzelnen Lager zu erfassen?
Raab: Sie sind schwer zu greifen. Ein großes Merkmal ist tatsächlich das Misstrauen – gerade gegenüber der Wissenschaft. Wir haben vor wenigen Tagen eine Studie zum Thema Alternative Medizin und Verschwörungstheorie beendet. Und wenn man mit den Menschen redet, merkt man: Das sind oft kluge und reflektierte Menschen, die aus persönlichen Gründen eine sehr extreme Überzeugung entwickelt haben. Sie nur als Spinner abzutun, wird vielen nicht gerecht und befeuert eher die gefährlichen Lager und das Extremismusdenken. Das spitzt dann alles nur noch weiter zu.

Hat unser Zugriff auf die sozialen Medien den Wirkungskreis von Verschwörungstheoretikern erweitert?
Raab: Schwer zu sagen. Früher gingen diese Theorien über Bücher, über handkopierte Zettel herum oder wurden mündlich überliefert. Man musste jemanden persönlich kennen oder in einen obskuren Buchladen gehen. Die Theorien waren in der Allgemeinheit weniger sichtbar. Jetzt sind sie oft nur einen Klick entfernt. Das heißt aber nicht automatisch, dass es heute mehr Verschwörungsgläubige gibt als früher.

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Wo hört Verklärung auf, fängt Fanatismus bei den Verschwörungstheoretikern an?
Raab: Da, wo er sich gegen Menschen richtet. Gefährlich wird es, wenn zu Aktionen gegen andere aufgerufen wird, zu öffentlicher Hetze. Verklärung ist problematisch. Antisemitismus war nie romantisch.

Was macht für Sie das Thema spannend?
Raab: Ich kam schon als Kind mit entsprechenden Büchern in Berührung, den „Geheimgesellschaften“ von Jan van Helsing zum Beispiel. Da steckte eine interessante Mischung drin: esoterische Versatzstücke die sehr schillernd waren, wilde Theorien, und auch Dinge, die mich heute abstoßen. Es war, wie in eine andere Welt einzutauchen. Heute interessiert mich die Vielfalt der Theorien. Und als Forscher sehe ich, dass nicht jede Verschwörungstheorie gefährlich sein muss oder schlecht. Gefahr droht aber immer, wenn wir die Menschen hinter dem Phänomen generell abkanzeln, anstatt uns mit ihnen auseinanderzusetzen.


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Christian Mückl

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